Kultur
Bob Dylan: Schönes hässlich, Hässliches schön
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 16.04.2009 36 Kommentare
Artikel zum Thema
Er habe eine hässliche Stimme und sei trotzdem der beste Sänger der Welt, schrieb die Sängerin Sophie Hunger neulich (siehe Artikel zum Thema): «Warum das so ist, kann ich Ihnen nicht erklären.» Das ist natürlich praktisch, wenn Ergriffenheit und Sprachlosigkeit so schön zueinanderfinden, aber man kann ja die Journalisten fragen.
Immerhin zeigt Sophie Hunger in ihrem Text, was Bob Dylan bei ihr auslöst. Journalisten tun das weniger, und wenn sie es tun, wünschte man sich oft, sie hätten es gelassen. Stattdessen kommen sie unweigerlich ins Notenverteilen und Auflisten, vor allem bei ihm, der sich nicht an Noten hält und alle Listen durcheinanderbringt, angefangen bei den Songlisten seiner Konzerte. Was gabs also am Dienstagabend zu notieren und aufzulisten, als Bob Dylan wieder einmal in der Basler St. Jakobshalle auftrat, diesem Betonbau wie für einen DDR-Parteitag, in dem er schon im September 1987 aufs Gröbste abgestürzt war? Geriet sein Konzert eher kubistisch-sperrig, oder gab er es in grosser, atmender Gelassenheit? Klang es wuchtig wie ein Sergio Leone oder eher nach spätem Godard, also interessant im Sinne von unverträglich? Gab es Überraschungen bei der Setlist oder tolle Aufführungen, gar einen neuen Song?
Nüchtern muss man festhalten: Es war kein grosser Abend. Bob Dylan brauchte vier Stücke, um sich warm zu singen, darunter die Rotweinballade «I’ll Be Your Baby Tonight», die man von ihm noch nie in einer dermassen kettensägemässigen Abwrackversion gehört hat, und das will etwas heissen. Der Alte stiess die Zeilen keuchend aus sich heraus, als wären es seine letzten, das Beste war noch sein Spiel auf der Mundharmonika, und auch das will etwas heissen. Wir standen derweil höflich da und warteten, dass es besser komme.
Starke und schwache Momente
Und dann, wie aus dem Nichts, die Geschichte vom Soldaten John Brown, der mit Stolz in den Krieg zieht und ohne Gesicht heimkehrt, eine Folknummer, nahe am Skelett gebaut, die Band spielte mit Zurückhaltung und Eleganz, Dylan trat ans Mikrofon und sang plötzlich mit dieser schneidenden, wilden Stimme, die er immer noch draufhat, wenn ihm danach zumute ist, zerdehnte die Zeilen oder spuckte die Worte einzeln aus. Ein Spätstartkonzert, warum nicht?
Stattdessen fuhr man Achterbahn mit ihm: auf und ab, noch weiter ab, plötzlich wieder rauf, das ganze Konzert hindurch. Dylan ruinierte einige seiner schönsten Lieder wie «Visions of Johanna» oder «Highway 61 Revisited», dafür sang er jüngere Stücke viel besser, gab sich gegen Ende richtig Mühe und sang zum Beispiel «Thunder on the Mountain» aus seinem letzten Album, als habe es das Lied schon immer gegeben, als wäre es ein Klassiker und nicht bloss eine freche Montage. Der Rest klang bestenfalls gutgelaunt und meistens schwach, wie weggeworfen.
