Kultur
Wenn der Rest nur Wasser wär . . .
Zur Person
Geboren 1962 in Grabs (SG). Pipilotti Rist studierte Grafik in Wien und Audiovisuelle Kommunikation in Basel. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit dem Video «Pickelporno» (1992). Von 1988–94 war Rist Mitglied der Band Les Reines Prochaines. 1993/97 stellte sie an der Biennale in Venedig aus, 2005 verwandelte sie die Kirche San Stae in einen Begegnungsort. Ihre Installation «Pour Your Body Out» im Museum of Modern Art in New York sahen über 1,5 Millionen Besucher. Aktuelle Ausstellungen bei Hauser & Wirth, Zürich und auf Schloss Werdenberg.
In «Pepperminta» dreht sich vieles um Sexualität, Nacktheit, Menstruation. Warum?
Pipilotti Rist: Das sind für mich lediglich Elemente unter vielen Motiven und Themen, die mit der Geschichte miterzählt werden. Es geht um Rituale, die zeigen, dass vieles in unserem Leben auch ganz anders sein könnte. In der Geschichte der Menschheit sind immer wieder Rituale weggefallen, andere kamen dazu. Früher beteten alle, um sich eine Auszeit zu nehmen, heute geht man vielleicht ins Museum oder ins Kino. Blut versorgt uns mit Sauerstoff und kommt in vielen Ritualen vor.
Manche finden das eklig und provozierend...
Das zeigt, wie dieses Thema noch immer vorverurteilt wird. Weshalb gibt es kein Familienfest, wenn ein Mädchen zum ersten Mal die Periode kriegt? Weshalb wird ein Brückenbau höher bewertet als die Fähigkeit, Kinder zu bekommen? Da werden Schöpfungen ganz unterschiedlich bewertet.
In «Pepperminta» werden Klingeln abgeschleckt. In Zeiten der Schweinegrippe samt landesweitem Hygienealarm hat das einen unguten Beigeschmack.
Gut, für die zeitliche Kollision kann ich nichts. Aber die Tendenz, unsere Ausscheidungen zu verteufeln, gab es immer. Zu ausfallenden Haaren, «Häutlis» und «Brünzlis» haben wir ein komisches Verhältnis. Als Mensch möchte man sich ja lieber in Richtung Porsche entwickeln als in Richtung Murmeltier. Von nah gleicht unser Körper einer Eidechse und ist übersät von Millionen von Bakterien – ein Zeichen, dass der Körper lebt und sich erneuert. Aber wir wenden den Blick lieber ab vom Chaos, hin zum Überblickbaren, Glatten und hoffen auf die Medizin und die Kosmetikindustrie.
Sie setzen dem mit «Pepperminta» ein modernes, kindliches Woodstock entgegen. Weshalb?
Kinder sind eine meiner grossen Inspirationsquellen. Mir gefällt, wie sie einen Raum einnehmen. So mussten sich auch meine Schauspieler bewegen – ohne Rücksicht, was andere davon halten mögen. Die Sechzigerjahre sind für mich ebenfalls stilbildend. Da wurden Grenzen und Geschlechterrollen aufgeweicht. Nur sollte man jetzt nicht denken, das sei alles erledigt. Oft dauern solche Veränderungen mehrere Generationen.
Muss man heute noch für den Feminismus kämpfen?
Feminismus geht nicht nur Frauen an. Männer sind mitgemeint, wenn es darum geht, sich selbst anzunehmen oder nicht auf eine Rolle reduziert zu werden. Natürlich sind für mich Frauen normal und Männer unerklärlich (lacht). Aber nehmen Sie den vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci: Der steht für Mann und Frau. Wenn man beim Film aber fragt, wer hat die Kamera oder die Regie gemacht, ist immer ein Mann gemeint. So «Züüg» sitzt «tüüf». Es geht um die Macht des Blicks. Bei «Pepperminta» war mir wichtig, dass die Kamera nie über den Personen ist, sondern mittendrin, wie eine Tänzerin.
Wie haben Sie das gemacht?
Pierre Mennel hat die Kamera an einem langen Stab geführt. Um sie ruhig zu halten, musste er sie relativ schnell bewegen – zu schnell fürs Kino. Drum mussten wir künstliche Zwischenbilder einfügen. Diese Nachbearbeitungen und die Konstruktion der Geschichte dauerten über ein Jahr.
«Pepperminta» ist Ihr erster Spielfilm. Worauf achteten Sie im Vergleich zu Ihren Videokunst-Arbeiten besonders?
Kunst schafft man für einen bestimmten Raum und lässt dabei vieles in der Schwebe. Beim Film gucken alle in die gleiche Richtung, und der Zuschauer muss stärker geführt werden. Der grösste Unterschied aber war, dass beim Film viele Leute für kurze Zeit so etwas wie eine multiple Person ergeben. Da entwickelt man Kräfte wie eine Sportmannschaft, wenn das Spiel gut läuft.
In einer Filmszene werden Restaurantgäste gefragt, was sie wirklich wollen. Was wollen Sie, Pipilotti Rist, wirklich?
Mich öfter über gelungene Dinge freuen, nicht alles als selbstverständlich hinnehmen. Uns ging es noch nie so gut wie heute, wir haben so viele Freiheiten. Das sollten wir schätzen, anstatt uns mit zusätzlichen Normen und Ängsten zu plagen. Und ich möchte, dass ein Lob gleich viel Wert hat wie eine Kritik.
Mit Ihren Kunstinstallationen waren Sie schon dreimal in Venedig, jetzt folgt mit «Pepperminta» der vierte Auftritt. Ist Venedig eine zweite Heimat für Sie?
Ja, mit Venedig bin ich schon seit Kindertagen vertraut. Meine Eltern karrten uns «Goofen» dreimal pro Jahr im Kastenwagen hin. Mir gefällt diese Stadt, sie stellt ein fast absurdes Bild der menschlichen Willenskraft dar: Wie man diese Häuser ohne Maschinen auf Pfähle stellte, ist unglaublich. Venedig ist eine Kunst-Stadt. Und wenn ich dort bin, stelle ich mir vor, wie es ist, wenn der Rest der Welt nur noch Wasser wäre. (Berner Zeitung)
Erstellt: 02.09.2009, 13:49 Uhr
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