Keith Jarretts böses Genie führt zu Ausraster in Zürich

Wer am letzten Freitag in der Tonhalle war, konnte es Live miterleben: Einen der berüchtigten Ausraster des Ausnahmepianisten Keith Jarrett.

Fühlte sich provoziert – von einem roten Lämpchen: Pianist Keith Jarrett.

Fühlte sich provoziert – von einem roten Lämpchen: Pianist Keith Jarrett.

Es passiert nach der zweiten Zugabe. Eben hat Keith Jarrett «I'm a Fool to Want You» interpretiert. Genauso berückend will einem seine poetische Version vorkommen wie die unsterbliche Anverwandlung, die Billie Holiday von diesem Song hinterlassen hat. Ein seltener, ein wunderschöner Konzertabend neigt sich dem Ende zu, fünfzehn Jahre ist Jarrett als Solopianist nicht mehr in Zürich aufgetreten.

Jarret fühlte sich gestört

Jarrett geht nach der zweiten Zugabe ab. Kommt zurück und könnte sich jetzt vom Publikum huldigen lassen. Doch er nimmt das Mikrofon – und hält eine Suada. Wo während des Konzertes schon ein Huster im Publikum dazu führen kann, dass der Pianist ein Stück abbricht, hat er beim Zürcher Auftritt nun im Dunkel des Saals das rote Lichtlein einer Digitalkamera entdeckt – und für Jarrett gibt es kein Halten mehr. Hell ausgeleuchtet ist mittlerweile der Saal, und Jarrett strengt einen Schauprozess an. Wie ein kleiner Jazz-Stalin steht er auf der Bühne: Die Person mit der Kamera solle sich unverzüglich melden, die Kamera hochhalten und «sorry» sagen. Niemand im Publikum rührt sich. Jarrett wiederholt die Aufforderung. Niemand rührt sich. «Wisst ihr, was ich tue?», wütet Jarrett jetzt, «ich werde dieses Arschloch vergessen!» Setzt sich an den Flügel und spielt eine weitere kurze Zugabe.

Konsterniertes Publikum

Wie paralysiert sitzt ein grosser Teil des Publikums da, zusätzlich frappiert auch darüber, dass manche Konzertbesucher sogar diese Tirade ihres Abgottes noch beklatschten. Nun hat man also selber live erlebt, was man vorher nur vom Hörensagen kannte: den ausrastenden Keith Jarrett. Seine Kunst adle ihn vorbehaltlos, und man müsse über seine Mätzchen hinwegsehen – so hatte man zuvor gedacht. Jetzt nicht mehr. Wer die Entgleisungen Jarretts live erlebt, sieht ihn nun anders. Was als Erzählung noch wie eine lustige Extravaganz wirken mag, ist, erlebt man es unmittelbar, nur noch schmerzlich und unerträglich.

Musikalisch grandios

Nun aber zu den musikalischen Aspekten von Jarretts Zürcher Konzert. Sagen wir es knapp: Keith Jarrett spielte hinreissend. Eine eindrückliche Intensität des Musizierens – ganz gleich, ob er verinnerlicht spielt, sich krümmt vor seiner Tastatur wie ein Komma und fast in sein Instrument hineinkriecht, dabei Passagen unglaublich sanft hintupft, oder ob er zum improvisierten Allegro barbaro ausholt, in den Tasten wühlt und die Klänge versetzt mit seinen exaltierten «Ah»- und «Oh»-Ausrufen. Besonders an Jarrett ist auch die Courage, das Schöne, ja Kitschige unzensiert auszuspielen, um Sekunden später wieder in zerklüftete Akkorde einzusteigen.

Ein bitterer Nachgemschmack

Aber ist das nach dem Konzert überhaupt noch von Belang? Jarretts Ausfälle graben sich stärker in die Erinnerung der Konzertbesucher ein als seine noch so feinsinnige Klavierpoesie. Das Publikum wird nach dem Konzert kaum über die Musik gesprochen haben. Bei einem Konzert, bei dem es im Unterschied zur CD um eine Begegnung von Künstler und Publikum geht, sollte sich auch ein böses Genie wie Jarrett nicht alles erlauben. So aber hat Keith Jarrett in Zürich den Grossteil eines ihm im Grund ergebenen Publikums verprellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2009, 06:13 Uhr

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32 KOMMENTARE

werner seidel

21.10.2009, 22:05 Uhr

Auch ich fand das Konzert außergewöhnlich und kann den Kommentar von Bernhard Kobel voll unterstreichen.