Ausser «Masters of War», das Anklagelied von 1963 mit den schrecklichen Zeilen «And I hope that you die/ and your death’ll come soon». Dylan trug sie voller Hass und Verachtung vor, und er sang, als gäbe es keinen Frieden mehr, nur Friedhofsruhe. Seine innigsten Lieder an diesem Abend handeln vom Krieg. Das Schöne hässlich, das Hässliche schön: So ist er eben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.04.2009, 08:06 Uhr
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36 Kommentare
@Gerhard: da hast du etwas früher begonnen als ich. Mein erstes Konzert war 1994 in Wien. 94 war generell ein guter Jahrgang (bei Dylan ist es ja ein wenig wie mit dem Wein). Mir wurde stets abgeraten, Dylan live zu sehen. Montreux 90/Zürich 91 seien schrecklich gewesen, sagte man. Zum Glück überwiegte dann doch die Neugier. Seiher ist er mein liebster performing artist. Genf wird mein 27. Konzert Antworten
@Matthias: Ich habe schon 30 bis 35 gesehen, das erste war eben 87. Dieses Jahr musste ich Italien auslassen. 99 ist bestens in Erinnerung! Magisch war auch mein zweites in Locarno, strömender Regen, Bobby fand laut Chronicles da seine Stimme wieder - dead dead man... @Daniel: habe Bob am Schluss in Genf von 3m ins Publikum blinzeln sehen, da merkte man, wie sehr er die liebt, die ihn schätzen... Antworten
@Gerhard: bezüglich Frauenfeld erinnere ich mich vor allem noch an den zweiten Song "Senor", welches für mich der am meisten unterschätzte Dylan-Song ist. Silvio war nie eine Lieblingsnummer von mir, ging live aber gut ab. Bob spielte das Lied damals ja auf jedem Konzert. Viel besser als Montreux/Frauenfeld 1998 fand ich Zürich 1999. Das lange Akustik-Set war sensationell. Dylan at his best! Antworten
Also dass dies mal ein für allemal klar ist. Dieses Konzert war ohne Ohrenschutz nicht zu geniessen. In der St. Jakobshalle dürften, wegen der miserablen Akkustik keine Musik Events mehr durchgeführt werden. Das grenzt für meine Begriffe an Körperverletzung und ist letzlich Betrug des Publikums. Ob eine geringere Lautstärke dann noch was hätte richten können weiss ich nicht. Boykottiert die Halle. Antworten
Ich kann mir schon vorstellen, dass man enttäuscht ist, wenn man keine Anhnung hat was einem erwartet. Natürlich wäre es schön, wenn der Sound besser wäre und wenn man mehr vom Text verstehen würde. Es ist jedenfalls keine Anbiederung ans Publikum, was sonst so oft peinlich von Bühnen schwappt. Während Bob am Ende scheinbar regungslos ins Puplikum schaut ruft eine Frau neben mir: "Thank you Bob" Antworten
Also das war mein erstes Bob Dylan Konzert, hoffe aber nicht mein letztes, ein urteil über das Konzert kann und will ich mir nicht bilden. Denn der Herr auf der Bühne war Bob Dylan. Der wohl grösste noch lebende Musiker. Legende, Grossmeister. Ich ziehe den Hut vor Ihm..für alles was er der Musik geschenkt hat. Robert danke dir. Antworten
Jean-Martin Büttner gehen Sie nach Hause. Die Performance war für Dylan Verhältnisse ausgezeichnet. Wie Sie darauf kommen können, dass er Visions of Johanna ruiniert haben soll, verstehe ich beim besten Willen nicht. Das war nur ne etwas schnellere Version, und einiges besser als 2005 oder 2007 in Zürich. Ich habe Dylan selten so konzentriert erlebt. Mann wo waren Sie eigentlich? Antworten
Habe soeben Masters of War vom Basler Konzert gehört. Kristallklarer Sound und eine Stimme, die erschreckt, aufrüttelt und einen nicht mehr los lässt. Der entscheidende Faktor bei der Beurteilung dieses Konzerts ist anscheinend, wo in der Halle man seine Zelte aufgeschlagen hatte. Antworten
