Augenschein im Swingerclub
Von Bernhard Odehnal, Wien. Aktualisiert am 24.02.2010
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Die Ausstellung
Bis 18. April.
www.secession.at
Die erste Reaktion ist «wow!». Die zweite: «Bloody hell!» Etwas verwirrt stehen die britischen Schülerinnen im Keller des Wiener Museums Secession im schummrig roten Licht. An der Wand hängen Ölbilder nackter Frauen, beim Eingang steht eine Tonskulptur kopulierender Schildkröten. Die Mädchen wollten eigentlich das berühmte «Beethoven-Fries» von Gustav Klimt sehen. Doch das Jugendstilwerk ist jetzt hinter Palmen versteckt, der Weg in den Ausstellungsraum führt vorbei an einem Whirlpool und Separees. «Interesting», meint die Lehrerin aus Plymouth: «Looks like a swingers club.»
Es sieht nicht nur so aus, es ist einer. Der 43-jährige Basler Konzeptkünstler Christoph Büchel hat als Kunstaktion die unteren Räume der Secession dem «Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer – Element 6» überlassen. Der Verein betreibt einen Swingerclub in der Wiener Kaiserstrasse und ist nun samt Interieur für zwei Monate in den Kunsttempel im Stadtzentrum übersiedelt. Die Besucher bekommen an der Kasse eine kurze Erklärung von Element 6: «Mit unserer Mitwirkung am Projekt in der Secession wollen wir jetzt möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, eine Hemmschwelle zu überwinden und sich diesen Swingerclub einfach anzuschauen.»
Tagsüber gibt es freilich nicht viel zu sehen. Die Separees und die strenge Kammer mit dem Gynäkologenstuhl sind verwaist. Viel Kitsch steht herum, pseudo-griechische Skulpturen, ein ausgestopfter Löwe. Alles ist sauber, doch die Luft ist schlecht. Ein paar Besucher irren durch die roten Räume, eher amüsiert als schockiert, die meisten sind gekommen, um das «Beethoven-Fries» zu sehen. Die Pressesprecherin der Secession führt den Korrespondenten einer japanischen Zeitung durch den Club und versucht, die Absicht des Künstlers zu erklären. Büchel nehme mit der Einrichtung des Swingerclubs auf Gustav Klimt Bezug, dessen Darstellung nackter Frauen vor mehr als hundert Jahren einen gewaltigen Skandal provozierte: Von Pornografie sei damals die Rede gewesen. Und wenn Büchel zusätzlich an die Aussenwände der Secession riesige Werbebanner einer Firma für Klopapier und Feuchttücher hängen liess, dann wolle er damit das Spannungsverhältnis von Kunst und Kommerz thematisieren.
Rechte Erregung
Die wahre Erregung für rechte Kommunalpolitiker und schmuddelige Boulevardblätter findet erst spätabends statt. Um 18 Uhr schliesst das Ausstellungshaus seine Tore, um 21 Uhr beginnt der Betrieb des Swingerclubs. Eintritt erst ab 18 Jahren. Eine Zeitung berichtet von «Orgien im Museum» und zeigt dazu Fotos, die sicher nicht in der Secession aufgenommen wurden. Zwei billige Blätter machen aus der Secession in ihren Schlagzeilen die «Sexession». So berechenbar Büchels Provokation auf den ersten Blick wirkt: Die üblichen Verdächtigen nehmen sie dankbar auf. Es sind dieselben Akteure, die schon aus einem Theaterstück über Josef Fritzl einen Skandal machten, ohne das Stück gesehen zu haben. Die Gratiszeitung «Heute» zitiert Leser, die natürlich «Schluss mit dem Swingerclub» fordern. Die Freiheitliche Partei (FPÖ) empört sich über die «Sex-Kultur», ihr Vorsitzender Heinz-Christian Strache behauptet, dass «der Umbau für die Realisierung der verschwitzten Fantasien eines ,Künstlers aus der Schweiz 90 000 Euro verschlungen hat».
Die Secession erhält jährlich über 500 000 Euro Subventionen, zum Teil vom Bund, zum Teil von der Stadt Wien. Die Auswahl der Ausstellungen obliegt dem Vorstand der Secession. Die Kosten für den Swingerclub seien durch Sponsoren (und die Eintritte) gedeckt, entgegnet die Sprecherin der Secession. Kein Cent komme aus öffentlichen Mitteln. Neben österreichischen Banken fördert auch die Pro Helvetia Büchels Projekt. Im monatlichen Kulturprogramm der Schweizer Botschaft in Wien wird die Ausstellung beworben.
Nur der Künstler selbst schweigt. Christoph Büchel spricht nicht nur nicht mit Medien, sein Name scheint nirgends im Swingerclub oder auf den Ankündigungen der Secession auf. Nur eine Botschaft hinterliess er. Als junge Künstler 1897 aus dem konservativen Künstlerhaus auszogen und in unmittelbarer Nachbarschaft die «Secession» («Abspaltung») errichteten, schrieben sie in Gold ihr Motto über den Eingang: «Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.» Büchel machte daraus: «Der Kunst ihre Kunst, der Freiheit ihre Zeit.»
Bis 18. April. www.secession.at (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.02.2010, 08:05 Uhr
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