Kultur

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Blogs
  • Forum

Eine versteckte Liebe zum Abschied

Von Theresa Beyer. Aktualisiert am 12.12.2011

Mit der Aufführung geistlicher Barockmusik prägte Jörg Ewald Dähler während Jahrzehnten das Berner Konzertleben. Nun tritt Jörg Ewald Dähler von der Bühne ab. Am Wochenende dirigierte er im Münster ein letztes Mal den Berner Kammerchor – und erwies Mozart die Reverenz.

Engagiert wie eh und je: Jörg Ewald Dähler am Samstag beim Auftritt mit dem Berner Kammerchor und der Cappella Istropolitana im Münster. (Bild: Beat Mathys)

Einen Barhocker hat sich Jörg Ewald Dähler für alle Fälle auf den Podest gestellt, doch lebhaft wie eh und je dirigiert der 78-Jährige ausnahmslos im Stehen. Der Pensionär in spe ist beim Abschiedskonzert im ausverkauften Münster so in seinem Element, dass man ihm das Ausbleiben von Nostalgie kaum glauben mag. «Ich werde nicht darüber trauern, dass ich jetzt nicht mehr dirigiere. Aber ohne Musik würde ich nicht leben können», verriet er zuvor bei einem Besuch zu Hause in Muri. Der vermeintliche Schlussstrich ist also «nur» ein Rückzug aus der Öffentlichkeit. Hinter der Glasfassade seines neuen Hauses wird er weiter Cembalo spielen und komponieren.

Geballte Gedankenkraft

Wie existenziell Musik für ihn ist, zeigte Dähler am Samstag nicht zuletzt im monumentalen «Gloria» von Mozarts Dominicus-Messe. Hier singt der Berner Kammerchor mit einer Inbrunst, als wollten alle Sängerinnen und Sänger dem Meister noch einmal Zeugnis ihres Könnens ablegen. Dählers Nachfolger Jörg Ritter wird einen Chor in Hochform übernehmen.

Jürg Ewald Dählers Verständnis von Expressivität, die vor dem ebenmässigen Klang steht, hat sich in den Kammerchor eingeschrieben, der 37 Jahre unter seiner Leitung stand. Auch beim Konzert im Münster gibt es sie, die Momente musikalischer Präsenz, in denen «alle das Gleiche denken» – wie Dähler das Ziel seiner stilprägenden Chorarbeit formuliert. Die Lebendigkeit des Klangs besteht auch im Dialog mit dem Orchester, und selbst in den Tutti-Strudeln der Dominicus-Messe gerät die raffinierte Architektur des Werks nie ins Wanken. Dähler stellt die selten zu hörende Dominicus-Messe ans Ende seines Abschlusskonzerts, denn er ist fasziniert von ihrer Magie: «Wenn Mozart mit 13 Jahren eine solche Messe komponiert, dann geht etwas nicht mit rechten Dingen zu.»

Eine Berner Institution

Dählers Karfreitags- und Weihnachtskonzerte sind in Bern zur Institution geworden. Regelmässig legte er eine neue Deutung der Matthäus-Passion vor oder holte die geistlichen Werke des Bach-Zeitgenossen Jan Dismas Zelenka ans Tageslicht. Fast wirkt es schelmisch, dass er nun die Erwartung einer Barockretrospektive nicht erfüllt und seinen Abschied mit Mozart feiert. Doch die letzte Gelegenheit musste Dähler nutzen, um erklingen zu lassen, was lange in ihm schlummerte. «Mozart war bei mir eine versteckte Liebe» verrät er und erinnert sich an sein erstes Rendezvous: Er erwarb einen Hammerflügel der Firma Walter, ein Instrument, wie es auch im Hause Mozart stand. Den Salzburger Komponisten erschloss er sich über das differenzierte Timbre des alten Flügels, den heute seine Tochter spielt: «Da kam plötzlich ein Klang auf mich zu, den ich so zuvor noch nie gehört hatte.»

Dank an das treue Publikum

Wenn Dähler an die Glanzmomente seiner langen Karriere denkt, blitzen in seiner Erinnerung zuerst die Namen der Solisten auf, die bei den Konzerten mitwirkten und grossen Anteil am Erfolg hatten. «Zwischen mir und den Solisten und den Solisten untereinander muss einfach die Chemie stimmen», so Dähler. Beim Abschlusskonzert setzt das Zusammenspiel überwältigende Energien frei. Solistisch wie im Quartett singen sich die Sopranistin Sophie Klussmann, die Altistin Barbara Erni, der Tenor Clemens Löschmann und der Bariton Jörg Gottschick in Mozarts Klangwelt hinein.

Wenn Dähler für den grossen Abschied seine «Liebsten» um sich schart, darf einer nicht fehlen: der Berner Dirigent und Flötist Kaspar Zehnder. Dem Flötenkonzert zwischen den Mozart-Messen gibt Zehnder durch sein beseeltes Spiel etwas Sakrales. Er hätte wohl auch Mozart – der die Flöte nicht mochte – von deren Schönheit überzeugt.

Dass im Münster Beifall nicht gern gehört wird, ist bei diesem feierlichen Anlass einerlei. Die Ehrung Dählers kommt von Herzen – und ist ganz seinerseits: «Ich hatte immer ein treues Publikum», sagte er im Gespräch vor dem Konzert. «Dafür möchte ich mich bedanken.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.12.2011, 14:15 Uhr

0

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Noch keine Kommentare

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Umfrage

Kaufen Sie Bio-Produkte?