Der Soul-Poet ist tot
Von Markus Schneider. Aktualisiert am 30.05.2011 3 Kommentare
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Man kann nicht sagen, dass man mit Gil Scott-Herons Tod nicht rechnen konnte. Jahrzehntelang hat er mit Drogen und Alkohol gekämpft, sass das letzte Jahrzehnt drogenbedingt immer wieder im Gefängnis und war zudem seit einigen Jahren HIV-infiziert – nicht gerade die Voraussetzungen für ein langes Leben.
Dennoch kam die Meldung, dass einer der wichtigsten afroamerikanischen Poeten und Musiker seiner Generation am Freitag in einem New Yorker Spital im Alter von 62 Jahren gestorben sei, überraschend. Denn in letzter Zeit hatte es so ausgesehen, als ob er wieder in die Spur gefunden hätte.
2010 war Scott-Heron nach einer 16-jährigen Albumpause wieder aufgetaucht: «I’m New Here» riss schon im Titel den Neubeginn an. Der Produzent Richard Russell, zugleich Chef des britischen XL-Labels, hatte ihn 2007 im Gefängnis dazu überredet. «I’m New Here» ist ein kurzes, wunderbares Album. Zwischen schmerzlichen Blues- und Soulcovern, gesprochenen Gedichten und karg modernistischen Beats skizziert es seine künstlerische Autobiografie, die er doch lässig in den grossen Zusammenhang der afroamerikanischen Community fügt. So erzählt er voll wehmütiger Wärme von seiner Jugend in Tennessee, wo er nach der Scheidung seiner Eltern – die Mutter war Bibliothekarin und Chorsängerin, der jamaikanische Vater wurde in den 50er-Jahren der erste schwarze Fussballprofi beim schottischen Spitzenclub Celtic Glasgow – bei der bürgerrechtlich engagierten Grossmutter aufwuchs.
Er wollte kein «Godfather» sein
Scott-Heron, in Chicago geboren und seit den 60er-Jahren in New York zu Hause, hatte schon immer alle möglichen diasporischen Stile zwischen Jazz, Latin und Funk benutzt; später kam auch noch der Hip-Hop dazu. Mit Ehrentiteln wie «Godfather of Rap», den ihm Anhänger von Star-Rappern und -Hip-Hoppern wie Chuck D (Public Enemy), Tupac Shakur oder Kanye West verliehen, hat er sich deswegen nie wohlgefühlt – er verstand sich stets als performender Dichter, sein Konzept bezeichnete er als «Bluesology», mit dem Blues als Chiffre der Black Experience. Als Vorbild galt ihm dabei Langston Hughes, der als Lichtgestalt der Künstlerbewegung «Harlem Renaissance» bereits in den 20er-Jahren eine solch bluesbasierte Poetologie angelegt hatte.
Der Proto-Rap auf seinem berühmten, zornig-ironischen Song «The Revolution Will Not Be Televised» (verewigt auf dem 1970 veröffentlichten Debüt «Small Talk at 125th & Lenox Ave») war zunächst als Text in einem Gedichtband erschienen; entsprechend gab er sich da noch als Jazzpoet vor nervös perkussiver Kulisse. Doch schon auf «Pieces of a Man» (1971) trug er seine poetischen Skizzen aus dem afroamerikanischen Alltag und die sarkastische Politkritik in groovenden Songs und souligen Balladen vor.
«Wenn man älter wird, passiert eben viele Scheisse»
Dieser Mischung blieb er bis in die 80er-Jahre treu – und schuf, meist begleitet von Keyboarder und Flötist Brian Jackson – Klassiker wie «The Bottle», die bittere Anklage «Winter in America», das Anti-Atom-Stück «We Almost Lost Detroit» oder «B-Movie», die funkig-feurige Abrechnung mit Ronald Reagan. Ab 1982 wurden Gil Scott-Herons Auftritte unzuverlässiger, und es erschien (bis zum erwähnten «I’m New Here») nur noch ein Album: das schöne, unterschätzte «Spirits» von 1994, mit einem Aufruf an seine Rapper-Epigonen, Verantwortung für die Community zu übernehmen.
Zuletzt war sein basslastiger Bariton knorriger und vernuschelter geworden, weil ihm die Drogen die Zähne ruinierten. Auf der Bühne und bei Interviews aber war er noch immer wach und selbstironisch. «Wenn man älter wird, passiert eben viele Scheisse», sagte er gegenüber der englischen Zeitung «Guardian». «Man kriegt Ärger, man verliert ein paar Leute. Vielleicht zerbricht die Ehe und der Kontakt zu Frau und Kind. Aber in welchem Leben wäre das nicht so?»So gesehen könnte man nun auch Scott-Herons Tod als unvermeidliche Entwicklung verstehen. Die Traurigkeit würde das jedoch kaum mindern.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.05.2011, 10:45 Uhr
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