«Meine Musik macht Menschen sogar aggressiv»

Kompromisslos und unermüdlich geht Heinz Holliger, der Langenthaler Klangkünstler, seinen Weg. Als Oboist. Als Dirigent. Als Komponist. Im Mai wird er 75. Ein Gespräch zwischen Kulturpessimismus, Provokation und Selbstironie.

«Es gibt Menschen, die mit 20 vergreist sind»: Der Musiker Heinz Holliger (74).

«Es gibt Menschen, die mit 20 vergreist sind»: Der Musiker Heinz Holliger (74). Bild: Roland Schmid

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Holliger, sind Sie ein Fanatiker?
Heinz Holliger: Das Wort hat einen schlimmen Unterton. Hitler, Goebbels, das waren Fanatiker. Ich bin eher ein Besessener. Mein Verhältnis zu Musik ist obsessiv und existenziell.

Wenn man Ihre Biografie anschaut, erhält man den Eindruck: Etwas anderes als Musik hat es nie gegeben.
Ich brauche Musik wie Sauerstoff zum Atmen. Musik ist nicht eine Zutat im Leben, wie das die Leute immer denken: Am Abend ein bisschen ins Konzert sitzen, um sich vom Geldverdienen zu erholen.

Sondern?
Musik war immer etwa Rituelles. Musik hat jede Handlung, jede Lebenssituation der Menschen begleitet. Jeder Handwerker, jeder Bauer hat gesungen, an jeder Beerdigung hat man gesungen, an der Hochzeit, bei der Geburt eines Kindes. Das war etwas Selbstverständliches.

Bei Ihnen zu Hause auch?
Ja. Aber nicht nur. Bei uns wurde viel musiziert. Mein Bruder, der Theaterregisseur, hat gespielt, ja sogar komponiert. Mein Vater war ein begabter Geiger. Kein Berufsmusiker, er war Arzt. Meine Mutter hat auch Klavier gespielt. Und beide haben auf beinahe professionellem Niveau gemalt. Ein Talent, das ich leider nicht geerbt habe.

Stimmt es, dass Ihr Vater nicht wollte, dass Sie Berufsmusiker werden?
Das waren halt die Klischees, die herumgeisterten: dass Musiker kein Beruf sei. Im Kanton Bern mussten Konzertveranstalter bis 1919 ein Hausiererpatent lösen. Weil die Musiker zum fahrenden Volk gezählt wurden. Die Sorge meines Vaters war aber vor allem, dass die Kultur der Liebhabermusik kaputtgeht. Und er hatte recht.

Woran machen Sie das fest?
In Langenthal und den umliegenden Orten habe ich fast jeden Samstag in einem Orchester gespielt. Überall gab es Liebhaberorchester auf ziemlich hohem Niveau. Viele solche Orchester sind verschwunden. Auch die Chöre haben Schwierigkeiten. An den Schulen ist der Musikunterricht jämmerlich entsorgt worden. Vieles geht da verloren.

Es gibt einfach andere Formen, andere Gefässe. Manchen erscheint eine Castingshow wie «The Voice» halt attraktiver...
Heute singen die meisten in einer Sprache, die sie gar nicht beherrschen, eine grösstenteils synthetisch hergestellte «Musik». In Ungarn gibt es ein Volksliedlexikon mit über zwanzigtausend Volksliedern. Wir in der Schweiz haben fast nichts mehr. Wir sind unglaublich arm geworden, innerlich verarmt, was die Tradition, die Verbindung von Kunst und Leben betrifft. Und unsere eigene Sprache, unsere eigene Musik ist kaputt gemacht worden von Grosskonzernen mit ihren Importprodukten.

Sind Sie ein Popmusikverächter?
Nein, ich bin ein Verächter jener, die sie vermarkten. Und die Leute manipulieren und missbrauchen.

Missbrauchen?
Ja. Sie wissen zum Beispiel, dass hohe, das Gehör schädigende Dezibelzahlen und tiefe Frequenzen hypnotisch wirken. Das wird gnadenlos ausgenutzt. Die Musikvermarkter agieren wie Drogenhändler.

Klingt nun doch etwas fanatisch...
Ich sehe es so, andere dürfen es anders sehen.

Denken Sie, als Komponist haben Sie einen moralischen Auftrag?
Es hat schon etwas mit Ethik zu tun, wenn man Kunst macht. Dass man meint, vielleicht etwas bewirken zu können mit Musik. Nicht nur die Nerven zu kitzeln oder den Leuten einen schönen Feierabend zu bescheren. Dass Musik die innerste Gefühlswelt des Menschen erreichen kann.

