Kultur

Das apokalyptische Universum des Damien Deroubaix

«Die Nacht» – Obskures und Obszönes, Monströses und Makabres im Kunstmuseum St. Gallen.

1/16 Zeigen das finstere Gesicht der Welt: Deroubaix-Werke «Die Nacht» (l.) und «For Victory».
Bild: pd

   

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Die Ausstellung

Die Ausstellung dauert bis 16. Mai.
www.kunstmuseumsg.ch

Katalog: Andreas Baur, Konrad Bitterli, Ralph Melcher (Hg.): Damien Deroubaix – Die Nacht. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2009. 126 S., ca 38 Fr.

Zum Auftakt ein Schlag in die Magengrube. Comicfiguren fressen und kotzen, schlagen sich tot, verbluten. Das Blut fliesst, formiert sich zu den roten Streifen von «Stars and Stripes». Die Streifen finden den Weg von der Flagge hinaus in die Welt – als Strichcodes, die alles gleichschalten. Dieses Video zum Song «America the Brutal» der amerikanischen Death-Metal-Band Six Feet Under öffnet das Tor zum apokalyptischen Universum des französischen Künstlers Damien Deroubaix. Die Bildschirme sind an einem hölzernen Gerüst befestigt, das an einen Wachturm erinnert. Unfrohe Botschaften verkünden «The world burns», «Dead forever» oder «Violent Extasy». In den überall greifbaren Kopfhörern schreit der Sänger von Six Feet Under, dies sei ein «song against the war». Doch das macht die Sache nicht erquicklicher: Das Stakkato nimmt einem den Atem, dröhnt in den Ohren, verschlägt einem die Sprache. Der Puls geht schnell, die Aggressivität von Video, Text und Gesang geht an die Nieren.

Die im Foyer untergebrachte Installation «Der Schlaf der Vernunft» (2009) eröffnet die erste grosse Werkschau des 1972 in Lille geborenen, heute in Berlin und Paris lebenden Künstlers im deutschsprachigen Raum. «Die Nacht» heisst die in Zusammenarbeit mit dem Saarlandmuseum in Saarbrücken und der Villa Merkel in Esslingen gestaltete und für St. Gallen von Konrad Bitterli kuratierte Ausstellung. Sie vereint raumgreifend Malerei, Zeichnung, Collage, Plastik, Installation und Holzschnitt zu einem bildgewaltigen, überaus eindrücklichen Kunsterlebnis.

Hölle heute

Hieronymus Bosch (1453–1516), der Altmeister apokalyptischer Visionen, verlieh Todsünden und Lastern monströs-wimmelnde Gestalt und bannte das Böse in leuchtender Farbenpracht auf die Leinwand. In Damien Deroubaix' Gemälden hingegen ist alles finster. Doch die dunklen, in Aquarellfarben gemalten, wandfüllenden Collagegemälde sind von Szenerien besetzt, die in ihrer Eindringlichkeit an spätmittelalterliche Höllenvisionen erinnern.

Deroubaix hat ein aussergewöhnliches Gespür für die Wirkkraft von Symbolen und Motiven. Er schält sie aus ihrem gewohnten Kontext und orchestriert sie zu einem Pandämonium des Schreckens: maskierte Gesichter und nackte Glühbirnen, Skelette und Schädel, Überwachungskameras und Wachtürme, Kriegsgerät und Stacheldraht, Torsi in S/M-Ausstattung und missgebildete Geschöpfe. Dazu bevölkert ein bizarres Bestiarium die Szenerie: gehängte Katzen, furchteinflössende Schädel, Raubfische mit aufgerissenem Schlund. Manchmal erleuchtet schwach ein giftgrüner Gasnebel die Nacht, so etwa im Werk «Bhopal» (2009).

«Leper Messiah», der Finanzhai

In vielen Arbeiten tritt eine geflügelte Frauenfigur auf. Das Flügelpaar ist eine getreue Kopie aus Albrecht Dürers Kupferstich «Das grosse Glück» (1501–1502). Deroubaix deutet Dürers Göttin, die Glücksbringerin und Rächerin zugleich ist, zu einer grausamen Figur um: Die Rächerin Nemesis verströmt aus vielen Brüsten Gift und beisst sich mit fratzenhaftem Gesicht und gebleckten Zähnen an einem Dollarschein fest.

«Leper Messiah», zu Deutsch aussätziger Messias, nennt der Künstler seine mehrere Meter lange Hai-Plastik, die auf zwei Holzstützen liegt. Die Verbindung zum «eingemachten» Hai von Deroubaix' Namensvetter Damien Hirst, dem britischen Star-Künstler, ist offensichtlich. Deroubaix hat seinen Hai nach einem Song der Trash-Metal-Band Metallica benannt, die darin die Abhängigkeit der Menschen von der Religion anprangert. Doch in Deroubaix' Kosmos hat die Religion längst ihre Macht verloren. «Money» legt der Künstler seinen Menschen- und Tierschädeln in den Mund.

In der Arbeit «Roots» (2008) liegt eine Figur tot am Boden, die an die Darstellungen von Christus als Schmerzensmann anknüpft. Im Mund steckt ein Dollarschein. Deroubaix zitiert Hirsts millionenschwere Arbeit als Symbol für die Herrschaft des Geldes. Money heisst der neue Messias, und der Geldhai zeigt Zähne, «yeah»! Was das zweite Wort wäre, das diesen Figuren entfährt, oftmals als letztes. «Yeah» – das Motto der Macher und Machtmenschen, der Ja-Sager und Zweckoptimisten.

Das Gesicht der Welt

Deroubaix' Werke mögen beunruhigen, gar schockieren. Doch ihre Wirkung reicht weit über ein vorübergehendes Unbehagen hinaus. Diese Albträume bedrücken uns nicht so sehr ob ihrer Ungeheuerlichkeit, sondern vielmehr wegen ihrer Vertrautheit. Es sind Versatzstücke aus Bildwelten, die wir längst im kollektiven Bildgedächtnis gespeichert haben. Nazi-Insignien oder KZ-Symbolik verbindet er mit Anleihen aus der Geschichte der Kunst; die morbid-grelle Ästhetik der Metal- und Gothic-Szene mit dem Plakativen propagandistischer Unterlagen und der konzentrierten Bildsprache der Comics.

Diese unerwarteten Arrangements schaffen überraschende Bezüge zwischen den düsteren Seiten dieser Welt; sie kratzen an Fassaden, lüften Schleier und sind bleibende Bilder für eine fulminant vorgetragene Kritik der Werte. Deroubaix nimmt uns den letzten, lichten Hoffnungsschimmer und porträtiert in geradezu barocker Manier das finstere Gesicht der Welt – aus diesen Gemälden lächelt es uns zynisch entgegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2010, 04:00 Uhr

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