Das schöne Gesicht der Traurigkeit
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 05.03.2010 2 Kommentare
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Gorillaz: «Plastic Beach»
Die Gorillaz sind im doppelten Sinn eine virtuelle Band: Erstens tragen sie die von Jamie Hewlett gezeichneten Comicmasken, und zweitens bestehen sie im Grunde aus nichts anderem als aus den zahllosen Musikerbekanntschaften von Damon Albarn. Auch für «Plastic Beach» hat er wieder viele Gastsänger organisiert; aber auch arabische und europäische Orchester, die ihm das Material schickten, das er dann im Alleingang zu schlanken Popsongs reduzierte.
Entstanden ist das kompakteste der drei Gorillaz-Alben, es fusst auf blubbernden und knallenden, oft auch nostalgischen Discobeats, über die Albarn dann die Rap- und Soulstimmen von De la Soul, Mos Def, Snoop Dogg oder Bobby Womack legt. Selber singt er die melodietrunkenen Songs, die es hier in schöner Zahl und Ausfertigung gibt: «Rhinestone Eyes» oder «Melancholy Hill» schwelgen in der butterweichen, einst von den Pet Shop Boys perfektionierten Tristesse der britischen Disco.
Nach einem etwas flauen Einstieg bietet das Album in schneller Folge grosse Popsongs und -momente: die karnevaleske Ekstase, die das Hypnotic Brass Ensemble gegen Ende von «Sweepstakes» anpeilt; die erste Single «Stylo»; Lou Reeds lakonischer Sprechsingsang in «Some Kind of Nature»; und natürlich Bobby Womack in «Cloud of Unknowing». «Plastic Beach» ist eine herausragende Popplatte – intelligent, tanzbar, witzig und deep. (cf)
Hörporben
«Rhinestone Eyes»:
«Melancholy Hill»:
«Sweepstakes»:
«Stylo»:
«Some Kind of Nature»:
«Cloud of Unknowing»:
Die Stimme erreicht uns vom traurigsten Ort der Erde. Der Plastic Beach liegt an jenem Punkt im Meer, der von jeglicher Landmasse am weitesten entfernt ist, und wurde, liest man auf dem Promozettel der Plattenfirma, aus Abfall aufgeschüttet. Und oben auf dieser Insel, auf dem «Melancholy Hill», sitzt der Sänger, an eine Plastikpalme gelehnt, sieht hinaus zum Horizont und denkt an die Liebe. Der Sänger heisst Damon Albarn, ist 41 Jahre alt, und die Melancholie ist sein Weltreich. Mit «Melancholy Hill», diesem Song aus seinem neuesten Album mit den Gorillaz, hat er dessen äusserstes Ende erreicht. Und immer noch, auch auf diesem Müllhaufen im Nichts, klingt es verdammt britisch.
Man hört dieses Lied und muss daran denken, wie Damon Albarn von England aus durch die Welt reiste und in Afrika zwei Platten aufnahm, nachdem Blur auseinandergebrochen war, seine frühere Band: «Ich habe gemerkt, dass dieses Land, in dem ich lebe und das ich so liebe, in Wahrheit nur eine kleine Insel auf der nördlichen Hemisphäre ist», sagt er in «No Distance Left to Run», der neuen DVD über Blur. Auf dem «Melancholy Hill» ist es, als käme die Reise zum Abschluss. Keine Distanz weit und breit, die es noch zurückzulegen gäbe; und doch scheint Damon Albarn ganz bei sich angekommen – in einer elegant in Pop gekleideten, hochmelodischen Einsamkeit.
Nun kann man mit Recht einwenden, diese Singstimme vom Plastic Beach, das sei gar nicht Damon Albarn, sondern bloss ein Typ in einem Song. Und ja, sind denn die Gorillaz nicht diese virtuelle Band, ausgedacht vom Zeichner Jamie Hewlett als Rock-'n'-Roll-Tummelplatz für seine mangahaften Comicfiguren, und von Damon Albarn, um sich aus seiner notorischen Berühmtheit endlich hinter eine Maske zurückziehen zu können?
