Bob Dylans abgewrackte Stimme klingt noch immer fantastisch

Variationen über die Liebe: Bob Dylan, bald 68 Jahre alt, veröffentlicht heute sein neues Album «Together Through Life».

Ganz bei der Sache: Bob Dylan beim Pawtucket Arts Festival 2006.

Ganz bei der Sache: Bob Dylan beim Pawtucket Arts Festival 2006.
Bild: Keystone

Es war vor 46 Jahren, als auf dem Cover einer Platte von Bob Dylan zum letzten Mal ein Liebespaar zu sehen war. Er selber wars, sehr jung, und an seinen Arm geklammert seine damalige Freundin. Auf dem neuen Album ist ein Paar zu sehen, das sich auf der Rückbank eines Autos verlustiert. Bruce Davidson hat es 1959 für «Magnum» fotografiert, und man darf es als Programm für die Platte lesen. Es geht in den zehn neuen Songs in erster Linie um Liebe und Sex, unterwegs und in verschiedenen Ortschaften. Frauengeschichten sind auch eine Frage der Geografie.

Ja, Bob Dylan könnte dieses Album integral in seiner Radioshow spielen. Der Titel der Sendung lautete dann «Love» oder «The Ways of the Women», und die Musik würde sich auch nicht stark unterscheiden von den Oldies, die Dylan in der «Theme Time Radio Hour» abzuspielen pflegt; schliesslich gibt es auch hier viel Blues, etwas Country und Rumba und sogar eine Zydeco-Nummer. Handorgel und Geige verleihen den Songs den Rotweinatem der Bohème, die Songs gleichen mal einem sentimentalen, mal notgeilen Streifzug durchs amerikanisch-mexikanische Grenzland, in dem sich der Sänger ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal aufhält.

«Solange die Liebe hält»

«Oh well, I love you, pretty baby», hebt das Album zu einem schmutzigen BluesGroove an, der den Pragmatismus einer späteren Zeile schon vorwegnimmt: «Wir werden uns lieben, solange die Liebe hält.» Danach ist «Life Is Hard» unendlich viel zarter, eine Mandoline wiegt den Sänger in seiner Trauer über eine verlorene oder auch nur weit entfernte Liebe, und der Gesang ist pures, banges Vermissen. In «My Wife's Home Town» dann wird die Frau zu einer Ausgeburt der Hölle erklärt. Doch der erotisch flackernde Blues, der den Sänger jetzt begleitet, aber auch der Titel des Blues-Originals, das Dylan hier überschrieben hat – sie machen klar, dass er das sehr wohl für ein Versprechen hält. «I Just Want to Make Love to You» hiess der Song 1954 bei Muddy Waters.

Die Band kopiert hier den trocken keuchenden Blues-Sound, wie er in den 50er-Jahren bei Chess in Chicago aufgenommen wurde, dem Label von Muddy Waters. Das ist nicht besonders originell, aber das ist wiederum kein Vorwurf, der einen Musiker treffen könnte, der seit Jahren geradezu besessen daran arbeitet, seine Bühnenfigur – Bob Dylan eben – und seine Songs der Folk- und Blues-Tradition einzuschreiben. Für «Time out of Mind» (1997) und «Love and Theft» (2001) schrieb er Songs, die diese Tradition atmeten, die aber Dylans düsterer oder komischer Weltsicht verpflichtet blieben. Mit «Modern Times» (2006) ging er dazu über, seine Songs mimikrihaft der Tradition einzuweben. Dass er jetzt erneut alte Platten durchpaust, kann man faul nennen, konsequent oder demütig.

Zeilen vom Dylanologen

Richtig ist das alles, das ändert aber nichts daran, dass die neue Songsammlung gegenüber den Meisterwerken «Time out of Mind» und «Love and Theft» doch etwas abfällt. Die ganz grossen Songs fehlen, und wo Dylan seinen Zitatschatz äufnet, unterlaufen ihm eitle Ausrutscher: «Some people they tell me / I've got the blood of the land in my voice.» Die Zeile klingt, als habe nicht er, sondern ein Dylanologe sie geschrieben. (Möglich, dass es Robert Hunter war, Texter der Grateful Dead, der an den neuen Songs mitgearbeitet hat.)

Trotzdem kann man mit den neuen Songs viel Spass haben. Erstens ist der Gesang von Dylans abgewrackter Stimme fantastisch. Fantastisch derb, fantastisch zart, immer präzis. Und zweitens beherrscht die Band bravourös den Vintage-Sound, der Dylan als sein eigener Produzent vorschwebte. Es war ein guter Entscheid, Stu Kimball und Denny Freeman, die in den Konzerten den Bluesrockgrill anzuschmeissen pflegen, für die Studioaufnahmen zu ersetzen: Mike Campbell (aus Tom Pettys Band) und David Hidalgo (von Los Lobos) sind viel bessere Musiker – stoisch in ihrer Virtuosität und gesegnet mit rotzigem Esprit. Mit Tony Garnier (Bass), George Recile (Schlagzeug) und Donnie Herron (Steelgitarre, Banjo, Mandoline) aus dem Tourtross bilden sie die perfekte Band für Dylans rässe Fantasmagorie über die Liebe.

Sänger ein Don Quijote

Die so weitergeht: Im wunderbar traurigen «This Dream of You» ist der Sänger ein Don Quijote, umgetrieben und am Leben gehalten von einem fernen Frauentraum. Aber nicht lange dauert es, bis sich in «I Feel A Change Comin' On» neues Liebesgetändel anbahnt und es lakonisch heisst: «Träume haben für mich sowieso nie funktioniert.» In «Shake Shake Mama» gibts schmutzigen Sex, zu dem sich nicht nur die Fensterscheiben beschlagen, sondern auch die Gitarrensoli. All diese Songs sind blendend unterhaltende Noveltys in fiesester Blues-Tradition. Dies ist das erste Dylan-Album seit fast 20 Jahren, auf dem der Tod keine nennenswerte Rolle spielt.

Bis man in «Forgetful Heart», dem schorfigsten und schönsten Song des Albums, merkt: Dylan benutzt die Flüchtigkeit der Liebe auch als Metapher für die Flüchtigkeit der Zeit. Träume und Erinnerungen durchziehen die Songs und heben jede Chronologie, Lebens- und Liebeslogik auf. «Vor uns liegt nichts», heisst es bald, «als die Berge der Vergangenheit.» Und so sind auch diese Songs aus der tiefen Popgeschichte heraus erinnert und erträumt. «Pass auf deine Erinnerungen auf», hat dem Sänger schon 1967 in «Nothing Was Delivered» jemand ins Ohr geflüstert: «Du kannst sie nicht erneuern.» Dylan passt gut auf, indem er immer weiterspielt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2009, 08:08 Uhr

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1 KOMMENTAR

Franziska Bolliger

26.04.2009, 09:37 Uhr

Bob Dylan hat Geschichte geschrieben, ist eine Legende und ein genialer Komponist. Jeder der seine Stimme als "fantastisch", gut oder etwa genial empfindet, hat einfach keine Ahnung wie eine gute Stimme klingen sollte und wahrscheinlich auch keine Ahnung von Musik!



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