Haben Sie das von Ihrem Lehrer Sándor Veress? Auch er hat vom «moralischen Anspruch» gesprochen.
Er meinte etwas anderes. Dass man sich in eine Tradition einschreibt, sobald man etwas zu Papier bringt. Veress sagte, man dürfe keine einzige Note schreiben, die man nicht mit seinem vollen Wissen und Gewissen rechtfertigen könne.

Das können Sie von sich behaupten?
Ich habe es jedenfalls so gelernt. Dass man nie schludern soll beim Komponieren. Nicht reinfallen auf billige Erfolgsrezepte und auf das, was gerade angesagt ist. Dass man, völlig altmodisch, immer versucht, sich selber treu zu bleiben, sich nichts vorzulügen.

Ein anstrengendes Konzept.
Das einzige, das zum Ziel führt (lacht).

Wie geht das eigentlich genau: Komponieren?
Paul Hindemith sagte, die Inspiration beim Komponieren sei vergleichbar mit einem Blitz, der die Landschaft für den Bruchteil einer Sekunde erhelle. So ist es oft: Dass man die Idee sieht, dann ist es wieder finster. Man muss sich dann sehr langsam hindurchtasten. Manchmal funktioniert Komponieren aber auch so, wie Paul Klee seine Arbeit beschrieben hat: dass man irgendwo beginnt und ein Werk wie aus einem Samen heraus spriessen lässt. Bei Beethoven lässt sich das gut beobachten.

Das heisst?
Er beginnt oft bei einer ganz simplen musikalischen Idee, bei der man denkt: Was, bitte, soll das denn? Dann explodiert das Motiv, zu einem Riesenwerk.

Die grossen Komponisten waren alle Spinner, oder nicht?
Um zu komponieren, muss man spinnen. Nur weiss ich nicht, was verrückter ist: zu komponieren oder als Angestellter den ganzen Tag in einem Büro vor dem Computer zu sitzen (lacht).

Arbeiten Sie denn nicht auch am Computer?
Ich habe keinen Computer. Ich habe auch kein Handy, kein iPhone, mir ist schleierhaft, was die Leute dort suchen, stundenlang. Ich habe nur ein Faxgerät. Und ich komponiere von Hand.

Wissen Sie, wie viele Werke Sie komponiert haben?
Das ist mir völlig egal. Ich gebe den Stücken auch keine Opus-Nummer. Aber es sind mittlerweile sicher gegen 130.

Welches ist Ihnen am wichtigsten?
Das kann ich nicht sagen.

Ich mag «Cardiophonie» von 1971: Der Oboist spielt nach seinem Herzrhythmus, bis er tot umfällt... Naja, die Vorgabe ist: Spielen bis zur Erschöpfung, es muss nicht unbedingt der Tod sein. Ich habe es schon lange nicht mehr gespielt. Etwas bombastisch, das Stück.

Sie stehen nicht mehr dazu?
Doch. Es wird auch oft aufgeführt. Aber für mich gehört es einer anderen Zeit an. Anfang der Siebzigerjahre habe ich ziemlich wilde Stücke geschrieben (lacht).

Sie gelten als bedeutendster Schweizer Komponist der Gegenwart. Die breitere Öffentlichkeit kennt sie aber vor allem als Oboist...
Das ist halt meine Schokoladenseite. Es entzückt alle Leute. Wenn sie dann meine eigene Musik hören, bei der ich mein Innerstes nach aussen kehre, werden sie zum Teil sogar aggressiv.

Nervt Sie das?
Nein. Eigentlich kann ich mich ja auch nicht beklagen. Meine Musik wird oft aufgeführt. Eben hat das Theater Basel eine wunderbare Neuproduktion meiner «Schneewittchen»-Oper gemacht. Ich habe von Leuten gehört, die vier-, fünfmal hingegangen sind. Und dieses Werk ist nun wirklich schwere Kost.

Trotzdem hat es zeitgenössische Musik schwer im klassischen Betrieb. Weshalb?
Die Musikveranstalter machen es sich zu leicht. Die Konzertprogramme sind oft schrecklich, zusammengewürfelte Meisterwerke oder das, was der Solist in der Saison halt grad bietet. Das sind Allerweltsprogramme: McDonald’s im Konzertsaal. Da wird niemand zum Denken animiert.

Unterschätzen die Veranstalter das Publikum?
Ich finde, ja. Mich erstaunt immer wieder, wie leicht man Leute motivieren kann, etwas Neues, auch Vertracktes zu hören, wenn sie ein bisschen mehr darüber wissen.