Der Terrier in der Band
Nun, falls das die Idee gewesen sein sollte, dann hat sie nicht funktioniert (falls es hingegen die Idee war, zwölf Millionen Platten zu verkaufen, dann schon). Die Gorillaz, das weiss alle Welt, sind Damon Albarn, da kann er den «Invisible Man» noch so sloganhaft auf dem T-Shirt tragen, wie das in «Bananaz» zu sehen ist, der letztjährigen DVD über die Gorillaz. In der Dokumentation tut er denn auch das, was man von einem berühmten Bandleader erwartet: die Musiker anleiten und Interviews geben.
Und das ist ja auch gut so. Damon Albarn ist nicht nur schön, erfolgreich und darüber hinaus das, was die Engländer einen «Smartass» nennen. Er ist vor allem eines der grössten und ehrgeizigsten Talente, die der britische Pop hervorgebracht hat. «Er war der Terrier bei Blur», sagt Gitarrist Graham Coxon in der DVD-Dokumentation. Albarn hat mit Blur und Britpop in den 90ern den Aufstieg der Labour Party begleitet und mit The Good, the Bad & the Queen zehn Jahre später deren Verstrickung in den Irak-Krieg vertont. Er hat betörende «Mali Music» gespielt, eine überkandidelte China-Oper geschrieben und mit dem nagenden Gospel von «Tender» (Blur, 1999) eine der unwahrscheinlicheren Singles der Popgeschichte.
Ein erster Stilwechsel
Spätestens seit dem Erfolg von «Tender» ist Damon Albarn als einer jener seltenen Popkünstler etabliert, denen auch das Unerwartete zum erwartbaren kommerziellen Erfolg gerät. Nichts Neues, könnte man freilich sagen, wenn man heute die Filmdokumentation sieht: Glaubt man ihr, war es Damon Albarn, der 1993 für Blur einen neuen Stil bei der Plattenfirma durchdrückte – eben Britpop, der gegenüber dem amerikanischen Grunge eine stilvoll geknöpfte Englishness feierte. Blur schafften damit noch rechtzeitig den Ausstieg aus dem verdrogten Rave, der als eskapistische Gegenkultur zu den letzten Jahren der Tory-Regierung ebenfalls kurz vor Dienstschluss stand.
Bald feierte Damon Albarn seine ersten Triumphe. Den grössten am 14. August 1995, als «Country House» von Blur die Spitze der britischen Charts übernahm, vor «Roll With It» von Oasis. «Seid ihr jetzt die grösste Band der Welt?», wurde Albarn im Fernsehen gefragt, und man konnte dem jungen Londoner dabei zusehen, wie er sich schlagfertig zum Coverboy der «Cool Britannia» machte, jener chauvinistischen Selbstfeier, die darum als irgendwie sympathisch in die Annalen einging, weil sie sich erstens an grossartiger Popmusik berauschte und weil sie zweitens die Ära der bleiernen Maggie Thatcher endgültig zur Geschichte machte – und die aufgesmarteten Labours um Tony Blair an die Macht schob.
Die grösste Band in Grossbritannien
«Nicht die grösste Band der Welt», antwortete Damon Albarn, «die grösste Band in Grossbritannien.» Für einen Moment durfte sich England wieder grösser fühlen als die Welt. Und Oasis, die eben noch damit geprollt hatten, bald die weltgrösste Band zu sein, hatten nebenher eine Ohrfeige kassiert.