Wenn ich alle diese Komentare lese gibt es 2 "Dylanologen".Jene die ihn nicht kennen und jene die ihn zu kennen glauben.Über jene die ihn nicht kennen sage ich nichts.Ich lese von üblem Gekrächze,vom Schatten seiner Selbst,vom lausig bis unglaublich gut ist alles vertreten. Alle die Dylan kennen,ordnen das Konzert von Basel "unter ferner liefen" ein. Vergessen wir dabei das Jahrtausen-Genie nicht Antworten
Das Konzert vor ca. 10 Jahren mit Charlie Sexton war der Hammer, zweifellos. Gestern: ein paar wenige Höhepunkte; Band nicht schlecht, Gesang sehr gewöhnungsbedürftig, Akustik fürchterlich (ich war zum 2. Mal in dieser Halle und werde nie mehr hingehen!); freue mich dennoch schon jetzt auf mein 9. Dylan-Konzert. Antworten
Was für eine grauenhafte Akustik, Sound überschlug sich vor mir, konnte kein Wort verstehen, war viel zu laut und alle Leute standen - kaum ein Blick auf die Bühne möglich! Ich liebe den Mann seit ich 15 war. Mein erstes Konzert - sehr enttäuschend, nicht Bob, sondern das was rüber kam - eben fast nichts. CD dabei, Glück! In dieser Atmosphäre war kein Gefühl für seine Texte oder Aussage möglich. Antworten
@Matthias: à propos mehrstimmig erinnere ich mich gerne an "Silvio", glaube in Frauenfeld haben sie das sogar a capella zum Besten gegeben, habs aber nirgends so auf Konserve gefunden bisher. Wenn's mir recht ist, war Basel 1987 auch in dieser Halle. Das war ja akustisch auch die Katastrophe, zudem war Bob obermies drauf. Genf wir garantiert Klasse und einiges intimer. Keep on keepin' on, Bob ... Antworten
Nun, beim heutigen Stand der Technik dürfte man soundmässig schon mehr erwarten; was sich das Publikum bei diesem Konzert bieten lassen musste ist eine Frechheit; dröhnende Bässe, Tontechniker, die ganz offensichtlich abwesen waren - schlichtweg mieser Sound. Eine Schande und das für Fr. 130.--.....vielleicht wäre es besser, die Anlagen mal etwas weniger laut einzustellen!?! Antworten
Dylan bleibt Dylan. Dass er weder "Hallo", noch "Thank you" noch "Goodbye" sagt ist nichts Neues. Ich habe lieber echte Musik als Begrüssungen, Ansagen und Verabschiedungen. Und Musik und erst noch Gute hat Bob gestgern abend wieder 2 volle Stunden abgeliefert. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Bob Dylan Konzert in der Schweiz (ist ja schon in einer Woche). Thank you Bob - mach weiter so Antworten
Die Band um Charlie Sexton und Larry Campbell ist wirklich nicht mit der heutigen zu vergleichen. Die mehrstimmigen Harmoniegesänge in Songs wie Blowin' in the wind, I shall be released oder Knockin' on heaven's door hätten wohl einige der aus der St. Jakobshalle frühzeitig Abgewanderten von der Flucht abhalten können. Die Vielschichtigkeit hat sich mit der aktuellen Gruppe etwas reduziert. Antworten
Ja denn... da hättet ihr vor 22 Jahren den Bob hören und sehen sollen, gesehen habe ich ihn nie, obwohl zuallervorderst und einen ganz dicken Hals am Ende, die Songs waren nahezu kaum zu entziffern, Like a rolling stone unglaublich hart, aber im nachhinein war's allemal wert... und was bin ich glücklich alle Jahre wieder wenn der Bob vorbeikommt... das Leben ist nicht zuckerschlecken Antworten
@Peter: Vor zehn Jahren? Das war die Band um Charlie Sexton, ein ganz anderes Kaliber! Die Jungs gestern waren schlechter Durchschntt, bis auf Tony Garnier am Bass und den Schlagzeuger. Es ist aber genau die Band, mit der Dylan Modern Times eingespielt hat. Böse Zungen behaupten, Dylan habe sich extra nicht die tollsten Musiker ausgesucht. Bob, Liebe oder Ärger, muss man sich vorher überlegen ... Antworten
Gestern besuchte ich zum 4. und letzten mal ein Bob Dylan Konzert. Vor zehn Jahren vermochte er mich zu begeistern mit Gitarre, mal elektrisch, mal akustisch, mal rockig, dann wieder zurückhaltend. Seine Songs ergriffen mich. Das gestrige Konzert war eine reine Katastrophe. Er liess seine zweifelsohne gute Band für sich arbeiten. Dylan: Krächzen, keine Gitarre, schwach bis einfach nur peinlich. Antworten
