Kurioses und Grandioses mit den Wienern
Von Susanne Kübler, Luzern. Aktualisiert am 20.09.2010 3 Kommentare
Rätselhafte Begegnung: Pianist Lang Lang und Dirigent Nikolaus Harnoncourt. (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)
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Es war die rätselhafteste Begegnung des diesjährigen Lucerne Festival: jene zwischen Nikolaus Harnoncourt und Lang Lang. Also zwischen einem Dirigenten, der die Stücke stets in ihrem historischen Zusammenhang angeht, und einem Pianisten, für den es keinen Unterschied macht, ob er Bach oder Beethoven oder Bartók spielt.
Diesmal wars Beethoven, das 1. Klavierkonzert, und Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker gaben in der orchestralen Einleitung vor, wie sie sich diese Musik vorstellen: leicht und tänzerisch, mit klaren Akzenten, die aber stets gleich wieder zurückgenommen wurden, auf dass kein überflüssiges Gewicht den Klang beschwere. Lang Lang stieg auf diesen leichten Ton ein – und führte gerade damit vor, was ihn vom Dirigenten unterscheidet.
Es hat mit jenem Prinzip der Klangrede zu tun, das Harnoncourt einst in den interpretatorischen Diskurs eingebracht hatte: Wenn er einen Akzent setzt, dann ist das eine Aussage. Bei Lang Lang dagegen ist ein Akzent ein Akzent und nichts anderes. Wie geklont klangen die Sforzati im ersten Satz, und den stürmischen Zugriff aufs Rondo erlebte man ähnlich distanziert wie die TV-Übertragung eines Tornados. Lebendig wurde seine Interpretation vor allem in den Kadenzen: Die hatten zwar nichts mit Harnoncourts Beethoven zu tun, aber als elegante, virtuose Lang-LangShow waren sie hinreissend.
Fliegende Teller
Nach dieser kuriosen ersten Konzerthälfte gab es die grandiose zweite mit Beethovens Sinfonie Nr. 7. Man spiele hier keine Apotheose des Tanzes, das sei ein wagnersches Missverständnis, sagte Harnoncourt in einer kurzen Ansprache – und machte sich dann daran, die Zwischentöne in diesem Werk zu ergründen: das Bittersüsse in der AllegrettoTrauer, den Alkoholgehalt im finalen Rausch. Dass da die Teller durch die Fenster fliegen, hätte er nicht extra zu erwähnen brauchen. Man hörte es.
So energisch die Wiener hier bei der Sache waren, so nachlässig wirkten sie am Tag danach. Da stand der 29-jährige Venezolaner Gustavo Dudamel auf dem Podium, der sich eher für die grossen Energieverläufe interessierte als für präzise Übergänge. Matt wirkte Brahms’ «Tragische Ouvertüre», und in Dvoráks Sinfonie «Aus der Neuen Welt» fanden zwar die Streicher zum berühmten Wiener Sound – aber die Intonation der Bläser war eher wieder im Bereich des Kuriosen anzusiedeln.
Dazwischen spielte Nicolas Altstaedt Schumanns Cellokonzert. Der 28-jährige Deutsche hat dieses Jahr den Credit Suisse Young Artists Award erhalten, der aus dieser Auftrittsmöglichkeit und 75 000 Franken besteht, und er erwies sich als würdiger Preisträger: Sanft und blitzsauber spielte er, nichts Kratziges oder Angestrengtes war in seinem Ton. So hat man dieses Schumann-Konzert zwar schon angriffiger gehört, aber noch kaum je so kantabel.
Positive Bilanz
Am Samstag wurde dann die Bilanz des diesjährigen Lucerne Festival präsentiert. Rund 97 000 Besucher zählte man dieses Jahr, die Auslastung ist gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen auf stolze 93 Prozent (wobei die 89 Prozent in der Moderne-Reihe fast noch eindrücklicher sind als die 94 Prozent bei den Sinfoniekonzerten). Bemerkenswert ist auch die Präsenz des Festivals ausserhalb des KKL: Auf DRS 2, aber auch im Fernsehen und im Internet wurden Konzerte übertragen – das Abschlusskonzert vom Samstag war erstmals auch live in 50 Kinos in ganz Europa zu hören. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.09.2010, 13:33 Uhr
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3 Kommentare
Was der großen Ausnahmepianisten Lang Lang betrifft, gibt es die ihm gegenüber grundsätzlich negativ eingestellten und inzwischen auf inkompetente Kritik eingestellten Nörgler und Neider, zu denen offensichtlich auch diese Rezensentin gehört, und diejenigen, die die wahre Größe dieses hervorragenden Pianisten einschätzen können. Schade, dass Erstgenannte immer wieder zu Wort kommen. Antworten
Das Niveau der Kulturkritik in einer der führenden Zeitungen der Schweiz ist beängstigend. Was bitte meint die Rezensentin mit der Feststellung, die Intonation der Bläser sei im Bereich des Kuriosen anzusiedeln? Welche Bläser? Blech? Holz? Ich konnte keine Kuriositäten erkennen und empfehle der Rezensentin dringend, sich mit den verschiedenen Instrumenten eines Orchesters vertraut zu machen. Antworten
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