«Katrina hat New Orleans bloss neu getauft»

Von Jean-Martin Büttner, Montreux. Aktualisiert am 19.07.2009

Allen Toussaint, der Produzent und Songschreiber aus New Orleans, spielte in Montreux ein beschwingtes Rezital.

Sein liebstes Instrument ist das Aufnahmestudio: Allen Toussaint beschwört die heilenden Kräfte der Musik.

Sein liebstes Instrument ist das Aufnahmestudio: Allen Toussaint beschwört die heilenden Kräfte der Musik.
Bild: PD

Er musiziert seit über fünfzig Jahren, wobei der Einfluss den Ruhm bei Weitem übersteigt. Er gilt als zurückhaltender Mensch, der Scheinwerferlicht und Bühne meidet. Der Hurrikan Katrina hat in New Orleans sein Haus und sein Studio zerstört, er musste fliehen und lebte mehrere Jahre in New York. Seine Stadt hat sich bis heute nicht von der Flut erholt, marodierende Gangs und mafiose Kartelle dominieren Strassen und Klubs. Der Stadt droht eine Kombination von Disneykulisse und Ghetto.

Nichts davon ist ihm anzumerken, als er sich in Montreux an den Flügel setzt, um die wiegende Musik seiner Heimatstadt zu spielen und zu singen. Zwischen den Songs, die er für andere geschrieben hat, erzählt er Anekdoten und scherzt mit dem Publikum. Allen Toussaint macht den Eindruck, es könne ihm nicht besser gehen. Warum?

Optimismus und Melancholie

Beim Interview in seiner kleinen Garderobe wird klar: Toussaint weigert sich, die Flutung seiner Stadt als deren Ende zu begreifen. «Die Menschen kehren nach New Orleans zurück, und sie sind ist es, welche die Seele dieser Stadt ausmachen», sagt er. «Sie ist so stark, dass sie sich selber erneuern wird. Katrina hat New Orleans bloss neu getauft, und New Orleans wird besser dastehen als je zuvor. Wir sind zurück. Wir sind wieder da.» Auch Toussaint lebt wieder dort, obwohl er erkennen musste, dass sein Sea Saint Studio, in dem er während Jahrzehnten gearbeitet hat, nicht mehr zu retten ist. «Es gibt Wichtigeres zu tun», sagt er.

Der unaufgeregte Optimismus, den der 71-Jährige vorlebt, geht durch seine Musik, die zugleich von Melancholie durchzogen ist. Beides hört man seinem letzten, nach Katrina aufgenommenen Album «The Bright Mississippi» an, einer eleganten Kollektion von Jazzstandards im Heimatstil von New Orleans nach Vorlagen von Sidney Bechet, Duke Ellington oder Jelly Roll Morton. «Die Lieder stehen mir nahe», sagt ihr Interpret, «sie strahlen Charme aus, aber auch Trauer.»

Der wiegende Gang zum Grab

Die Gleichzeitigkeit von Freude und Leid ist typisch für eine Stadt, die berühmt ist für ihre Vitalität und ihr multikulturelles Selbstbewusstsein, die aber auch von Gewalt, Armut und Katastrophen heimgesucht wird. In der Musik wird der Gegensatz im stark synkopierten Rhythmus des Second Line ausgedrückt, entstanden aus dem wiegenden Gang der ambulanten Begräbniskapellen, der für Auswärtige schwer zu spielen und für Einheimische unmöglich zu vergessen ist. Im Grunde ist der Rhythmus eine Haltung. «Dancing while crying», nennen das die Einwohner, weinendes Tanzen: Jeder Schritt zum Grab enthält die Vergewisserung, dass man vom Grab wieder ins Leben zurückkehrt. Ohnehin habe die Musik, glaubt Toussaint, heilende Kräfte. «Bevor sie einsetzt, ist sie nirgends, und wenn sie spielt, bleibt sie unsichtbar. Aber sie kann Menschen zu Tränen rühren, zum Tanzen bewegen, zur Ruhe bringen. Musik rührt und berührt.»

Dass Toussaint als Performer die Welt bereist, wirkt untypisch für ihn. «Mir gefällt es auf der Bühne nicht besonders», sagt er lakonisch, bevor er in Montreux ein wunderbares Konzert aufführt. Trotz seiner lebenslangen Leidenschaft für die Musik trat Toussaint im Lauf seiner Karriere nur selten auf und beschränkte sich meistens auf das Jazz & Heritage Festival in New Orleans, wo man ihn das letzte Mal sah, wenige Monate vor dem Hurrikan. Nach ihm hatte damals der britische Songschreiber Elvis Costello gespielt, mit dem Toussaint später ein Album einspielte. Damit gingen die beiden auf Tournee, und Toussaint fand Gefallen daran. «Costello brach das Eis, das gebrochen werden musste», sagt er heute. «Seither fühle ich mich an Konzerten viel wohler.»

Warten auf das rote Licht

Und doch bleibt sein liebstes Instrument das Aufnahmestudio. «Mein Leben lang habe ich auf das rote Licht gewartet», sagt er, der mit 22 Jahren erstmals eine Session dirigierte und seither von den unterschiedlichsten Musikern aufgesucht wurde, nicht nur in New Orleans, wo er unzählige Aufnahmen leitete. Auch Leute wie Paul McCartney, Paul Simon, Morrissey, Patti Labelle, Robert Palmer oder Frankie Miller sind zu ihm gereist, Bands wie Little Feat, The Band oder The Meters haben ihr Spiel mit seiner Hilfe erotisiert oder sich Bläsersätze von ihm schreiben lassen. In den letzten Jahren haben junge Hiphop-Musiker Samples seiner Musik und seiner Produktionsarbeit in ihre Tracks eingebaut. Dass man sich so an ihn erinnert, freut ihn.

Wie entscheidet er als Produzent über einen Auftrag? «Ich höre mir zuerst genau an, was ein Musiker macht, möchte seine Identität kennen lernen, seine Stimme hören. Wenn wir uns treffen, versuche ich herauszuarbeiten, was ihn als Künstler ausmacht. Im besten Fall entsteht daraus eine Musik, die weder ich noch er vorher je gespielt haben.»

Musizierender Tausendsassa

Toussaint ist Musiker, Performer, Produzent, Arrangeur – und Songschreiber. Auch das belegt sein beschwingtes Rezital in Montreux, bei dem er Stücke wie «Mother-In-Law», «Working in a Coalmine», «Get out of My Life Woman», «A Certain Girl» oder «Southern Nights» vorträgt; er hätte Dutzende von anderen, eigenen Liedern wählen können. Die kahle Interpretation seines Materials macht die Bauweise der Songs sichtbar: einfach bei aller rhythmischen Dichte. «Das Simple ist das Grossartige», sagt er, «aber es ist nicht einfach.» Genau wie er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2009, 19:51 Uhr

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