Den Mund weniger voll genommen
Von Lukas Rüttimann. Aktualisiert am 09.02.2012 12 Kommentare
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Es regnet in Südkalifornien. Das ist nicht ganz so, wie es Albert Hammond 1973 in seinem berühmten Lied besungen hat; und noch viel weniger, wie es in den sonnengetränkten Retro-Videos von Lana Del Reys Hits aussieht. Aber es passt zu ihr. Genau wie in ihrer Musik mischt sich in diesen Tagen zur Schönheit etwas Dramatisches, Trauriges: Aus dem Nichts wurde Del Rey zum Popstar der Stunde, doch die Welt spricht über ihr konstruiertes Image und die vermeintlich operierten Lippen. In 15 Ländern schoss ihr Album von 0 auf Platz 1 der Charts; doch die Kritiker tun sich schwer, «Born to Die» Positives abzugewinnen. Ursprünglich aus der Independent-Szene, doch genau dort gilt sie als auf retro getrimmte Britney Spears. Sie bestreitet Auftritte in den grössten TV-Shows der Welt, doch von ihren Kolleginnen aus dem Showbusiness wird sie dafür mit Häme eingedeckt.
Es sei, als würde man einer Zwölfjährigen beim Singen zuschauen, twitterte etwa die schauspielernde Punkrockerin Juliette Lewis (Juliette and the Licks) nach Del Reys Auftritt bei «Saturday Night Live» und bemängelte mangelndes Charisma. Tatsächlich ist auch ihr Auftritt im legendären Plattenladen Amoeba Music in Hollywood ein wenig steif und alles andere als souverän. Doch auch wenn die Sängerin den einen oder anderen Ton verhaut, ihre Stimme mal bricht – ihrer Popularität tut das keinen Abbruch: Schon drei Stunden vor Türöffnung bildet sich eine mehrere Hundert Meter lange Menschenschlange am Sunset Boulevard. Die vielleicht 400 Personen, die letztlich Einlass finden, merken selbst im VIP-verwöhnten Hollywood, dass sie einem besonderen Event beiwohnen.
Wasser statt Wodka
Nicht umsonst wurde Del Rey bereits mit Amy Winehouse verglichen, und das nicht nur wegen ihrer Stimme. Die 25-jährige New Yorkerin ist jetzt schon grösser als das Leben – eine Kunstfigur, bei der es längst nicht mehr allein um ihre Musik geht. Bei Lizzy Grant, wie sie noch bis vor kurzem bürgerlich hiess, geht es nicht zuletzt auch darum, ob sie mit den Dämonen, die sie mit ihrem Erfolg hervorgerufen hat, klarkommen wird.
Auf der Bühne im Amoeba Music scheint es so. Del Rey wirkt präsent, trinkt Mineralwasser statt Wodka, begrüsst das Publikum knapp, aber freundlich. Sichtlich gerührt reagiert sie auf die Begeisterung, die ihr entgegenschlägt, als sie mit «Born to Die» ihr knapp halbstündiges Set eröffnet. Ihre Emotionen wirken nicht gespielt; die in enge dunkelblaue Jeans und ein weisses Hemd gekleidete Sängerin kommt auf der kleinen Bühne sehr viel natürlicher herüber als in ihren auf alten Hollywood-Glamour gestylten Videos, dank denen sie innerhalb weniger Monate zum Youtube-Phänomen und dann zum Weltstar wurde. Selbst ihre Lippen scheinen weniger voll.
Keine Gangster-Sinatra
Den lasziven Schmollmund, aus dem diese jazzigen Popsongs mit der melancholisch-morbiden Stimmung herausquellen, sucht man bei ihr ebenso vergeblich wie die schwelgerischen musikalischen Arrangements ihrer Studioversionen. Hier in Hollywood präsentiert sich Del Rey nahezu nackt. Lediglich von Piano und Gitarre lässt sie sich begleiten – und auch das Soundsystem klingt eher bescheiden. Doch der Striptease bekommt ihr gut, er befreit ihre Musik vom Übersinnlichen. Im intimen Rahmen wird klar, dass hier keine Nancy Sinatra in der Gangsterversion, wie sie sich selber beschrieben haben soll, auf der Bühne steht. Vielmehr eine scheue junge Frau, die zwar nicht jeden Ton trifft, aber eine sehr schöne Stimme hat. Die fünf Stücke, darunter «Blue Jeans», «Million Dollar Man» und «China Doll», zeigen, dass ihre Songs Qualität haben. Und auch wenn sich die offensichtlich nervöse Sängerin ein paar Mal verhaspelt, Tonlage oder Tempo nicht immer perfekt hält – ein Song wie «Video Games» ist nicht per Zufall ein Welthit geworden.
«Nicht das Leichteste»
Es spricht für Del Rey, dass sie sich trotz der vielen Anfeindungen in diesen Tagen der Herausforderung stellt, in diesem intimen Rahmen ohne technische Hilfe aufzutreten. «Das ist nicht das Leichteste für mich», sagt sie. Was vielleicht auf eine besonders schwierige Gesangslinie bezogen sein könnte. Wahrscheinlicher aber auf den Umstand, dass sich Del Rey ihrer Mängel als Live-Performerin bewusst ist. Nicht umsonst kursieren Gerüchte, sie habe ihre Welttournee verschoben, um an ihrem Live-Auftritt zu feilen.
Ihr Gig in Hollywood ist weder glamourös nach grandios. Aber er ist sympathisch. Er zeigt, dass hinter Lana Del Rey keine durchtriebene Selbstvermarkterin steckt, sondern eine talentierte junge Frau aus Fleisch und Blut, der der derzeitige Rummel über den Kopf zu wachsen droht. «Ich danke euch für alles», ruft sie wie befreit nach dem letzten Song ihren Fans zu. Und fügt an: «Ihr wisst, was ich damit meine.» Dann verschwindet sie hinter einer Wand, an der Poster der Grössten im Geschäft hängen: die Beatles, die Stones, Black Sabbath, Janis Joplin. Ein weiter Weg für Lana Del Rey. Den ersten Schritt aber hat sie gemacht. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.02.2012, 14:22 Uhr
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12 Kommentare
Grossartiger Artikel! Jetzt wissen wir endlich, was wir schon immer wussten: Das nette Mädchen ist halt doch nur ein Hype: "Vielmehr eine scheue junge Frau, die zwar nicht jeden Ton trifft, aber eine sehr schöne Stimme hat." Sonst noch Fragen? Die Hoffnung, dass sich Musikjournalismus nicht immer mehr Richtung 'Lifestyle-Geschwafel' entwickelt, schmilzt langsam aber sicher dahin. Tragisch! Antworten
ich sah "lana del rey" bei ina müller's sendung "ina's nacht" in hamburg. sie ist keine sängerin für grosse hallen , aber in kleinem intimen rahmen kommt sie sehr gut rüber. man sollte ihr wie bei gutem wein noch zeit zum reifen geben ... aus ihr könnte eine sehr gute songwriterin/sängerin werden ... falls sie nicht zuvor runtergekanzelt wird, nur weil sie sich image-seitig noch zu finden sucht. Antworten
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