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Das letzte Tabu sind schwule Astronauten

Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 14.06.2011 2 Kommentare

Der deutsche Comic-Künstler Ralf König gesteht zeichnerische Schwächen und sagt, weshalb ihn Tunten in Soaps und in der Werbung nerven.

Sündiges Apfelessen: Ralf König und seine Urmenschen Adam und Eva aus dem Comic «Prototyp».

Sündiges Apfelessen: Ralf König und seine Urmenschen Adam und Eva aus dem Comic «Prototyp».
Bild: Sabina Bobst

Die Lehrjahre eines werdenden Meisters

Ralf Königs Ausstellung «Gottes Werk und Königs Beitrag» in Basel

Es geht das Gerücht, dass das in München gegründete und heute in Zürich sesshafte Comicmagazin «Strapazin» Ralf König «mangels Talent» zuerst eine Absage erteilt habe. Später muss man auf den Entscheid zurückgekommen sein, Königs freche Darstellungen tauchten nämlich bereits in den ersten «Strapazin»-Nummern auf, die Mitte der 80er-Jahre erschienen. Diese frühen Gehversuche des 51-jährigen Kölners sind auch in der Schau «Gottes Werk und Königs Beitrag» im Cartoonmuseum Basel zu sehen. Besonders interessant ist, dass man in dieser ersten Schweizer Einzelausstellung Königs künstlerische Entwicklung – oder, hübscher formuliert – die Lehrjahre eines werdenden Meisters wunderbar mitverfolgen kann: Die Knollennasen, das Markenzeichen vieler Figuren, sind zwar bei frühen Bänden wie «Kondom des Grauens» und «Der bewegte Mann» (beide von 1987) bereits da, aber im Laufe der Jahre wird der Strich sicherer, die Mimik der oft abgedrehten Helden lebendiger, die Geschichten – bildlich wie textlich – subtiler, humorvoller und auch beissender.

Gezeigt werden Originalzeichnungen aus vielen seiner über 30 Werke, wobei Königs Beschäftigung mit dem Islam («Dschinn Dschinn») und mit dem Christentum («Prototyp», «Archetyp», «Antityp») dank grossflächiger Gemälde und einer lustigen akustischen Untermalung der Genesis besonders gelungen inszeniert sind. Daneben erhält man auch einen tollen Einblick in den Entstehungsprozess gewisser Figuren. (thw)

Ausstellung bis 23. Oktober.

Infobox

Ralf König liest am 16. Juni (ab 20.30 Uhr) mit Nina Queer und Simon Froehling im Orell Füssli Bellevue.

Links

Korrektur-Hinweis

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Herr König, wieso ist «schwul» auch heute noch ein Schimpfwort?
Ist es das?

Ich hörte kürzlich ein Gespräch zwischen Teenagern. Der eine sagte, er könne morgen nicht mit an die Party, er gehe mit der Freundin ins Theater. Worauf der andere meinte: «Bisch eigentlich schwul oder was?»
Das sind Abgrenzungsgebaren von unsicheren Teenagern. Früher wars noch extremer, da galt das Wort als derart vulgär, dass man es gar nicht aussprach. Ich war 1979 an der ersten Schwulendemo namens «Homolulu» in Frankfurt, eine linkspolitische Aktion mit 2000 Teilnehmern, aber noch ohne Papageien . . .

Papageien?
Exotisch gestylte Leute mit Federboas, die Lieblingsschwulen der Medien. Jedenfalls haben wir an der Demo selbstbewusst proklamiert: «Wir sind schwul!», um den Begriff zu enttabuisieren. Als wir dann am Abend in der Kneipe hockten und der Nachrichtensprecher tatsächlich sagte: «Die Schwulen, wie sie sich selbst nennen, sind heute auf die Strasse gegangen», haben wir gejubelt.

Als Sie für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» vor zweieinhalb Jahren Ihre Version von Noahs Arche zeichneten, gab es einige sehr heftige Leserreaktionen, . . .
(Lacht) Es hiess wortwörtlich: «Verlass meine FAZ, Du Schmierschwuchtel.»

Wirklich weiter scheint man also seit 1979 nicht gekommen zu sein.
In meiner Heimatstadt Köln dreht sich niemand mehr um, wenn zwei Männer Hand in Hand spazieren gehen. Aber in Westfalen, wo ich aufwuchs, möchte ich auch heute noch nicht mein Coming-out haben müssen.

Hat die Gay Community nicht einfach zu wenig politisches Gewicht?
In Deutschland haben wir mit Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Aussenminister Westerwelle immerhin zwei sehr bekannte schwule Politiker.

Die gesellschaftlichen Probleme der Schwulen bringen beide aber kaum je in die politische Diskussion ein.
Ich finde ihre Gelassenheit ganz okay. Würde der Aussenminister die ganze Zeit mit schwulen Themen kommen, hätte er einen noch schwereren Stand. Und als die Gay Games 2010 in Köln stattfanden, hat er im Stadion die Rede gehalten, das hat er richtig gut gemacht. Ich glaube jedenfalls nicht, dass mangelnde Toleranz oder gar Anfeindungen allein mit fehlendem politischem Support zu erklären sind. Gewisse Bilder sind einfach in gewissen Köpfen drin, und dass die Massenmedien eben gern die Tuntenklischees abfeiern, hilft dann auch nicht unbedingt weiter.

