Jedes Lied entsteht immer wieder neu

Unveröffentlichtes von Bob Dylan ist da: karg und klar und wunderbar.

Ermatteter Bob Dylan oder Die Bewegende Fragilität eines Gehetzten.

Ermatteter Bob Dylan oder Die Bewegende Fragilität eines Gehetzten. (Bild: Aus dem besprochenen Band)

Der die Kontrolle behielt

Kein Fotograf ist ihm je so nahe gekommen. Über vierzig Jahre nach seiner Begegnung mit Bob Dylan hat Barry Feinstein einen grossformatigen Bildband herausgebracht, der – neben anderem – seine berühmt gewordenen Aufnahmen von Dylans England-Tournee 1966 dokumentiert. Damals war der Songschreiber mit einer elektrischen Band unterwegs, spielte die wildeste Musik seines Lebens und wurde von seinen Fans ausgebuht, die nicht akzeptieren wollten, dass er sich verändert hatte.

Feinstein zeigt Dylan auf der Bühne, bei Pressekonferenzen, mit Fans, immer wieder wartend oder hinter der Bühne, im Gespräch mit anderen Musikern und dennoch auf Distanz. Zu sehen ist ein schmaler, junger Mann mit Haarbusch und Sonnenbrille, der kühles Selbstbewusstsein ausstrahlt, aber auch die Fragilität eines Gehetzten, der dauernd unter Speed und kurz vor dem Kollaps steht. Kurz nach Ende der Tournee brach Dylan sich bei einer Motorradfahrt mehrere Halswirbel und zog sich für Jahre zurück. Obwohl der Sänger den Fotografen gewähren liess, lässt Feinstein keinen Zweifel daran, dass Dylan subtil, aber nachhaltig die Kontrolle behielt: Er wusste genau, wie er gesehen werden wollte. (jmb)

Barry Feinstein: Real Moments. Bob Dylan 1966–1974. Schwarzkopf, Berlin 2008. 156 S., ca. 84 Fr.

Als ihm eine Handvoll Lithografien gezeigt werden, die Pablo Picasso von einem Stier angefertigt hat, die ersten figürlich und die letzten abstrakt, schaut der Sänger kurz hin und findet, der Maler hätte nach der zweiten aufhören sollen. «Oh», sagte er dann, nach längerer Betrachtung: «I see why he had to keep going.»

Das ist über vierzig Jahre her, Bob Dylan steht immer noch auf der Bühne und spielt seine Lieder. Über 700 hat er geschrieben, ihre Aufnahme dokumentiert für ihn aber nur die eine, eingefrorene Version. Wie Miles Davis, mit dem ihn viel verbindet, interpretiert er seine Songs immer wieder anders, dekonstruiert sie, zersingt sie oder trägt sie vor wie neu geschrieben: eine Serie von Momenten. «Auf Platte kommen meine Lieder nicht rüber», sagt er im Dokumentarfilm von Martin Scorsese, «sie entstehen erst in der Aufführung vor den Leuten.»

Die Dylanisation eines Songs

Das bringt Abwechslung in die Konzerte, birgt allerdings auch das Risiko, dass der Sänger abstürzt. Dafür macht sein Unwillen, sich zu wiederholen, das unveröffentlichte Material interessanter als bei anderen; von keinem Künstler gibt es mehr Schwarzpressungen als von ihm. In den Siebzigern gab Dylan selber erstmals unveröffentlichter Lieder frei, eine Auswahl der «Basement Tapes», die er in den Sechzigern in einem Keller aufgenommen hatte. Seit Beginn der Neunziger hat er die sogenannte «Bootleg Series» autorisiert, 13 CDs sind bis heute erschienen, die letzten zwei vor einigen Tagen. Eine dritte ist, zusammen mit einem Buch, nur zu einem sehr hohen Aufpreis zu haben.

«Tell Tale Signs» versammelt Aufnahmen der Jahre 1989–2006 und damit Dylans Rückkehr nach jahrelanger Schaffenskrise. Die Rückkehr ist als Rückbesinnung angelegt: Dylan inspirierte sich an der kahlen und starken Musik der Zwanziger- und Dreissigerjahre, Bluesnummern und Folklieder, über die er einmal sagte, sie seien zu unwirklich, um zu sterben. «Gute Künstler borgen», hat Picasso gesagt, «grosse Künstler stehlen.» Dylan übernimmt Melodien und Textpassagen, die er in seine Songs montiert oder abwandelt: die er dylanisiert. Tradition bleibt für ihn nur lebendig, wenn sie tradiert wird: wenn die Geschichten erinnert werden und weitererzählt.

Phrasierung ist alles

Die drei CDs vereinen frühe Versionen bekannter Stücke, unveröffentlichtes oder schwer zu findendes Material und einige Liveaufnahmen aus 17 Jahren. Was die Sammlung zusammenhält, ist nicht nur die hohe Qualität der meisten Interpretationen, sondern ihre stilistische Geschlossenheit. Die Aufnahmen klingen karg und bluesgetränkt, ihre Arrangements bleiben verhalten, fast skizzenhaft, selbst wenn einmal die Band mitspielt. Diese Zurückhaltung stellt Dylans Stimme stärker heraus als bei den bekannten Versionen, das Verletzliche seines Vortrags, die Nuancen der Betonung. «Phrasierung ist alles», sagt er. Der Sänger dieser Songs erwartet keine Besserung mehr und hegt keine Hoffnung ausser der hoffnungsvollen Erfahrung, davon zu singen. «Dylans Kirchen», schreibt der Dylan-Biograf Heinrich Detering, «sind seine Songs.»

Diese Musik klingt schutzlos wie in den drei Versionen der Ballade «Mississippi» oder den beiden unveröffentlichten, frühen Varianten von «Can't Wait», die Dylan 1997 für «Time Out of Mind» aufnahm und erst später in einer elektrischen Version veröffentlichte. Oder die frühen Ausgaben von Liedern wie «Most of the Time» oder «Everything Is Broken», die er 1989 auf «Oh Mercy» und mit anderen Texten veröffentlichte. Der bald zärtliche, dann bedauernde Ton von «Tell Tale Signs» bestimmt auch unveröffentlichte Songs wie «Red River Shore», «Dreamin' of You» oder «Can't Escape from You». Dylans Musik entsteht immer wieder neu, und man hört sie immer wieder anders. Oh ja: Man sieht, warum er immer weitermachen musste.

Bob Dylan: Tell Tale Signs (Sony/Columbia). 2 CDs mit einem 64-seitigen, exzellent annotierten Booklet von Dylans Freund Larry Sloman; der dritten, schamlos teuren CD ist ein Buch mit Abbildungen von Dylans Singles beigelegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2008, 10:05 Uhr

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