Es gibt also ein Vermittlungsproblem.
Nicht überall. Bern zum Beispiel hat jetzt viel Glück mit seinem Chefdirigenten. Mario Venzago ist ein beherzter Vermittler, und er macht sehr gute Konzertprogramme.

Mit dem Publikum haperts dennoch.
Ja, aber alles braucht seine Zeit. Früher hat man in Bern Dirigenten bewundert, die sich vor allem durch Lackschuhe, schöne Fräcke und ziemlich konventionelle Programme auszeichneten. Jetzt weht ein anderer Wind. Aber wie wir aus der Geschichte wissen: Die Berner merken oft erst mit Verzögerung – und meistens zu spät –, dass sie geniale Leute in der Stadt haben.

Sie denken an...
...Paul Klee, Mani Matter, Sándor Veress, Jürg Wyttenbach, Roland Moser, Daniel Spoerri. Auch an Kurt Marti, ein grosser Schriftsteller, und niemand kümmert sich gross um ihn.

Sind die Berner denn besonders verstockt?
Nun ja, in Basel zum Beispiel ist die geistige Neugier sicher grösser, man ist weniger in Denkschemen gefangen. Das Spannendste fand in Bern immer schon unter dem Boden statt.

Sie meinen, in den Kellertheatern?
Da ist viel ganz Wesentliches entstanden. Auch in der Waldau ist Wesentliches entstanden. Aber das ist nicht nur ein Berner Phänomen.

Herr Holliger, Sie werden am 21. Mai 75. Mir scheint, Sie haben einen unendlichen Atem, nicht nur als Oboist. Täuscht dieser Eindruck?
Es gibt Menschen, die mit 20 vergreist sind, geistig vergreist. Hingegen: Ich habe den Komponisten Elliott Carter gekannt, der wirkte mit 103 wie ein junger Mann. Musik ist eine Lebensquelle. Aber ich fühle mich jetzt weder alt noch jung. Eigentlich interessiert es mich gar nicht. Plötzlich sehe ich: Ah, schön, da werden Werke von mir aufgeführt. Dann merke ich, dass es für irgendeinen Geburtstag ist.

Das freut Sie dann.
Nein. Es gäbe doch bessere Gründe, sie aufzuführen. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 22.04.2014, 14:19 Uhr)

Heinz Holliger im Gespräch

Auf kurz nach 16 Uhr hat er sich angekündigt – gegen Viertel vor fünf trifft er schliesslich ein, zum Interview in der Sacher-Stiftung beim Basler Münsterplatz. Heinz Holliger kommt von einer Konzertprobe in der nahen Lesegesellschaft: «Histoire du Soldat» von Igor Strawinsky. Holliger gibt den Erzähler – im Strawinsky-Stück ebenso wie beim Interview.

Dazu, sich fotografieren zu lassen, er mag es eigentlich nicht, musste er erst überzeugt werden. Holliger kämmt sich. Seine anarchischen Haare sind legendär, scheinen inzwischen aber kürzer und gezähmt. Es ist der Musiker, der das Interview eröffnet: «Worüber sprechen wir?», fragt er. «Über alles», antwortet der Interviewer. Holliger lacht: «Wer alles will, bekommt am Ende nichts», sagt er. Es ist die Moral des «Histoire du Soldat».

Klug, ausschweifend klingen seine Sätze, nur ungern lässt er sich unterbrechen. Er ist es nicht gewohnt, wahrscheinlich. Dabei würde manches, was er sagt, zum Einspruch zwingen. Holliger ist streng, mit sich und der Welt. Doch er ist kein verbissener Dozent mit dem strikten Anspruch darauf, das Richtige zu meinen. Immer wieder lacht er, auch über sich. Und noch der harscheste Kultur-pessimismus erscheint gemildert durch seine Stimme, seinen Dialekt, der alles rundet.

Holliger, geboren 1939 in Langenthal, hat sich als Oboist, aber auch als Komponist und Dirigent einen internationalen Ruf geschaffen. Früh begann er mit dem Oboenunterricht, und bereits mit 14 legte er erste Kompositionen vor. 1956 begann Holliger sein Studium am Konservatorium Bern, unter anderem bei Sándor Veress (Komposition). Später ging er nach Paris, nahm Unterricht bei Pierre Pierlot (Oboe) und Pierre Boulez (Komposition). Es folgten weltweite Gastspiele als Solooboist. Holliger hat zahlreiche Kompositionen geschaffen, von Bühnen- über Orchester- und Solowerke bis hin zu Vokalstücken.

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Patchwork-Family: Ein junger Fuchs spielt in einem Tierheim im ungarischen Pomaz mit einem Hund (29. Mai 2016).
(Bild: Attila Kovacs) Mehr...