Martin Gebhardt

21.10.2009, 14:42 Uhr

Ich musste nach der 2. Zugabe aus dem Saal rennen (letzter Zug nach Bern). Schade, offenbar habe ich nicht nur eine 3. Zugabe verpasst. Dass die Musik phantastisch ist, weiss man schon von den CDs. Auch diesmal waren einige Stücke drunter, von denen es kaum zu glauben ist, dass sie spontan entstehen. Meine extra Anreise hat sich gelohnt, um auch mitzuerleben, wie sie entstehen, samt KJs Nervosität


Ralf Richard

20.10.2009, 14:14 Uhr

Meinerseits kann nicht die Rede davon sein, dass ich aus irgendwelchen Rücksichtsgründen applaudierte. Ich habe Keith's Kommentar auch nicht als Ausraster empfunden. Ich habe ich für seine Ansicht volles Verständnis. Und man kann nicht davon reden, dass Keith heikel ist. Uber das Bohrmaschinengeräusch hat er doch sehr humoroll reagiert. Jeder sieht was er will, Sie wollen wohl die Diva in ihm sehe


Roland Di Dario

19.10.2009, 16:29 Uhr

Kaum zu glauben, sowas!!! Dennoch gibt es solche 'Ausraster' - auch gegenüber dem Publikum - an Konzerten immer wieder mal. Erinnere mich z.B. an Patti Smith an der Foire aux Vins im Sommer 2003, wo sie jemanden - absolut zu Recht - angefaucht hat, der immer wieder Zigarrenstümmel auf die Bühne geschmissen hat. Und meinte: Noch ein Wurf...and I fucking stop this fucking concert!!!


Tom Gesti

19.10.2009, 15:46 Uhr

KJ ist wahrlich ein Genie, er macht wunderbare Musik. Wie er gegenüber seinen Fans agiert, sei ihm überlassen. Ob man sein Verhalten akzeptiert, ist eine andere Frage. Ich höre seine Musik nicht mehr, ebenso wie diejenige von Steve Coleman, nachdem er an einem Liveauftritt vor meinen Augen einen Ausraster hatte. Fazit: Hört KJ und die anderen Divas und regt euch nicht auf; oder ignoriert sie.


Marco De Luca

19.10.2009, 14:57 Uhr

@Dante Eggenberger, Boris Nork: Meines Wissens wurde niemand an das Konzert gezwungen. Wenn Sie andere Musiker besser finden, ist das OK. Aber glauben Sie mir, es gibt eine Menge Leute, die Keith Jarrett lieben und es gibt eine grosse Anzahl Besucher des Tonhalle-Konzerts, die diesen Auftritt hervorragend fanden. Schade eigentlich, dass wir hier so viel Negatives dazu lesen.


Dante Eggenberger

19.10.2009, 14:28 Uhr

Gee, das ist ein Service: eine Sammlung von Publiumsbeschimpfungen inkl. Handkes exzellentes - wie ich finde - Stueck. A propos Ausraster. War es in Genf, glaub ich, in den 80ern, als LOU REED - damals noch von aufbrausendem Temperament - das Konzert abbrach, als einer dauernd sein "Heroin" hoeren wollte?


Helmut A. Preuss

19.10.2009, 14:24 Uhr

Seit doch geraumer Zeit herrscht bei allen Konzerten striktes Aufnahmeverbot in Bild und Ton. Welcher Clown hat denn das noch nicht gewusst? Keith Jarrett wollte übrigens nicht ein Wort, sondern eine Geste der Entschuldigung (Hochhalten der Kamera), doch der Herr in der dritten Reihe hatte da plötzlich keinen Mut mehr. Schade, denn er war und ist für den Nebengeschmack verantwortlich.


Dante Eggenberger

19.10.2009, 14:20 Uhr

@ Boris Nork: ganz Ihrer Meinung. @ phil barbier: Finde, Ibrahim wird wie Jarrett komplett ueberschaetzt. Nicht nachvollziehbar, wie die ihren Status erlangten. Bei mir jedenfalls regt sich rein gar nichts.


Marcel Aegerter

19.10.2009, 14:06 Uhr

Keith Jarrett ist ein grossartiger Künstler und kann von seinem Publikum den Respekt erwarten, der ihm gebührt. Wenn er mit fotografierendem, handyfuchtelndem Publikum konfrontiert wird, ist es sein gutes Recht, dies als Respektlosigkeit gegenüber seiner Kunst zu werten. Ich bin selbst Musiker und denke, man sollte vor solch respektlosem Publikum seinen Auftritt einfach abbrechen dürfen.


Bernhard Reto

19.10.2009, 14:06 Uhr

Die böse Kunst, das Negierende über das Geniale zu stellen. Dies wäre meine Schlagzeile zum Konzertkritker. Dieses Konzert wird mir und vielen anderen durch Jarretts Können und die Intensität seines Pianospiels nachhaltig in Erinnerung bleiben. Der Journalist scheint hingegen tiefer beeindruckt vom verbalen Zwischenspiel. Schade für die unverhältnismässige Gewichtung seiner Berichterstattung.


