Hans Ernis grosse Erfolgs- und Liebesgeschichte
Von Simone Meier. Aktualisiert am 20.02.2009
Die grosse Liebe: Seit 1949 ist Hans Erni mit seiner zweiten Ehefrau Doris verheiratet. Hier an der Feier zu seinem 80. Geburtstag. (Bild: Keystone)
Es war einmal, vor unvorstellbaren hundert Jahren, ein Luzerner Bub namens Hans. Sein Vater war Schiffsmaschinist auf dem Vierwaldstättersee, in seiner Freizeit zeichnete er am liebsten Pferde, und Hans besuchte an seiner Seite oft stundenlang die benachbarte Hufschmiede. Später lernte er Vermessungstechniker, dann Bauzeichner, so kamen die klaren, geometrischen Elemente in seine Arbeit. Mit 18 begann er ein Kunststudium, mit 19 gewann er einen Kunstpreis in Paris, durfte aber als Ausländer das Preisgeld nicht behalten. Mit 24 erhielt er vom Kunstmuseum Luzern den Auftrag, die europäische Avantgarde nach Luzern zu holen. Es war das erste Mal, dass die Schweiz einen Picasso sehen sollte.
Hans Erni selbst stellte damals in England und Frankreich aus, in der Schweiz schaffte er den Durchbruch 1939 mit seinem 5 x 100 Meter grossen Wandbild für die Landi. Es zeigte die ideale Synthese von Mensch und Natur im aufblühenden Tourismusland Schweiz. Ingenieur, Hotelier und Bergführer waren seine Protagonisten. Und Ernis Geburtsstunde als grafischer Öffentlichkeitsarbeiter der Schweiz hatte geschlagen. Als linker Öffentlichkeitsarbeiter, muss man präzisieren, denn Erni, der Marxist ohne Parteizugehörigkeit, musste einiges aushalten: In den 40er-Jahren etwa hatte er für die Nationalbank eine neue Banknoten-Serie entworfen; die Tausendernote war schon gedruckt, als ein Luzerner Nationalrat Einspruch dagegen erhob, dass «ausgerechnet ein Kommunist» das Alltagsbild der Schweiz prägen sollte. Die Noten wurden eingestampft, «innerhalb eines Tages wurde meine Arbeit von vier Jahren vernichtet», sagt er.
Erni hat sich ein Haus aus Licht gebaut
Hans Erni, der omnipräsente Briefmarken-, Plakat-, Buchgestaltungs- und Kirchenfenster-Erni (zuletzt 2007 in der Zürcher Sihlcity-Kirche), der auf der ganzen Welt ausstellte, malte und illustrierte, der mit Picasso, Braque, Bertrand Russell, Le Corbusier und Oscar Niemeyer eng befreundet war, liess in seinen 100 Jahren nie von seinem Engagement ab. Auf seinen Plakaten setzte er sich für gerechte Löhne für Arbeiter ein («Wotsch en rechte Lohn?», 1949), für das Rote Kreuz, die Caritas, die Uno, die AHV-Revision, für geistig Behinderte, für Menschenrechte und vor allem für den Umweltschutz.
Seine zwischen 1961 und 1985 entstandenen Plakate «Rettet das Wasser», «Rettet den Wald», «Rettet die Luft» sind legendär. Der Wald, das war 1985 ein lockiger, angst- und schmerzverzerrter Männerkopf, der aus einem Baumstrunk wuchs und dem der Holzfäller bereits die tödliche Kerbe in den Hals beziehungsweise Stamm geschlagen hatte. Die Luft wurde mit einem Totenschädel illustriert, an dem ein freigelegtes menschliches Kapillarsystem hing. Das war düster, drastisch und bedrohlich. Und im Vergleich zu all den tanzenden Pferden, flatternden Tauben und antikisierten Menschen, die man sonst bei Erni antrifft, von einer ganz anderen Eindringlichkeit.
Heute lebt er in einem selbstgeschaffenen Wald, inmitten von Bäumen, die er, der Hundertjährige, vor einem halben Jahrhundert gepflanzt hat. Er lebt da mit seiner Doris, lebt mit ihr in zweiter Ehe und seit 60 Jahren – «offiziell, inoffiziell kommen noch zwei oder drei dazu», lacht sie. Kennen gelernt haben sie sich, als die damalige Handelsschülerin einen Aufsatz «über eine bekannte Persönlichkeit» schreiben musste. Und weil sie den bereits bekannten, damals ausgesprochen feschen Hans vom Volleyballspielen am Luzerner Lido schon ein wenig kannte, fragte sie ihn eben. So fing alles an.
1956, nach etwa zehn gemeinsamen Jahren, entwarf Erni, der Corbusier-Verehrer, ihr eigenes Haus, wo sie noch immer leben, hoch über dem Vierwaldstättersee mit Blick in die Berge. Es ist eine Hommage an Corbusier, schlicht, mit Flachdach und weiten Fensterfronten. Ein Haus aus Licht ist es geworden, vieles innendrin ist weiss, etwa die halbrunden Ledersofas, die aussehen wie aus einem Bond-Film, die Orchideen am Fenster, die grossen, kreisrunden Tische mit Erni-Motiven in schwarzweiss oder gold-weiss, riesige Teppiche mit Erni-Ornamenten auf weissem Grund. Und natürlich Erni selbst mit weissen Locken und in weisser Malerkleidung. Vor dem Fenster steht ein Feigenbaum, im Garten gibt es noch mehr davon, rund sieben Kilo Feigen pflücken die Ernis zur Erntezeit, und wenn mit der Kunst einmal nichts mehr läuft, sagt er, dann gehen sie mit den Feigen auf den Markt.
Das Atelier mit seinen über 10 Meter hohen Fenstern explodiert im Gegensatz zum weissen Wohnzimmer beinah vor Buntheit. Auf dem Zeichentisch liegt die Vorlage für eine Mauerdekoration, die Erni gerade im Auftrag der Stadt Genf vor dem Uno-Sitz fertiggestellt hat: Etwa 60 x 3 Meter Mauer werden mit rund 200 Keramikplatten bedeckt, für die er wie immer mit viel Schwung Impressionen der Technikgeschichte und Vökerverständigung entworfen hat, ein energetischer, blau-violett-grün-getönter Reigen aus Figuren, Tieren und technischen Skizzen, das radikale Gegenteil eines Totentanzes.
Ein entzückendes, handflächengrosses Mädchengesicht in Öl lehnt in einem breiten goldenen Rahmen gegen ein Tischbein: Doris, um die Zeit herum, als sie sich kennen lernten. Schwarzes Haar, ein skeptischer Blick, ein hübsches Mündchen und ein Gesicht, das man sofort mit Landluft und Bergen verbindet. Es ist ganz leicht und liebevoll hingetupft und hat nichts von der übermenschenhaften Markigkeit, die Ernis Figuren sonst zu eigen ist. An der Wand ein grosses Bild mit einem nackten Paar: Hans und Doris, wie Adam und Eva. Nur glücklicher. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2009, 17:02 Uhr
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