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Das Berner Hip-Hop Mundwerk der Zukunft

Von Patrick Sigrist. Aktualisiert am 29.09.2010

Greis ist sein Vorbild. Und als einer der vielversprechendsten Rapper des Landes darf Tommy Vercetti nun dessen Nachfolge antreten. In seinem Debütalbum «Seiltänzer» schlägt der Berner melancholische Töne an und setzt auf Texte mit Tiefgang.

Ein Held der Berner Hip Hop Szene: Wichtiger als der kommerzielle Erfolg ist für Tommy Vercetti die Anerkennung der Leute, die ihm nahe stehen. (Bild: zvg)

Zum ersten Mal trat der Arbeitersohn aus Ostermundigen vor sieben Jahren ins Rampenlicht. Am Ultimate MC Battle im Berner Bierhübeli schaltete er technisch versiert und voller Wortwitz Gegner um Gegner aus, unterlag im Finale aber dem damals übermächtigen MC Bandit.

Trotz der Finalniederlage war ein Mythos geboren, der erst die Berner und dann die ganze Schweizer Rap-Landschaft in zwei Lager spalten sollte: auf der einen Seite die kommerziell schon damals recht erfolgreiche, etwas altbacken wirkende Chlyklass um PVP und Wurzel 5; auf der anderen Seite die stetig wachsende Gefolgschaft von Tommy Vercetti und seinem Partner Dezmond Dez. Ihre Fans waren jünger, urbaner, frecher, oft mit Migrationshintergrund und aus eigener Sicht genau wie ihre beiden Vorbilder einfach stylischer. Und der Style ist an den sogenannten Battles, also Rap-Wettbewerben, an denen sich die Hip-Hopper verbal den Rest geben, das Wichtigste.

Klare Ansagen

Doch so heiss, wie die Suppe gekocht wurde, wurde sie nicht gegessen; trotz Rivalität bewunderte man sich auch. «Greis war damals eines meiner grossen Vorbilder», gibt Tommy unumwunden zu, «er war und ist für mich der beste Schweizer Rapper.» Heute haben sich auch die letzten Wogen geglättet, und Tommy Vercetti wird von einem Grossteil der Szene gar als einzig legitimer Nachfolger von Greis gehandelt. Wie kaum ein anderer versteht es Vercetti, die grossen Themen der Weltgeschichte in lyrisch hochstehende Texte zu verpacken: Krieg und Frieden, Armut und Reichtum, Hass und Liebe.

Diese prägen nun auch sein Debütalbum «Seiltänzer». Unverhohlen propagiert Tommy darauf seine weit linksgerichtete politische Meinung. Er nennt die Dinge, die ihm nicht gefallen, beim Namen, ohne dabei in die polemische Schiene abzurutschen. Klar positioniert, aber dennoch differenziert berichtet er von Klassenkampf und Gesellschaftsdruck.

Viel Persönliches

In den Texten werden seine Gedanken und Sorgen selbstkritisch und ohne jegliche Scham offengelegt: das Grosswerden in einfachen Verhältnissen, eine gescheiterte Beziehung, die eigene Rolle in einer immer oberflächlicheren Gesellschaft. Gerade wegen der persönlichen Themen ist das Alter Ego Tommy Vercetti, der Künstlername stammt aus einem Ballerspiel, besonders wichtig: «Der Künstlername hilft mir, in den alles offenlegenden Zeiten des Internets trotz der Ehrlichkeit meiner Lieder etwas für mich zu behalten.»

Nicht nur hörerfreundlich

Die inhaltliche Schwere setzt sich auch in der Instrumentalisierung des Albums fort. Die beiden Produzenten Fabio und Onur haben dem Rapper einen eng verwobenen, die melancholische Stimmung des Raps stimmig unterstreichenden Soundteppich verpasst. Die klassisch, aber zeitgemäss arrangierten Piano- und Streichermelodien unterstützen den Tiefgang von Vercettis Texten.

Und eben dieser Tiefgang ist über die Länge von 19 Songs enorm anstrengend und bringt die Aufmerksamkeitsspanne des Zuhörers an ihre Grenzen. Vercetti ist sich der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst: «So abgedroschen es auch klingen mag, der kommerzielle Erfolg steht für mich krass im Hintergrund.» Er sei stolz darauf, das Album so geschaffen zu haben, wie er es sich vor drei Jahren ausgemalt habe. «Ich bin schon glücklich, wenn ich die Anerkennung der Leute erhalte, die mir wichtig sind.»

CD: Tommy Vercetti, «Seiltänzer», No Code, Musikvertrieb. Erhältlich ab Freitag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.09.2010, 12:14 Uhr

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