Der Zeremonienmeister radikaler Menschlichkeit

Schang Hutter wird am Montag 80 Jahre alt. Eine einmalige Retrospektive im alten Tramdepot Burgernziel feiert den eigensinnigen Künstler und sein Werk, das den Menschen, seine Nöte und seine Zerbrechlichkeit zum Thema macht. Eine Begegnung.

Filigrane Langfinger: Schang Hutters Skulpturen sind Mahnmale für die Zerbrechlichkeit des Menschen. Bild: Urs Baumann

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Dünne Gebeine, spitze Nasen, lange Finger: Schang Hutters Figuren sind keine Abkömmlinge der fetten Jahre, sondern Kriegsversehrte. Hutters ewiges Thema: die Zerbrechlichkeit des Menschen. Er selbst ist mittlerweile auf einen Rollstuhl angewiesen, wirkt aber trotz dieser Einschränkung nicht gebrechlich – zumindest, sobald er munter über sein Leben und Werk zu erzählen beginnt. Am Montag feiert der Solothurner Künstler seinen achtzigsten Geburtstag. Zu diesem Anlass haben die Galeristin Marianne Reich Arn und die Kuratorin Ute Winselmann Adatte eine umfangreiche Retrospektive im einstigen Tramdepot beim Burgernziel organisiert. Bereitwillig gibt Schang Hutter im Vorfeld der Jubiläumsausstellung Auskunft. Wie ist sein an Pinocchio erinnernder Kopfmensch entstanden? «Ich habe nach einer Figur gesucht, mit der ich alles Menschliche darstellen kann.»

Bei Nacht abtransportiert

Wie der freche italienische Bengel aus Holz sind auch die sperrigen Gesellen Hutters schon öfters angeeckt. Auch in Bern. 1998 wurde hitzig über die nachrichtenlosen Konten diskutiert und das Jubiläum 150 Jahre Bundesstaat gefeiert. Die von Hutter zu diesem Anlass geschaffene Skulptur «Schoah» sorgte für rote Köpfe. Nun steht der ominöse Würfel draussen vor dem Eingang des Tramdepots. Das Werk weist Spuren von Vandalismus auf, hat aber nichts an Drastik eingebüsst. Eine verhärmte Figur liegt stellvertretend für alle Opfer des Nationalsozialismus im Spalt eines tonnenschweren Kubus. Kunst, der man sich nur schwer entziehen kann. Als Hutter die als Mahnmal gedachte Skulptur vor dem Haupteingang des Bundeshauses aufstellen wollte, wurde ihm dies verwehrt – angeblich aus sicherheitspolitischen Gründen. «Ich platzierte sie trotzdem genau dort, wo ich sie haben wollte», so der Künstler. Mitglieder der Freiheitspartei liessen das Werk in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abtransportieren und luden es vor Schang Hutters Atelier ab. «Der Schrott ist weg, FPS-Fraktion sorgt für Sicherheit und Ordnung vor dem Bundeshaus!», hiess es in einem Communiqué. «Ich habe damals gedacht, dass sind dumme Menschen. Man muss denen verzeihen», sagt Hutter nachdenklich.

Mit Bichsel befreundet

Die Retrospektive umfasst rund achthundert Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Lithografien. Die aufwendigen Vorarbeiten wie etwa das Installieren neuer Böden hat sich gelohnt: Die Ausstellungsflächen erweisen sich als ideale Räume für Hutters Kunst. In der um die Jahrhundertwende erbauten «alten Halle» lässt sich Hutters künstlerische Entwicklung vom klassischen Steinbildhauer zum modernen Existenzialisten verfolgen. Hier steht seine allererste Skulptur, die er noch während der Lehre im Steinmetzbetrieb seines Vaters schuf. Ein klassisch schöner Frauenakt, der mit den später entstandenen Spitznasen nichts gemein hat. «Ja, ja du hättest es gekonnt», habe der Vater später jeweils gesagt, wenn er Hutters Skulpturen anschaute. «Er war ein wenig wehmütig, dass ich den Betrieb nicht übernommen hatte. Ich war ein Eigensinniger, hatte das Gefühl, ich passe nirgendwo hin», erinnert sich Hutter. Mit der Schule habe er Mühe gehabt. Schon in der ersten Klasse sei er angeeckt, als er gesagt habe, er heisse Schang, war er doch auf Jean Albert getauft worden. Als er in jungen Jahren den Schriftsteller und einstigen Lehrer Peter Bichsel, mit dem ihn bis heute eine enge Freundschaft verbindet, kennen lernte, war sein erster Gedanke: «Ist es möglich, dass ein Lehrer so klug und liebenswert sein kann?»

Nach seinem eigenen Weg suchte Hutter stets auch in der Kunst. Anfangs habe er sich an Karl Geiser orientiert, weil er dessen Akte ideal fand. Doch als er in den 1950er-Jahren in München an der Akademie der Bildenden Künste studierte, geriet er in die Krise. Der Krieg sei noch sehr gegenwärtig gewesen. «Es machte einfach keinen Sinn mehr, Skulpturen im schönen Geiser-Stil zu schaffen, nachdem so viele Menschen getötet worden waren.»

Bei Giacometti angeklopft

Als Hutter eine Publikation mit Werken von Alberto Giacometti (1901–1966) in die Hände fiel, kam er zum Schluss, dass man doch noch bildhauern könne. Es ging ihm damit wie vielen Zeitgenossen, die nach den Schrecken des Krieges nach neuen, abstrakteren Darstellungsformen suchten. Per Anhalter sei er nach Paris gereist und habe Giacometti besuchen wollen. «Als ich schliesslich vor dessen Türe stand, habe ich mich nicht getraut anzuklopfen.» Gelohnt habe sich die Reise trotzdem. «Ich konnte mich danach von ihm lösen.»

Dass ihm dies gelungen ist, davon zeugen seine von den Ausstellungsmacherinnen zusammengetragenen Figuren und Figurengruppen. Es sind Skulpturen von hohem Wiedererkennungswert, die angesichts der Weltlage wieder hochaktuell sind. Die Installation «Himmelgras» (1994) besteht aus dünnen Figuren, die von der Decke des Tramdepots herunterhängen und ihre langen Arme gegen die Erde hin ausstrecken. Es handle sich um junge, im Krieg verstorbene Menschen, die eigentlich hätten weiterleben sollen, erklärt der Künstler. Ein radikales Plädoyer für Menschlichkeit, das nachhallt.

Ausstellung: bis am 10.11. im Tramdepot Burgernziel, Thunstrasse 106, Bern. Vernissage: So, 10.8., 14 Uhr. www.hutter2014.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2014, 12:15 Uhr

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