«Lassen Sie die Finger vom Kulturkonzept»

Erfrischende Sicht von Ex-Pro-Helvetia-Chef Pius Knüsel: Er hinterfragte an der Berner Kulturkonferenz vom Donnerstag die Sehnsucht nach einer städtischen Kulturstrategie.

Pius Knüsel: Kein Fan von Strategiepapieren.

Pius Knüsel: Kein Fan von Strategiepapieren. Bild: Keystone

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Wie hat doch die Berner Kulturszene für ihr Kulturkonzept gekämpft – ohne je zu hinterfragen, ob sich der Kampf dafür überhaupt lohnt. Kultursekretärin Veronica Schaller sah lange keinen Grund für einen solchen Leidfaden – und wurde deswegen zum Feindbild gestempelt. Letztlich, steter Tropfen höhlt den Stein, gab die Stadt nach. Nun ist ein Kulturkonzept in Arbeit.

Druck hatte unter anderem die Berner Kulturkonferenz der Initianten Lukas Vogelsang, Carola Ertle und Bernhard Giger aufgesetzt. In öffentlichen Gesprächen und Arbeitsgruppen sollten Ideen für das Vorhaben Kulturkonzept gesammelt werden.

Jetzt ein Debattierclub

Und jetzt, wie weiter, da die Stadt doch nachgegeben hat? Jetzt wird die Kulturkonferenz als Debattierclub weitergeführt. 200 Interessierte fanden sich am Donnerstag im Progr dazu ein, den drei Referaten zum Thema «Identität» zu lauschen. Eines kam von Pius Knüsel, Ex-Pro-Helvetia-Chef und Co-Autor des Buchs «Der Kultur-Infarkt». Das Buch wirbelte 2012 mit der Forderung nach der Schliessung der Hälfte aller Theater und Museen viel Staub auf.

Für Knüsel ist die Identität vor allem ein Modewort, das mit Vorsicht zu geniessen sei. Wenn sich Basel als «Museumsstadt» bezeichne, habe das zwar Vorteile für das Tourismusbüro, nicht aber für die Kunstschaffenden. Letztlich führe die Definition einer städtischen Identität im Falle der Kultur zu einer Normierung, die niemandem diene. Denn sie schliesse alles aus, was nicht der Norm entspreche und führe letztlich zum Einheitsbrei.

Kulturkonzepte sind ihm ein Graus. «Wenn eine Stadt brodelt, dann ist dies nie die Folge einer Kulturstrategie», sagte er, und warf die Bitte in den Raum: «Lassen Sie die Finger davon.»

Gutes Umfeld für Eigeninitiative

Der packende Vortrag erntete viel Applaus im Publikum. Die neue Sichtweise nach den bisher etwas verkrampften Forderungen nach einer Strategie kam an. Die beiden anderen Referate von Kunsthistoriker Raimund Stecker (zu theoretisch) und Reisejournalistin Cornelia Lohs (irrelevant) hatten einen schweren Stand. Mitinitiant Bernhard Giger fragte in der Schlussdiskussion, was denn nun in Bezug auf das Kulturkonzept zu tun sein. «Wichtig ist, dass die Kulturschaffenden gute Bedingungen vorfinden», sagte Knüsel und lobte den Progr als Hülle, in der in Eigeninitiative kulturelle Produkte entstünden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.11.2015, 19:22 Uhr

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