Brutal konsequent
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 16.10.2009 3 Kommentare
«Nun hat das Warten ein Ende», dröhnt das erste Stück, «leiht euer Ohr einer Legende.» Da grollt sie wieder, die Androhungsrhetorik von Rammstein aus dem ehemaligen Osten, die ihre Musik als «Tanzmetall» bezeichnen und als deutsches Exportprodukt in die Welt hinaustragen. Ihr neues Album liefert mit neuem Schwung die altbekannte Wucht und Präzision mit Hilfe von Kettensägengitarren, Knüppelschlagzeug, überraschenden Breaks und den brünstigen Versen von Sänger Till Lindemann. Heavy Metal war schon immer eine zutiefst konservative Musik, sie liefert die immerwährende Bestätigung des Bestehenden.
Dazu gehört bei Rammstein der Schock als Effekt. Seit 15 Jahren arbeitet sich das Sextett konsequent durch alle Tabus: Sadomasochismus, Impotenz, Homosexualität, Inzest, Missbrauch, Nekrophilie, Pyromanie, Kannibalismus – Marquis de Sade und Sacher-Masoch im Viervierteltakt. Die dadurch ausgelösten Skandale gehen dann nahtlos in die jeweilige Promotionskampagne ein. Worauf ihre Urheber halb empört und halb erstaunt beteuern, Gewalt in jeder Form zu verurteilen. Mit dem Rechtsradikalismus wollten sie als «linke Patrioten» (Gitarrist Paul Landers) schon gar nicht zu tun haben. Das dazugehörige Stück «Links 2 3 4» klingt wie ein stalinistischer Marsch.
Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft
Im Grunde beschreiben ihre Lieder die Gewaltbereitschaft einer Gesellschaft, die verurteilt, wovon sie insgeheim fasziniert ist. «Ich mach die Augen zu, dann seh ich sie», singt Lindemann auf dem Titelstück der neuen Platte, «ich sperr sie ein in meine Fantasie.» «Liebe ist für alle da» heisst das Album und führt den Krieg des Genre als Krieg der Geschlechter fort. Einmal mehr kombiniert die Band das Brutale mit dem Entsetzlichen und dem Pornografischen, Letzteres auf «Pussy», ihrer ersten Single. Der dazugehörige Videoclip zeigt die Herren beim Geschlechtsverkehr. Er wurde erwartungsgemäss zensiert und liess das Stück erwartungsgemäss die Hitparade hochschiessen. Maximierung der Reklame.
Wem das alles zu brutal vorkommt, der wird auch die neue Platte mit Abscheu quittieren, wobei er Darstellung möglicherweise mit Überzeugung verwechselt. Und auch den Humor überhört, mit dem Sänger Lindemann seine Verse versetzt. «Zu gross, zu klein», singt er auf der neuen Single: «Der Schlagbaum sollte oben sein.» Herrschaft und Versagen sind bei ihnen nur einen Akkord weit weg.
Rammstein: Liebe ist für alle da (Universal).
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2009, 14:36 Uhr
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