Oper zwischen Bühne und Buschland

Von Anne-Sophie Scholl. Aktualisiert am 04.12.2009

Der Wunsch, klassischen Gesang zu lernen, führte Stella Mendonça von Moçambique nach Europa. Doch hier merkte sie bald: In der oftmals elitären Opernwelt muss sie als Schwarze doppelt bis dreimal so gut sein. Am Sonntag tritt die 39-Jährige in Köniz auf.

Bild: zvg

Der Gottesdienst in der Kirche war vorüber, der Stuhl vor der Orgel frei. Das kleine Mädchen setzte sich darauf, spielte auf den Tasten und liess die Orgelpfeifen klingen: Bach war es, dessen Musik das Kirchenschiff in Moçambiques Hauptstadt Maputo erfüllte. Nicht schlecht staunten die verbliebenen Besucher, unter ihnen die Schweizer Konsularin und eine professionelle englische Sängerin. Als die Kleine erklärte, dass sie auch singen könne, spannten die beiden sie gleich für den Ostergottesdienst ein. Und Stella Mendonça hatte mit Mozarts «Halleluja» ihren ersten grossen Auftritt: ein Stück mit schnellen, schwierigen Koloraturen, die das damals 13-jährige Mädchen bravourös meisterte.

Traum in Reichweite

Was für Stella Mendonça bis dahin ein Traum gewesen war, begann konkrete Formen anzunehmen. Denn die beiden Damen setzten alle Hebel in Bewegung, um ihr eine Ausbildung in Europa zu ermöglichen. Und sie erwirkten ein Stipendium in Frankreich.

«Musik spielte in unserer Familie eine grosse Rolle», erzählt die heute 39-jährige Opernsängerin vor dem gemütlich knisternden Feuer ihrer Wohnung im Berner Stöckacker, die sie mit ihrem Lebenspartner und Manager teilt. Ihr Vater war Jesuit. Jeweils sonntags nach der Messe lauschten die Eltern mit ihren neun Kindern den Klängen von Bach, Händel, Vivaldi oder auch den Gregorianischen Chören. Musik wurde Teil ihres Lebens, eine Leidenschaft, die Stella Mendonça weiter verfolgen wollte. Dabei machte sie sich wenig Vorstellungen über ihre berufliche Karriere. Sie wünschte sich vor allem eine solide Ausbildung, die ihr nur Europa bieten konnte.

Paris, Lyon und schliesslich Bern waren die Stationen auf ihrem Weg. Glück, Freunde, Verwandte und gute Beziehungen halfen. Aber Mendonça musste auch kämpfen. In Lyon beispielsweise riet ihr der Schuldirektor nach einem Jahr, die Opernausbildung abzubrechen: Eine Schwarze aus Afrika sei nicht für die Oper geeignet, so sein vernichtendes Verdikt. Der damals 18-Jährigen gab dies den Ansporn, das Gegenteil zu beweisen. Und sie entdeckte das Repertoire von italienischen Komponisten wie Verdi oder Puccini, in deren Werken sich ihre kraftvolle Stimme voll entfalte.

Doppelt bis dreimal so gut müsse man sein, wenn man sich als schwarze Stimme in der oftmals elitären Opernwelt der weissen Oberschicht behaupten wolle. Immer wieder wurde sie in den Reaktionen ihrer Gegenüber auf ihre Herkunft aus einem armen Land auf dem afrikanischen Kontinent zurückgeworfen. Für sie hingegen zählt einzig die Musik. Und als sie das sagt, leuchten ihre Augen, ihre ganze Präsenz strahlt: Musik trennt nicht, Musik schlägt Brücken.

Opernprojekt mit Mankell

So hat sie sich auch dem Brückenschlag in der Oper verpflichtet. Nach Abschluss ihrer Ausbildung kehrte sie mehrmals auch für Konzerte in ihre Heimat zurück. Vor sieben Jahren brachte sie mit Bizets «Carmen» in Moçambique erstmals eine Oper zur Aufführung. Derzeit arbeitet sie mit dem schwedischen Theaterregisseur und Bestseller-Autor Henning Mankell an der Uraufführung eines Musiktheaters über den Bürgerkrieg in der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Sie lädt französische Streichorchester ein, im Nationalpark unter freiem Himmel zu musizieren oder das Arrangement zu afrikanischen Songs zu spielen.

Diese Freiheiten, die ihr die Anstellung in einem Opernhaus nicht bieten würde, findet die Sängerin auch in Rezitals, bei denen sie an einem Abend gleich in mehrere Rollen schlüpft. So wird sie in Köniz neben grossen Arien beispielsweise auch Rossinis spielerisch-neckisches «La grande Coquette» singen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.12.2009, 13:46 Uhr

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