Sven Zuercher

19.10.2009, 14:04 Uhr

Meine Guete, habt ihr denn wirklich nichts besseres zu tun, als euch ueber einen kleinen deplazierten Spruch von dem Klavierspieler aufzuregen? Beschaeftigt euch das im Ernst mehr als die unglaubliche Musik von diesem Mann? Wenn man diesen Artikel liest, hat man das Gefuehl, einer Bande von 12- jaehrigen Maedchen zuzuhoeren.


Jean Graf

19.10.2009, 13:58 Uhr

Videoaufnahmen sind in Konzerten normalerweise verboten. Wer es trotzdem versucht, wird der Qualifikation von KJ vollumfaenglich gerecht. Dass KJ es vergisst und trotzdem weiterspielt, spricht fuer un nicht gegen ihn.


Kurt Zeiger

19.10.2009, 13:57 Uhr

Setzt diese Mimosen doch in einen Glaskasten der innen verspiegelt ist, dann hört und sieht er garantiert niemanden mehr.


phil barbier

19.10.2009, 13:15 Uhr

@rene klingler: bitte nehmen Sie sich etwas zurück in Ihren Aeusserungen - danke! K.J. gebührt Respekt - es gibt ganz, ganz wenige Pianisten ähnlicher Klasse . . . Randy Weston vielleicht oder Abdullah Ibrahim alias Dollar Brand . . . weiss doch auch nicht, wieso sich Besucher eines Konzertes Aufnahmen aller Art erlauben, wenn es doch ausdrücklich nicht erwünscht ist. Das Konzert war hinreissend!


Bernhard Kobel

19.10.2009, 13:14 Uhr

Ich war am Konzert und fand es begeisternd. Er spielte mit einer Intensität, die mich mitriss. Die Musik lebt vom Augenblick und ich kann Jarrett verstehen, wenn er keine Aufnahmen zulassen, sondern die Leute den Moment erleben lassen will. Dass es Leute gibt, die das nicht respektieren können, ärgert mich. Nicht Jarret hat sein Publikum verprellt, sondern das A., das nicht genügend Anstand hat!


Mario Monaro

19.10.2009, 12:53 Uhr

@rene klingler: also ich war an dem Konzert und sein Gebaren glich ganz bestimmt nicht einem wilden Untier. Es war auch kein eigentlicher Ausbruch, sondern ein genervtes Statement, das er wohl nicht zum ersten Mal gemacht hat. Er hat auch erklärt, warum er nicht möchte, dass seine Improvisationen gefilmt werden. Alles legitim finde ich. Welchen "Einfluss" Sie ansprechen ist mir schleierhaft...


rene klingler

19.10.2009, 12:20 Uhr

@mario monara! Ich möchte noch einen Zacken weitergehen, ich war nicht an dem Konzert, das hat aber ganz andere Gründe. Habe mir von einem sehr verlässlichen Augen- und Ohrenzeugen sagen lassen, dass man vermutet, dass Jarrett bei seinem Ausbruch offensichtlich unter einem gewissen "Einfluss" (es gibt verschiedene Arten von Einfluss!) stand. Sein Gebaren glich scheinbar einem wilden Untier!


Christoph Greminger

19.10.2009, 11:35 Uhr

die publikumsbeschimpfung war doch nebensache - oder indirekt fast interessant: so konnte man aus nächster nähe erleben, welchen kraftakt ihm solche solo-abende abverlangen. er pushte sich, war sehr präsent und hoch konzentriert. ich habe ihn noch nie so inspiriert erlebt. wie er einflüsse aus verschiedensten kulturkreisen und stilepochen miteinander verwebt, ist für mich einfach beeindruckend.


Peter Pedders

19.10.2009, 11:16 Uhr

Man kann wohl eine Keith Jarrett aus der Gosse holen, aber die Gosse nicht aus Keith Jarrett


David Kern

19.10.2009, 11:13 Uhr

Es geht ja nicht nur ums Filmen an und für sich, sondern um den roten Sucherblitz. Das kann ganz schön ablenken, wenn man einen solchen ins Auge bekommt. Keith Jarrett hat das Recht, sich dagegen zu wehren und einen solchen Zuschauer dürfte man auch mal Saalverbot belegen. Es war ja verboten.


Mario Monaro

19.10.2009, 10:20 Uhr

@rene klingler: eine solche Gesinnungs-Gestapo brauchen wir sicher nicht. Wer ein Konzert besuchen will - und das waren mehr als die Tonhalle Plätze hat - soll das dürfen. Wem das nicht passt, der wird ja auch nicht dazu gezwungen. Oder wollen Sie in Zukunft wirklich entscheiden wer auftreten darf? Na dann mal her mit Ihrer Liste!


