Kultur

Kaum einer beeinflusste die Independent-Szenen der Welt stärker

Von Markus Schneider. Aktualisiert am 19.03.2010

Alex Chilton ist tot. Der grosse Popsong-Schreiber starb am Mittwoch – wohl an Herzversagen.

Blieb gerne obskur: Alex Chilton, aufgenommen 2004 in Austin, Texas.

Blieb gerne obskur: Alex Chilton, aufgenommen 2004 in Austin, Texas.
Bild: Keystone

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«Volare, oh-oh, Cantare, ohohoho!»: Wer jemals Alex Chilton «Volare» singen sah, wie ein Kellerbar-Dean-Martin, beseelt krähend, mit dem charmantesten amerikanischen Akzent und dem fröhlichsten Vibratoschubbern auf der Gitarre, der schloss ihn für ewig ins Herz. Aber vor allem begriff man, welch eigene und liebevolle Idee von Soul ihn durch seine unberechenbare, freihändige und verwirrende musikalische Karriere begleitete: Sie bezog sich vor allem auf ein weitgefasstes Repertoire, das zarteste Balladen, schrammligen Garagenbeats, Glamrock und billige Nachtklub-Nummern vor allem durch Haltung auf den Nenner bringt.

Auch wenn er, am Ende seiner besten Zeit in den Siebzigern, harte Jahre erlebte, konnte niemand damit rechnen, dass der Schnitter nun ausgerechnet Alex Chilton als diesjährige Frühjahrsernte einfahren würde. Denn Chilton sah nicht nur seit vielen Jahren gesund aus, sondern hatte tatsächlich schon seit Jahrzehnten die Drogen und den Alkohol abgesetzt. Vergangenen Herbst erschien eine prachtvolle Gesamtedition seiner damaligen Band Big Star, die deren Kultstatus für eine junge Generation auffrischte, und diese Woche hätte er mit einem Auftritt die US-Rocksaison auf der Traditionsmesse «South by Southwest» eröffnen sollen – es sah aus, als könnte hier mal einer, der ein Leben lang als Insider-Held gehandelt wurde, den verdienten Ruhm der späten Jahre geniessen.

Meisterwerke des Powerpop

Knapp drei Monate liegt sein 59. Geburtstag zurück – und dabei hatte Chilton seine kommerziell erfolgreichste Zeit schon in den Sechzigern als Sänger und Gitarrist der Box Tops gehabt, bis zu ihrer Auflösung 1970 eine ziemlich erfolgreiche weisse Soulband, denen 1967, Chilton war 16, mit «The Letter» ein erster internationaler Hit gelang. Es waren jedoch Big Star mit ihren beiden regulären Alben «# 1 Record» und «Radio City» und dem Nachzügler «Sister/ Lovers», die Chiltons legendären Status in der Rockwelt begründeten. Von dem zeugen nicht nur zahlreiche Coverversionen von Yo La Tengo, den Bangles, Teenage Fanclub oder Jeff Buckley und ein nach Chilton benannter Song der Replacements. Für das Netzlexikon «All Music» gibt es neben Velvet Underground keine US-Band, die einen so grossen Einfluss auf die Independent-Szenen der Welt hatte wie Big Star.

Bei Big Star verbanden sich kraftvolle Rock-Dynamik und Pop-Sensibilität, nachhaltiges melodisches Gespür und elegante Stimmharmonien. Das in einem Songhandwerk, das an Sixties-Grössen wie die Beatles, Kinks und Byrds erinnerte. Gleichzeitig bevorzugten Big Star einen unreinen, bröselnden Sound, der eine Spur von schmerzvoller Zerbrechlichkeit noch in die kompaktesten Powerpop-Stücke zog. Trotz enthusiastischer Kritiken blieb die Band wegen eines Labelversagens sensationell ertragslos.

Eine schwierige Solokarriere

Das dritte Album von Big Star weist dabei als eines der romantisch zerklüftetsten Alben der Rockgeschichte aufs spätere Solo-Schaffen. Dass Chilton, der es mit dem Produzenten Jim Dickinson einspielte, dabei nach eigenen Worten von Drogen hochgradig verwirrt gewesen sei, mindert den kaputten Charme von grossartigen Stücken wie «Holocaust» nicht.

Chilton arbeitete als Produzent von Rock-'n'-Roll-Bands wie den Cramps, blieb aber als Solist geprägt vom offenbaren Unwillen, sich produktionstechnisch oder kompositorisch festzulegen. So hört man jazzige Nummern und stolpernden traditionellen Rock–n'–Roll, halbgare Powerpop-Nummern und elegant zerschrammte Schlager wie das erwähnte «Volare». 2005 erschien sogar noch ein neues Big-Star-Album mit teilweise schicken Big-Star-Pastiches. Aber keines seiner Alben seit 1981 reichte an die Meisterwerke der Siebziger heran.

Alex Chilton gab immer wieder zu Protokoll, dass er gerne obskur geblieben sei. Was man, wenn man ihn live erleben durfte, sofort glauben kann. Trotzdem verliert die Popwelt mit Chilton nicht nur einen ihrer tollsten Skizzenzeichner, sondern auch einen ihrer grossen Auratiker.

Big Star: Keep an Eye on the Sky (Rhino/Warner). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2010, 04:00 Uhr

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