Mosaik einer entzauberten Welt

Mit «Heldelieder» erzählt der Berner Musiker Christoph Trummer Geschichten, zu denen er auf seinen Reisen inspiriert wurde. Die Mischung aus Liedersammlung und Reisetagebuch lässt die Figuren über die Songs hinauswachsen.

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Fred ist alleine. Er ist nicht «single» oder «solo», das würde zu positiv klingen. Er ist allein und verloren in einer Welt, in der man eigentlich zu zweit sein müsste. Findet zumindest seine Mutter Lisbeth. Fred mag nicht mehr darüber sprechen, warum er keine Frau findet. Deshalb bespricht Lisbeth ihre Sorgen um den 55-jährigen Sohn lieber mit ihrem Mann Werner. An dessen Grab.

Auch Tinu ist allein. Er lebt zwar mit seiner Frau Ruth zusammen, aber die Liebe blieb irgendwann auf der Strecke. Überholt von der Zeit, die zu schnell vorbeiraste. So sind Tinu und Ruth stehen geblieben. Jeder für sich. Jeder allein.

Kollidiert und gestolpert

Die Welt rund um Fred, Tinu und Ruth ist melancholisch und desillusioniert. Es sind Figuren, deren Erwartungen irgendwann mit der Realität kollidierten, die gestolpert sind und sich mehr oder weniger gut wieder aufgerappelt haben. Hinter den Namen stecken keine real existierenden Personen, aber sie wurden von Menschen inspiriert, denen der Berner Oberländer Liedermacher Christoph Trummer auf seinen Reisen begegnete. Für sein CD-Buch «Heldelieder» reiste er nach Afrika und mehrmals nach Osteuropa, sog die Eindrücke und Lebensgeschichten der Spontanbekanntschaften auf und verarbeitete sie in Songs und in einem Buch – einer Mischung aus Songbook, Notiz- und Reisetagebuch. Den Figuren gab der Zürcher Maler und Illustrator Andreas Gefe in düster-poetischen Bildern ein Gesicht.

Vom Gospel zum Soldatenlied

Die Songs und Geschichten drehen sich um 15 Figuren, die alle irgendwie miteinander verbunden sind. Vater und Sohn, die sich ein Leben lang verpassen, eine kriegsversehrte Immigrantin, die immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Eine Kenianerin, die nicht recht heimisch wird. Auch Jenä taucht in den Heldenliedern wieder auf. Die Studentin und ewig unglücklich Verliebte kennt man schon von früheren Songs wie «Chunnt scho guet» oder «Gschyd wär anders». Über dreissig Mitmusiker und Mitsänger, darunter Büne Huber, Nadja Stoller und Valeska Steiner vom Duo Boy, haben bei «Heldelieder» mitgewirkt. Dabei kommt «Ludmilla» von Patent Ochsner in einer Version von Trummer zu neuer Ehre. Auch musikalisch liess sich der 35-Jährige von den bereisten Ländern inspirieren – da taucht mal ein Gospel oder ein transsilvanisches Soldatenlied auf, mal erklingt ein Akkordeon, eine Pfeife, ein Cajon (Kistentrommel) oder eine Orgel.

Es sind Lieder voller emotionaler Kraft, in denen Trummer seinen Figuren mit Empathie und Neugier begegnet und sich ganz unaufgeregt mit den grossen Fragen des Lebens und dem Fremdsein beschäftigt. Dabei gibt er keine Antworten, vielmehr stellt er sich als Beobachter und Geschichtenerzähler in den Dienst seiner Figuren, denen er mit seinem zerbrechlichen, manchmal schlurfenden Gesang Kontur verleiht und die er ganz uneitel über die Songs hinauswachsen lässt. So auch Tinu und Ruth, die im zarten Lied «Im Netz» (gesungen von Trummer und Valeska Steiner) konstatieren: «Meinsch die andere heis gwüsst, wie churz die Jahr sy?/ Jitz luenis a/ Irgendöpper het bschisse.»

Keine Helden

«Heldelieder» ist kein verklärendes Buch über Alltagshelden. Es ist das Mosaik einer entzauberten Welt, in der Hoffnungen so schnell begraben werden, wie sie aufkeimten. Aber ganz nebenbei zeigt «Heldelieder» die viel zitierte «Masse» nicht als unkontrollierbare Macht, sondern als eine Ansammlung einzelner Geschichten. Es braucht nur einen, der hinhört.

Trummer: «Heldelieder», Endorphin. Konzert und Buchvernissage: Sa, 1.März, 21Uhr, Dampfzentrale, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.02.2014, 09:33 Uhr

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