Der Freestyler
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 19.01.2012 3 Kommentare
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Sendung: «Knack Attack» – jeden Montag um 17.30 Uhr auf Joiz.
Das Album «Moderator» erscheint am Freitag.
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Normalerweise ist er ja nicht so. Wenn Knackeboul sowohl etwas Freundliches wie auch etwas Böses über jemanden sagen kann, dann bleibt er freundlich. Aber auf der Bühne hat sein Mundwerk einen eigenen Willen. Heute Abend ist es die Bühne von «Giacobbo/Müller», und er zeigt dem Publikum, wie man beatboxt. Das Publikum macht mit. Als er sich zu Giacobbo umdreht, probiert es auch der und Knackeboul kommentiert: «Schlecht.»
Üble Kindheit
Knackeboul alias David Kohler ist der bekannteste Freestyler und Beatboxer der Schweiz. Der 29-Jährige ist ein Multitalent, das in keine Schublade so recht passen will. Beim Jugendsender Joiz moderiert er seine kultige Sendung «Knack Attack», als Freestyler und Beatboxer tingelt er über Schweizer Bühnen und durch Fernsehshows, vergangenen Herbst durfte er gar das Auftaktprogramm für den Funk-Star Jamiroquai bestreiten. Und morgen erscheint sein drittes Studioalbum «Moderator», ein Hip-Hop-Album, das alle Genregrenzen sprengt und ihm endlich den Durchbruch bringen dürfte.
Während Schweizer Rapper aus gutem Hause zwecks Street Credibility gerne den bösen Gangsterrapper markieren, ist Knackeboul den umgekehrten Weg gegangen: Er ist die Antithese des Gangsters, mit freundlichem, runden Gesicht rappt er gewitzt, ironisch und gut gelaunt – dabei wäre er mit seiner Biografie zum Bad Boy prädestiniert gewesen. Aufgewachsen ist er als Sohn eines in Portugal stationierten Entwicklungshelfers. Er ist das zweite von fünf Kindern. Als er neun ist, lässt der Vater die Mutter sitzen. Sie kehrt in die Schweiz zurück und versucht, sich eine neue Existenz aufzubauen. Ihr Job im Supermarkt bringt kaum genug Geld, die Vierzimmerwohnung zu bezahlen und die fünf Kinder durchzubringen. Knackeboul muss sich um seine Geschwister kümmern. In der Schule wird er ausgelacht, weil er arm und übergewichtig ist. «Fremd im eigenen Land», rappt er auf «David & Knackeboul», seinem emotionalsten Track auf dem neuen Album. «Ich wurde nie ein Mann, weil ich schon als kleines Kind an der Welt, die mich erwartet, verzweifelt bin.» Er ist intelligent, aber spricht die Sprache nicht, hat Talent, das nicht gefördert wird.
Lächeln üben trotz Tränen
Aber trotz Tränen übt er vor dem Spiegel zu lächeln. Er weiss, er wird mal auf einer Bühne stehen. Im Hip-Hop findet er mit vierzehn Jahren seine Heimat. Sozialisiert wird er mit deutschem Rap der Neunzigerjahre. Es waren die Jahre vor Aggro Berlin, man will noch mit intelligenten Texten brillieren. Knackeboul hört Dendemann, Absolute Beginner, Freundeskreis. Und begeistert sich für live gespielten Hip-Hop von The Roots oder den Beastie Boys. Mit der Langenthaler Rap-Combo Mundartisten wagt er sich zum ersten Mal auf eine Bühne und weiss: Hier gehört er hin. Stilistisch sind sie offen, spielen Rock, Reggae, Jazz, und er rappt dazu. Applaus gibt es wenig. Die Hip-Hop-Puristen sind irritiert, überfordert. Aber Innovation wird selten auf Anhieb verstanden.
«Ich halte mich bis heute an keinerlei Regeln und werde deshalb nicht immer ernst genommen», sagt Knackeboul heute und meint damit aber nur die musikalischen Regeln. Sozial kriegt er sich nämlich bald ein. Er wird doch noch aufs Gymnasium geschickt und beginnt ein Studium. Daneben übt er sich im Rappen, Freestylen und Beatboxen. Und er wird richtig gut. Bei einem Interview mit Radio Virus entdeckt er ein weiteres Talent. Als nämlich alle Systeme im Radio ausfallen, schnappt er sich das Mikrofon und überbrückt die Panne mit seinem losen Mundwerk. Als er sich später auf einen Job als Moderator beim Sender bewirbt, bekommt er ihn, obschon er das Anforderungsprofil in keinem einzigen Punkt erfüllt.
Mütter mit Kindern und Homeboys
Heute hat er es geschafft, seine Talente und Fähigkeiten so zu polieren, dass er davon leben kann. Obschon Beatboxen und Freestylen noch immer als Sparte gelten. «Vor sechs Jahren hat man mich komisch angeschaut beim Beatboxen, jetzt lebe ich vom Freestylen.» Von der grossen Firma bis zur katholischen Jugendarbeit wenden sich alle an Knackeboul, wenn sie einen Freestyler zur Unterhaltung brauchen. Oder um schwierigen Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Schliesslich kennt er deren Wut aus eigener Erfahrung.
Mit seinem Album «Moderator» erhofft er sich den Durchbruch auch als Musiker. Denn bislang fehlte ihm die richtige Attitüde, um sich im Rap-Umfeld durchzusetzen. Dafür finden sich in seinem Publikum sowohl Mütter mit Kindern als auch die krassesten Homeboys. Oder Indie-Nerds, denen er einen eigenen Song gewidmet hat. «Wer hat ne Justin-Bieber-Frise, aber findet ihn blöd? Findet Hippstamatic-Pictures vom Himmel schön? Und hat ein Stirnband und ne Tasche? Es ist der Indie-Nerd. Wer findet den Knack immer noch cool, obwohl er das Lied gehört hat? Es ist das Publikum, denn das sind alles Indie-Nerds.» Heute die Indie-Nerds, morgen die ganze Welt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.01.2012, 09:14 Uhr
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