Die Musiker waren nicht schlecht. Aber die Akustik war uebel. Der Bass kam nur als Brei. Der Mann hat sich einen abgefrickelt. Die Stimme war total übersteuert. Schlagzeug, Keyboards und Gitarren waren o.k. Würd nicht mehr hingehen. Denke mache einen Bogen ums Jockeli. Antworten
Ich sah ihn zum ersten mal und bin kein Fan. Aber das Konzert fand ich hammermässig, cool und trocken und ja, die Musik erinnerte mich an ZZ Top und an the crazy horse, und nein, ich habe auch fast kein Wort verstanden, aber es war eine Energie im Raum die erkennen liess, dass ein Grossmeister am Werk ist. Und dass er jedes Konzert andere Songs spielt spricht auch für sich. Antworten
Genialer Musiker oder Arrogantes A...?!? ich fands gestern grottenschlecht! viel zu laut und rockig. ich schwelge halt lieber in alten Zeiten, brauche keinen verrockten und verrapten Dylan. Ok, mein Fehler. Hätte ich mich vorher im Netz rumgehört, hätte ich gewusst, was mich erwartet und mir die 130.-Stutz sparen können. Antworten
Habe Röbi Zimmermann gestern das erste Mal gesehen und mir hat's gepasst. Ok, Akustik schlecht, aber das ist man sich gewohnt von der St. Jakobshalle. Der Mann muss niemandem mehr etwas beweisen und das drückt sich in der Interpretation seiner Songs wie auch dem Bühnen-Deko aus. Anders, knorrig, reduziert aufs Wesentliche und zum Glück mit einer Band in grösster minimalistischer Spiellaune. Antworten
Masters of War ist akustisch der Hammer, schon vor zwei Jahren. Der Hühnerhautklassiker Visions of Johanna war leider diesmal etwas kitschig und undurchsichtig. Highway 61 wie üblich, war aber nötig. Thunder on the Mountain - I love it - war längst nicht so brachial wie auch schon. Sollte sich Bobby auf die Stimme konzentieren? Aber er braucht wohl den "Halt" der Harmonika oder des Pianos. Antworten
Einmal mehr hat mich ein Dylankonzert verwirrt. Waren bei den letzten Gigs die Bands eher Country angehaucht, erinnerten mich gestern die Begleitmusiker an ZZ-Top. Allerdings konnte ich anhand der plattengetreuen Riffs die Stücke früh erkennen. Denn Bob selbst hat die (alten) Lieder so sehr entfremdet, dass jede Ähnlichkeit mit dem Original rein zufällig war. Antworten
Ich war auch am Konzert von Dylan. Wenn Bob seine Studiomusiker nicht gehabt hätte, dann wäre der Saal innert 20 Minuten leer gewesen. Die Band spielte ercht dreckigen Rock'n Roll und liess so einige alte Zeiten wieder in mir aufflammen. Dylan lebt so ganz gut in Symbiose mit seinen Musikern zusammen. Dank guter Technik ist seine neuste CD wirklich ein Ohrenschmaus für mehrere gemütliche Abende. Antworten
Bob Dylan, knorrige Legende, Zeit verändernder Folk Poet, Stimme einer Generation. So weit so gut. Erstes Augenbrauenheben im Voyer des Joggeli: 40.- für ein T-Shirt? Naja, die Karten waren ja dafür spottbillig, da kann man schon mal n bisschen mehr für das Merchandising verlangen. Nach 30min Konzert verlassen die ersten die Halle. Rauchen. Draussen. The answer is blowing in the wind. Gäääähn. Antworten
Ein höchst enttäuschendes Konzert. Was Dylan gestern abend in Basel bot , war eine Zumutung- er kommuniziert nicht einmal minimal mit dem Publikum (sehr unhöflich). Der Mann kann überhaupt nicht mehr singen, man versteht kein Wort, auch die Songinterpretationen waren höchst unbefriedigend.. Bob Dylan ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Und: Leider war die Akustik in der Halle schlecht. Antworten







Gerhard Wiedmer
Montreux 90 war absolut phantastisch, mit Ry Cooder! A propos Señor, mein Song von Street legal ist eher Journey through dark heat. Weist meiner Meinung nach auf die kommenden Platten hin. Antworten