Bloss, war es wirklich ein Triumph? Nicht wirklich, wenn man sich den Videoclip zu «The Universal» ansieht. Der Song schloss 1996 als letzte Single das Triptychon aus «Modern Life Is Rubbish» (1993), «Parklife» (1994) und «The Great Escape» (1995) ab. Auf diesen drei Platten hatten Blur das hohle Leben des in die Suburbs geflüchteten Mittelstands verspottet, in den Videos gern in den gleichen glossen Farben, mit denen die Prospekte der New Towns zwanzig Jahre zuvor um Zuzüger geworben hatten. Die Familie von Damon Albarn war 1978 selber hinaus nach Colchester gezogen, in die «Hölle», so der aus seiner multikulturellen Londoner Schulklasse gerissene Sohn.
Im Video zu «The Universal» wurden Blur nun selber zum Teil der Karikatur: Als Hausband einer Irrenanstalt unterhielten sie die in ihrer Spassapathie gefangenen Insassen über ein Lautsprechersystem, das im gleichen Gummizellenlook gepolstert war wie der Rest des Raums. Britpop war psychotisch und – notabene noch schneller als der Grinser Tony Blair – zu einem Teil des Problems geworden. «Every paper that you read / Says tomorrow is your lucky day», blökte Albarn in der Gummizelle, «So here's your lucky day!»
Die drohende Leere
Das Glück, sagte dieses finale Statement von Blur als Britpopband, ist auch in der Popmusik nicht leichter zu finden als in der Vorstadt, und wenn du nicht aufpasst, hat dich die Leere schneller eingeholt als der zähnefletschende Hund im Vorgarten nebenan, den du immer mit Steinchen bewirfst. Tatsächlich ist diese Leere schon überall in diesen Songs. Sie steckt beispielsweise in der Art, wie sich in «Girls & Boys» in zwei beiläufig eleganten Zeilen die Antriebskräfte einer jugendlichen Rebellion – agitierte Faulheit und agitierte Arbeitslosigkeit – ineinander aufheben: «Avoiding all work / Because there's none available.»
Vor allem aber steckt sie in der melancholischen Teilhabe, mit der Damon Albarn seinen Figuren die Stimme leiht: Ernold Same, Dan Abnormal oder dem Typen, der in «He Thought of Cars» immer darüber nachdenkt, wo er mit dem Auto denn noch hinfahren könnte. Wer weiss, ob Dan Abnormal die Leere spürt, die ihn antreibt. Damon Albarn, sein Anagramm, spürt sie ganz bestimmt – wenigstens als Drohung, wie in «Stereotypes»: «All your life you're dreamin' / Then you stop dreamin'.» Da ist er, der Horror vacui, der einen Menschen schon mal ans Ende der Welt treiben kann. Ich ist ein anderer? Vielleicht ist Ich auch keiner. Selbst wenn es ein schönes Gesicht hat.
Pop in Halbwertszeiten
Zwei Jahre nach «The Universal», also 1997, sass Damon Albarn als eminenter Büsser vor der Poppresse: Britpop sei bloss ein Missverständnis gewesen, und der Ruhm sei ihm längst schal geworden. Man konnte das genauso als Pose lesen wie die Musik, die Blur auf ihrem neuen Album nun spielten und die dem gerade populären Indierock aus den USA angelehnt war. Und siehe da, schon im ersten Videoclip zeigte der ehemalige Schauspielschüler Albarn die emotionalen Aggregatszustände in bittersüsser Perfektion, auf die es beim Indierocker nun einmal ankommt: die Introspektion (trauriger Blick in die Kamera) und den Ausbruch (am Boden wälzen). Man konnte das so lange als Pose lesen, bis man lernte, dass Albarn in «Beetlebum» über seine Drogensucht sang.