Das Klischee haben Sie doch selbst befeuert – Ihre frühen Helden himmeln Marianne Rosenberg an oder kreischen vor Entzücken, wenn sie einen typischen Italo-Macho sehen.
Die Tunte war 1987, als ich den «Bewegten Mann» machte, in der Szene ein Politikum. Schwule Männer, hiess es, sollten ihre weibliche Seite zeigen, deshalb hab ich das aufgegriffen. Ich weiss, was ich zeichne, ich kenne die Partys, wo sich die Leute auftransen, wo krass rumgetuckt wird. Aber ich habe nicht nur diese Klientel drauf, sondern auch die, die mit dem Älterwerden und sexuellen Problemen kämpft. Deshalb haben Tunten bei mir ein anderes Gewicht als in TV-Soaps, wo sie fast exklusiv präsent sind.

Weshalb ist das überhaupt so, dass Schwule in Fernsehserien meist als überdrehte Tunten dargestellt sind?
Ein Grund ist sicher, dass man über die Tunte lachen kann, was bei der Abgrenzung sehr dienlich ist. Es gab bei uns kürzlich diese Werbung für Tiefkühlprodukte der Firma Iglu, in der zwei unerträgliche Schwuchteln zu sehen waren. Der eine spielte mit Legosteinen, dann kam der andere aus der Küche gehuscht und sagte: «Tatütata, das Essen ist da.» Das hat mich wirklich genervt. Der eine hätte doch dem anderen auch guten Appetit wünschen und einen Kuss auf die Wange drücken können. Ich habe dann bei Iglu nachgefragt, und die Antwort war: Wenn die nicht rumschwuchteln, würde man ja gar nicht merken, dass sie schwul sind. Das ist so was von dumm.

Ähnlich dumm wie die Tatsache, dass sich schwule Profifussballer keinesfalls outen dürfen, weil sonst ihre Karriere beendet ist.
Genau. Wahrscheinlich ist das die letzte Bastion einer intakten Männerwelt.

Das wäre doch ein gutes Thema für einen nächsten Comic.
Stimmt. Nur interessiere ich mich leider so ganz und gar nicht für Fussball. Ich hab in einem Interview mit der «Frankfurter Rundschau», das während der WM in Deutschland stattfand, in einem Nebensatz gesagt, für mich sei Fussball eine heterosexuelle Unsitte. Ich hab das bloss gesagt, weil die Fans nach jedem Sieg hupend durch meine Strasse fuhren, weshalb ich nicht schlafen konnte. Natürlich haben sie diesen Nebensatz zur Schlagzeile gemacht, was mir dann doch sehr unangenehm war.

Als Wiedergutmachung könnten Sie den Fans doch einen schwulen Fussballcomic schenken.
Ich werde wohl eher einen Comic über das zweite grosse Tabuthema machen.

Und das wäre?
Schwule Astronauten.

So was gibts?
(Lacht) Ich weiss es nicht. Mich interessiert Sciencefiction, vor allem die psychische Situation einer Mars-Mission, bei der ein paar Männer neun Monate lang zusammengepfercht in einer Kapsel hocken. Dies umzusetzen à la «Brokeback Mountain im Weltall», das wäre toll.

Dann haben Sie mit irdischen und religiösen Themen abgeschlossen?
Die Religion lasse ich nach meinem nächsten Comic über die heilige Ursula mal ruhen, ja. Aber ich werde weiterhin gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen, natürlich auch die Schwulenszene, einfach aus heutiger Sicht.

Inwiefern hat sich dieses Milieu denn verändert?
(Lacht) Es gibt nicht mehr so viel Madonna wie früher, dafür umso mehr Lady Gaga. Aber ich muss da schon noch genauer recherchieren.

Wie gehen Sie überhaupt an eine Geschichte heran. Schreiben Sie zuerst ein Skript?
Nein, am Computer kommen mir keine Ideen. Ich laufe erst gedankenversunken durch die Strassen, und dann beginne ich mit den Zeichnungen. Was irgendwie lustig ist, weil mir der Text und die Dialoge wichtiger sind. Zudem bin ich ein fauler Zeichner. Die Knollennasen und die Mimik der Figuren hab ich gut drauf, aber viele Dinge kriege ich mangels Üben gar nicht hin. Zum Beispiel Autos. Oder Pferde. Die klaue ich dann von Lucky Luke. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2011, 07:56 Uhr

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2 Kommentare

Issey Schnyder

14.06.2011, 08:56 Uhr
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*smile, Zitat: "Genau. Wahrscheinlich ist das (Fussball) die letzte Bastion einer intakten Männerwelt." Da muss ich schon grinsen. Bei uns im Thurgau ist noch ein schwuler Maurer undenkbar. Zumindest für einen hetero Maurer den ich kenne. Er würde jede Wette eingehen, dass es keine schwulen Maurer gibt. Hat er recht? Würde mich interessieren, ob das auch eine "letzte Bastion" ist. Antworten




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