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Die Frau, die immer bekommt, was sie will

Von Simone Meier. Aktualisiert am 20.03.2009

Pomp und Prominente: Leben und Werk der Fotografin Annie Leibovitz gibt es als Ausstellung, Buch und Dok-Film zu sehen.

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Vor ihrem berühmten Bild mit der schwangeren Schauspielerin Demi Moore (1991): Annie Leibovitz im Juni 2009 bei einer Ausstellungseröffnung in Madrid.
Bild: Keystone

   

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Annie Leibovitz

«Annie Leibovitz: Life Through a Lense» (USA 2006) ist am kommenden Sonntag, 22. 3., um 11.30 Uhr im Rahmen von «Sternstunde Kunst Spezial» auf SF 1 zu sehen.

Die Ausstellung «Annie Leibovitz – A Photographer's Life 1990–2005» im C/O Berlin an der Oranienburger Strasse läuft bis 24. Mai. www.co-berlin.info

Annie Leibovitz: At Work. Hsg. von Sharon De Lano. Schirmer/Mosel, München 2008. 200 S., 90 Abb., ca. 83 Fr.

Es war einmal ein Mädchen namens Anna-Lou Leibovitz, es war eines von sechs Kindern einer jüdischen Familie aus Connecticut, die Mutter war eine quirlige Tanzlehrerin, der Vater Leutnant der United States Air Force, was die Familie überdurchschnittlich oft zwang, den Wohnort zu wechseln. Am häufigsten, sagt Anna-Lou, aus der bald Annie wurde, sahen die Kinder die Welt von unterwegs, immer gerahmt von einem Autofenster.

Und ein weiteres Familienmitglied war ab Mitte der 60er-Jahre die Super-8-Kamera der Mutter, mit der das Wanderleben der Familie Leibovitz festgehalten wurde. Dass Annie, die im Oktober 60 wird, selbst zur Kamera griff und sich ganz der vererbten Dokumentiersucht widmete, scheint logisch. Und dass ihre jüngste Schwester Barbara ihr Leben mit viel ungewöhnlichem Archivmaterial angereichert im Dokumentarfilm «Life Through a Lense» nacherzählt, ist ebenfalls logisch.

1967 geriet Annie Leibovitz als Kunststudentin in San Francisco in den Trubel der Jugendbewegung. Sie stellte sich beim jungen, überaus lebendigen «Rolling Stone»-Magazin vor, durfte bald mit Grössen wie Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe auf Reportage, galt bei Stars wie John Lennon oder Patti Smith bald als die Fotografin, mit der man sich am wohlsten fühlte, ging mit den Rolling Stones auf Tournee und geriet dort sofort in die Drogenabhängigkeit, was niemanden verwunderte. «Du bist in Gefahr», hatte ihr besorgter Chef sie gewarnt. Erst ein paar Jahre später, als der «Rolling Stone» nach New York umgezogen war und das neu gegründete Hochglanzmagazin «Vanity Fair» und bald darauf auch «Vogue» Annie Leibovitz als Fotografin beschäftigten, wurde sie clean. Und immer selbstbewusster. Denn mit «Vanity Fair» und «Vogue» boten sich ihr bisher nie gekannte Möglichkeiten der Prachtentfaltung.

«Life Through a Lense» wurde drei Jahre vor Annie Leibovitz' Pfändung ihres Lebenswerks im Februar 2009 fertiggestellt, aber schon im Film ist die himmelschreiende Unfähigkeit der Fotografin, mit Geld umzugehen, ein Thema. Anna Wintour, Chefredaktorin der «Vogue», etwa sagt verzweifelt: «Ein Budget kommt ihr niemals ins Bewusstsein.» Aber selbstverständlich bekommt Annie, was sie sich wünscht, Feuer, Regen, Autos, Flugzeuge, Zirkustiere, denn schliesslich bekämen die Magazine ohne die bei den Stars so beliebte Annie die Stars nicht. Der Film zeigt mehrere dieser fatal teuren Shootings – so wünschte sich die «Vogue» etwa anlässlich des Films «Marie Antoinette» eine Bildstrecke mit Kirsten Dunst, aber weil die Dreharbeiten zum Film schon längst vorbei waren, liess Annie Leibovitz noch einmal eine ganze Szenerie im Schloss Versailles filmgetreu nachbauen.

Chronistin des Amerikanischen

Und bei Aufnahmen zu einer Strecke mit Keira Knightley sagte sie sich: «Wenn ich schon mit Schauspielern arbeite, dann will ich sie auch eine Geschichte erzählen lassen», baute mit wahnwitzigen Hängevorrichtungen, Windmaschinen und Dutzenden von Statisten eine «Wizard of Oz»-Kulisse, engagierte Jeff Koons als fliegenden Affen und Jasper Johns als feigen Löwen, liess spontan eine ganze Bigband in Kostümen auffahren und im Hintergrund musizieren.

Die immer öfter in den gross angerichteten Kitsch abgleitende Arbeit dieser Marie Antoinette der Fotografie wurde einzig durch ihre Lebensgefährtin Susan Sontag für ein paar Jahre gebremst. Heute ist sie ganz dem eigenen, zum Monument neigenden Grössenwahn überlassen.

«Life Through a Lense» scheint zusammen mit dem aussergewöhnlich aufschlussreichen, ehrlichen und sehr schön gestalteten Arbeitsjournal «Annie Leibovitz: At Work» von Schirmer/Mosel und der Wanderausstellung «Annie Leibovitz – A Photographer's Life 1990–2005» ein Versuch zu sein, Leben und Werk dieser Chronistin des Amerikanischen mit Würde zu Geld zu machen. Und der Versuch kommt an: Als die Ausstellung vor drei Wochen in Berlin eröffnete, stürmten schon am ersten Wochenende 10'000 Besucher die Galerie. Die Frau, die die Celebrity-Kultur mit institutionalisiert hat, ist selbst ein gewichtiger Teil davon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2009, 09:39 Uhr


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