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Die entrückten Pop-Nonnen von Le Barroux

Von Oliver Meier. Aktualisiert am 19.11.2010

Heiliger Bimbam: Nach dem Grosserfolg der Wiener Zisterziensermönche 2008 drängen nun französische Nonnen mit gregorianischen Gesängen auf den Popmusik-Markt. Ob die Rechnung aufgeht?

Ansichten einer Geheimwelt: Nonnen des Ordens von Notre-Dame de l'Annonciation nahe Avignon.

Ansichten einer Geheimwelt: Nonnen des Ordens von Notre-Dame de l'Annonciation nahe Avignon.
Bild: Universal

Nein, Interviews geben sie keine. Weder schriftlich, mit dem klösterlichen Fax-Gerät, noch persönlich vor Ort. Die Türen bleiben verschlossen. Für die Medien. Für Touristen. Für Angehörige. Sogar die Manager des weltgrössten Musikkonzerns blieben aussen vor, als sie diesen Sommer ins südfranzösische Le Barroux reisten, um den Benediktinerinnen den Plattenvertrag vorbeizubringen. Dickon Stainer, Geschäftsführer von Decca Records (Universal), reichte ihn durch ein Holzgitter an Mère Abbesse. Die Oberin des Ordens von Notre-Dame de l’Annonciation zögerte nicht. Die Schwestern hatten diskutiert, sie hatten abgewogen, sie hatten den heiligen Josef in ihren Gebeten um Rat gefragt. Ihre Bitten wurden erhört. Sie wussten nun, dass es die richtige Entscheidung war. «Geschlossene Ordensgemeinschaft unterzeichnet Vertrag mit der Plattenfirma von Lady Gaga», hiess es danach in einer Medienmitteilung – der Plattenfirma.

Globales Nonnen-Casting

Mère Abbesse und ihre Schwestern leben nach den strengen Regeln des Heiligen Benedikt aus dem 6.Jahrhundert. Was sie essen, produzieren sie selbst. Was kaputt geht, reparieren sie mit eigener Hand. Es gibt in der Gemeinschaft eine Mechanikerin, eine Elektrikerin, eine Zahnarzt-assistentin. Sie arbeiten in ihren Obstgärten, Weinstöcken und Lavendelfeldern. Sie kochen Konfitüre, sie schneidern Messgewänder aus selbst gewobener Seide. Und sie beten und singen zu Ehren Gottes – sechsmal am Tag, einmal in der Nacht. Nun sind sie auserwählt worden – von einer Plattenfirma, die eine Erfolgsgeschichte weiterschreiben will. Monate dauerte das globale Nonnen-Casting. Anzeigen wurden geschaltet, ein «spezialisierter Headhunter» angeheuert. Er besuchte 70 Klöster, von Amerika bis Afrika. Am Ende war klar: Niemand singt gregorianische Gebetschoräle so schön und rein wie die 28 Ordensfrauen aus der französischen Provinz, vierzig Kilometer von Avignon entfernt.

Wer verstehen will, wieso ein Unterhaltungskonzern für weltentrückte Benediktinerinnen einen solchen Aufwand betreibt, muss um das Poppotenzial geistlicher Musik wissen. Und wer von Poppotenzial spricht, darf über die Zisterziensermönche aus dem Wienerwald nicht schweigen: Mit ihrem Album «Chant – Music for Paradise» mischten die 17 Gottesdiener vom Stift Heiligenkreuz 2008 den Musikmarkt auf. Fünffach-Platin gabs in der Heimat, Gold in England, dem prestigeträchtigsten Markt. So etwas war zuvor nur Falco und DJ Ötzi gelungen. Das Youtube-Video mit den singenden und betenden Mönchen wurde im Internet zum Renner. Die Manager des Plattenlabels Decca rieben sich die Hände, und Pater Karl, der Medienverantwortliche der Mönche, sprach von einem «Wunder». Die Zisterzienser enterten die Charts als echte Gottesdiener, die schlicht und einfach das zu bieten hatten, was ihre Gemeinschaft seit 875 Jahren täglich tut: Gregorianische Choräle singen – a cappella, unverfälscht, stolz darauf, die «christliche Spiritualität in die Welt hinauszutragen».

Die Konkurrenz schlief nicht. Kurz darauf wartete Sony BMG mit «The Priests» auf, drei irischen Mönchen, die zu Orchesterbegleitung bald schnulzige, bald schmissige Lieder und Arien vortrugen. An den Erfolg der Zisterziensermönche konnten sie allerdings nicht anknüpfen. Und auch Benedikt XVI. blieb 2009 mit seinen sinfonisch untermalten Sprechgesängen («Alma Mater») der grosse Durchbruch zum Poppapst verwehrt.

Gregorianik zum Chillen

Mère Abbesse und ihre Schwestern sollen es besser machen. Ihr Album «Voices – Chant from Avignon» versammelt 20 gregorianische Choräle, dazu die Klänge der Klosterglocken von Le Barroux. Keine Instrumente sind da zu hören, und auch kein päpstlicher Plüsch-Klangteppich, bloss die puren Engelsstimmen der Nonnen. Ob die Rechnung aufgeht? Die Crux ist offensichtlich: Wie vermarktet man eine Ordensgemeinschaft, die der schnöden Welt entsagt hat und von medialem Brimborium nichts wissen will? Natürlich, man kann das Album als Tranquilizer für stress- und lärmgeplagte Zeitgenossen preisen, wie es die Plattenfirma tut, als Gregorianik zum Chillen sozusagen, gewonnen aus einer «geheimen Welt voller Frieden und Ruhe». Und natürlich kann man den Nonnen auch eine Kamera durch die Gitterstäbe reichen, so wie es die Plattenfirma getan hat, in der Absicht, einen weiteren Youtube-Hit zu laden.

Vom PR-Potenzial der Zisterzienser mit ihrem umtriebigen Pater Karl, der für Boulevardhefte posierte und Gottschalks «Wetten, dass?» beehrte, sind die Nonnen aus Le Barroux aber weit entfernt. Mère Abbesse und ihre Schwestern haben vor Gott geschworen, die Klostermauern bis zu ihrem Tod nicht mehr zu verlassen. Auch dann nicht, wenn sie – so Gott will – mit ihrer Single «Adore te» in England zu Weihnachten den prestigeträchtigen Nummer-1-Titel landen sollten. Beim Wettbüro William Hill stehen die Wetten derzeit 25 zu 1.

Voices Voices: Chant From Avignon, Decca/Universal. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.11.2010, 10:36 Uhr

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