Hatte ihn die Leere also eingeholt? Sicher ist: «Beetlebum» ist als Ausdruck einer löchrigen, mit Heroin geschwemmten Britenseele äusserst berückend. Und: Der Song sicherte Blur den Durchbruch in den USA. Da ist es wieder, das vielleicht grösste Talent des Damon Albarn, das ihn in eine Reihe mit John Lennon und Ray Davies stellt: Er schreibt Hits, die ihren Glutkern aus Traurigkeit in britisch-zugeknöpfter Dezenz zum Leuchten bringen. Wer die Gravitas hört, mit der Albarn seine Lieder singt, wird ihm den Rest von Kalkül nicht verübeln, der seine Karrierebrüche begleitet – scheinen sie ihn doch Mal für Mal in frivolem Einklang mit neuen Trends zu ereilen. Nennen wir es die Intelligenz, Pop auch in Halbwertszeiten zu denken.
Rennen um den Britpopthron verloren
Damon Albarn war der Coverboy von «Cool Britannia», der das Rennen um den Britpopthron dann doch an Oasis verloren hat. Heute ist er der Undercoverboy der Internetära: Seine Anonymität hinter den gezeichneten Gorillaz ist nur eine scheinbare; und doch ist sie den Popfans der Second-Life-Generation ein zeitgemässes, schickes Extra. Damon Albarn ist einer der angesehensten Popkünstler der Gegenwart, und für sein hochkarätig bestücktes Adressbüchlein würde die ehemalige Konkurrenz ganz schnell ihre Working-Class-Seele verkaufen.
Der ist es nämlich weniger gut ergangen: Vor drei Wochen warf Liam Gallagher bei den Brit Awards die Trophäe ins Publikum. Er hatte sie für «(What's the Story) Morning Glory?» als das «beste britische Album der letzten 30 Jahre entgegengenommen – im Namen von Oasis, der Band, von der nur die Pöbelei überlebt hat.
Britische Inselfantasien
Wer weiss, vielleicht hat es Damon Albarn im Fernsehen ja gesehen. Die Zeit dazu hätte er gehabt, das dritte Album der Gorillaz war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls schon fertig. Ach ja: «Plastic Beach» ist ein Meisterwerk.
Es ist das Album eines Mannes, der in die Welt geschaut und doch nur seine eigene Verlorenheit gesehen hat. Bobby Womack singt als Gast das unfassbar traurige «Cloud of Unknowing», und es ist, als spiele nun auch die schwarze Soulmusik und ihre ramponierte alte Gospelorgel um das Seelenheil der Menschen von Colchester. Einer von ihnen ist Mark E. Smith (The Fall), wie er in «Glitter Freeze» auf Ibiza – auf noch so einer Plastikinsel – durch eine knallharte Eurodisco-Fantasie torkelt. Oder Little Dragon, die sich in «To Binge» die Pseudo-Tropicalia wie eine Fototapete ins Reihenhäuschen hängt. Spätestens hier realisiert man, dass der Plastic Beach, dieser Abfallstrand am Arsch der Welt, viel weiter reicht, als man gedacht hatte: nach London, nach Colchester und bis unter die eigene Haut.
Höchste Zeit, ihn vom «Melancholy Hill» hinunter etwas eingehender zu betrachten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2010, 08:03 Uhr
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2 Kommentare
Damon Albarn ist ein wunderbarer Sänger und Songschreiber! Er schreibt nicht nur für sich und seine Band Blur, nein, er hat z.B. auch für Marianne Faithfull 2 ganz tolle Songs geschrieben: 'kissin' time' (gleichnamiges Album aus dem Jahre 2002) und 'last song' (vom Album 'before the poison', 2004), welches er dann selber noch gesungen und releast hat; allerdings unter dem Titel 'green fields'. Antworten
Dieses ständige sich Herablassen über Oasis ist langsam aber sicher langweilig und ausgelutscht. Was Damon Albarn betrifft: er war und ist ein sehr talentierter Musiker. Aber auch er hatte die besten Alben mit Blur. Was an den Gorillaz so toll sein soll kann ich mir bis heute nicht erklären. Das der Tagi (mit seiner pseudo-intellektuellen Art) das Album in den Himmel lobt war hingegen klar. Antworten
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