Christoph Grohe

19.10.2009, 10:19 Uhr

Wieso kann man nicht respektieren wenn ein Künstler während eines Konzerts nicht gefilmt, fotographiert etc. werden möchte. Ich persönlich finde das permanente Handy fotographieren und filmen auch bei anderen Konzerten störend und kann die Reaktion von Keith Jarrett deshalb gut verstehen - wie es meines Erachtens auch der Grossteil des Publikums tat.


Marco De Luca

19.10.2009, 10:16 Uhr

"Böses Genie" und "Jazz-Stalin" sind kaum die geeigneten Begriffe um diesen Ausnahme-Musiker zu charakterisieren. Die Regeln waren von Anfang an klar: keine Foto- Video- oder Audio-Aufnahmen. Das ist bei anderen Konzerten auch so. Natürlich ist es schade, dass am Ende eines solchen Auftritts negative Vibrations entstanden sind. Aber die Schuld liegt bei ein paar Besuchern, die sich nicht benehmen.


Stefan Kagerhuber

19.10.2009, 10:06 Uhr

Da sollen sich doch bitte diejenigen Zuschauer, die sich nicht auf die Musik konzentrieren wollen (auch beim filmen kann man sich nicht wirklich konzentrieren), eine CD kaufen und sie zuhause anhören. Dann können sie dabei reden, sich ein Bier holen, nebenher im Internet surfen, etc). Aber bitte nicht in ein Live-Konzert gehen, bei dem man genau weiß, wie sensibel der Künstler ist.


Boris Nork

19.10.2009, 09:50 Uhr

Keith Jarretts musikalische Leistungen werden überschätzt.


rene klingler

19.10.2009, 09:39 Uhr

Eine absolute Katastrophe dieser selbstbeweihräuchernde Profilneurotiker "Jarrett", dieser Primadonne gehört jeglicher öffentlicher Auftritt für ein und allemal untersagt...und zwar für immer und ewig!


Christoph Henrici

19.10.2009, 09:12 Uhr

Das Problem ist, denke ich, nicht ein grossartiger Musiker, wie Keith Jarrett, der halt so ehrlich ist, dass er seine Ecken und Kanten auch oeffentlich zeigt. Keith ist vergänglich, seine Musik nicht. Nein das Problem ist ein Journalismus der nur noch Schlagzeilen geil ist und mindesten ein Teil des Publikums für welche Kultur nur noch keimfrei konsumierbare Konserve ist.


Tobias Diener

19.10.2009, 09:11 Uhr

Vom an sich grossartigen Kozert bleibt wenig zurück. Ich bin, nachdem der durch den Gruppendruck (denunzierte?) zum Outing genötigte Hobbyphotograf seine Kamera hochhielt, intuitiv herausgelaufen. Beängstigend war die Reaktion des Publikums; hier wurde ein Sektenführer gehuldigt. Im Foyer stiess ich dann auf zahlreiche weitere verärgerte/verwirrte Besucher, welche den Saal ebenfalls verliessen.


Andrea Döbeli

19.10.2009, 09:10 Uhr

Ich fühle mich als Konzertbesucherin auch oft gestört von anderen Zuhörern ab ihrem Benehmen. Sie zeigen oft keinen Respekt gegenüber der Musik, wegen derer man gekommen ist. Kaum ist das Stück verklungen, klatschen sie. Von nicht abgeschaltenen Mobiltelefonen, Kameras und immer wieder diesem Flüstern ganz zu schweigen. Hut ab, wenn sich ein Musiker über das Verhalten des Publikums beschwert!


karl stöcklin

19.10.2009, 09:09 Uhr

wo keith recht hat er recht . diese ganze heimlichkeiten aufzunehmen . da sind die grateful deads cooler geblieben und haben einen platz reserviert wo jeder die aufnahmen machen durfte . keiths musik bleibt in erinnerung und die presse hat wieder was zum ausfüllen über einen belanglosen ausbruch. menschlich jedoch nachvollziehbar .


Annette Schorer

19.10.2009, 08:41 Uhr

Vor ca. 27 Jahren erlebte ich das "Ausnahmegenie" in Wien live. Ich habe schon damals nicht verstanden, wie jemand sich derart auf der Bühne gebärden kann. Es war äusserst unangenehm, einen Pianisten "stöhnen und gruchsen, grunzen und krächzen" zu hören während des Auftritts. Zweifelsohne kann der Mann was - und ich höre seine - auch klassischen - CDs immer wieder gerne. Aber nie mehr LIVE!



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