Kultur
Die Klatschpolizei hört alles
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 10.03.2010 25 Kommentare
Umfrage
Ein striktes Applausregime regelt in klassischen Konzerten, wann applaudiert werden darf und wann nicht. Finden Sie das angemessen?
Ja, diese Konvention ist sinnvoll
Nein, ich würde lieber dann applaudieren, wann ich will
Ist mir egal, ich gehe ohnehin nie an klassische Konzerte
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Bei Laien sorgt die Situation immer wieder für ungläubiges Staunen: Das Orchester schwingt sich zu einem vermeintlichen Finale empor – plötzlich ist Stille. Kein Mensch applaudiert. Nur das Rascheln umgeblätterter Noten ist hörbar. Irgendwie unangenehm. Klatscht jemand aus Unwissenheit oder aus unkontrollierbarer Begeisterung doch in die Hände, wird er mit abschätzigen Blicken bestraft.
Das starre Applausregime, das Beifall zwischen den Sätzen verbietet, sorgt immer wieder für Diskussionen. Der Musikkritiker der renommierten US-Zeitschrift «New Yorker» widmete dem Thema einen längeren Beitrag und zitiert US-Präsident Barack Obama, der vor einem Konzert im Weissen Haus gesagt hat: «Falls einige von Ihnen mit der klassischen Musik nicht so vertraut sind und nicht wissen, wann zu applaudieren, ist dies kein Grund zur Beunruhigung. Präsident Kennedy hatte dasselbe Problem: Er und Jackie luden in diesem Saal mehrmals zu Konzerten, und mehr als einmal applaudierte er an der falschen Stelle. Eine Zugetraute signalisierte ihm dann jeweils, wann er klatschen durfte. Ich habe zum Glück Michelle, die mir jeweils sagt, wann der richtige Zeitpunkt ist.»
Für Alex Ross ist klar: Das Applausregime gehört abgeschafft. Es sei absurd, dass gerade nach Sätzen, die richtiggehend nach Applaus riefen, das Publikum ruhig bleiben soll. Zudem werde damit der Enthusiasmus für die Musik künstlich unterdrückt und neue Konzertbesucher würden abgeschreckt. Ross ist nicht der erste, der das fordert. Schon in den 1930er-Jahren empörte sich der Chefkritker der «New York Times» über jene Klassikpolizisten, die Falschklatscher scholten: «Wie antimusikalisch das nur ist! Snobismus pur.»
«Wer keine Ahnung hat, kommt ohnehin nicht an Konzerte»
Im 18. und 19. Jahrhundert sahen klassische Konzerte noch ganz anders aus. Es durfte immer applaudiert werden, zum Teil auch nach Soli, so wie heute beim Jazz. Wäre dies nicht auch heute wieder angebracht? «Nein», findet Elmar Weingarten, der Intendant des Zürcher Tonhalle-Orchesters, dem wichtigsten Klassik-Klangkörper der Schweiz. «Dass nach einzelnen Musiksätzen nicht applaudiert wird, ist eine sinnvolle und gut eingespielte Konvention», sagt er. Wer keine Ahnung von Musik habe, komme ohnehin nicht an die Konzerte, nur drei Prozent der Bevölkerung gehörten zu den regelmässigen Konzertbesuchern.
Weingarten kann die Argumentation von Alex Ross nicht nachvollziehen. «Nach einem langsamen Satz in einer Symphonie, warum soll man da klatschen? Die nicht informierten Besucher applaudieren sowieso nur, wenns laut wird, dann sind sie begeistert.» Es gebe aber auch Ausnahmen: «Wenn ein Star wie der Pianist Lang Lang in der Tonhalle spielt, dann ist ein Publikum ohne Konzerterfahrung da, und das applaudiert nach jedem Beethoven-Satz. Das ist dann auch kein Problem, denn mit ernsthafter klassischer Musik haben diese Konzerte sowieso nichts zu tun.»
Die Applausregel sieht Weingarten nicht als Hindernis für Neueinsteiger: «Wenn jemand mal falsch klatscht, so ist das nicht schlimm.» Er glaubt, dass eher andere Konventionen wie die Kleidung Leute abschreckten. Er erhalte immer wieder Beschwerden von Besuchern, die sich über andere Gäste beschweren, die nicht angemessen gekleidet seien. Ihn selber stört eine zu legère Kleidung allerdings nicht: «Lieber jemand in Jeans, der ruhig ist, als jemand im Anzug, der dauernd hustet».
Finden Sie die strengen Konventionen an Klassik-Konzerten sinnvoll? Oder sind sie für Sie ein Grund, Konzerte zu meiden? Geben Sie in der Umfrage oben Ihre Stimme ab, und teilen Sie Ihre Meinung oder Erfahrungen im nachfolgenden Kommentarfeld mit! (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.03.2010, 14:29 Uhr
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25 Kommentare
@Herr Schneider: Und wenn ich jetzt Ihr Klatschen zwischen den Sätzen als Störung und somit als Beeinträchtigung des Einsatzes MEINER Steuergelder empfinde? Mit dieser Totschlagkeule zeigen Sie gar nichts. Ich höre da nur ein trotziges "Ich will klatschen dürfen" heraus. Das hingegen klingt wieder nach Selbstinszenierung der selbsternannten Claqueure... Antworten
ich habe absolut nichts dagegen , dass jedermann (frau) seinen emotionen zwischen den saetzen oder nach verklingen eines werkes freien lauf lassen kann. das beinhaltet fuer mich aber nicht nur klatschen , ergriffenes schnaufen und seufzen. oft genug moechte ich bei uninspirierten und gelangweilten vorstellungen auch mal ungeniert meine erbostheit ueber die verschleuderten steuergelder kund tun. Antworten
Applaus nach einzelnen Sätzen ist keine Tragödie - das hat man zu Beethovens Zeiten so praktiziert. Störender sind die Selbstinszenierer, welche sogar während der Musik in ihrer Handtasche herumknistern oder das Handy läuten lassen. Solches ist nicht nur respektlos gegenüber den Künstlern , sondern auch gegenüber dem zahlenden Publikum, das sich ernsthaft auf die Musik konzentrieren möchte. Antworten
So viele Subventionen für nur drei Prozent der Musikkonsumenten? Und dann sind sie auch noch die Einzigen mit der echten Musikkenntnis, dem richtigen Geschmack? Zeit für Umverteilung! Wenn schon elitär, dann richtig: Sollen die Tonhalle- und KKL-Besucher doch den tatsächlichen Preis für ihre Selbstdarstellerei zahlen – mal sehen, wie lange dann auf diese Art Snobismus noch Wert gelegt wird! Antworten
Ich bin erleichtert, wähnte ich doch beim Begriff "Klatschpolizei" bereits die mir holde Frau Schwaninger in Gefahr. Der Herr Intendant verdient Tadel: nimmt er einerseits grosszügig den Steuerdollar für seine Institution in Anspruch und schimpft die Urheber gleichzeitig Ignoranten. Von daher bin ich für ein absolutes Klatschverbot . Stellen Sie sich vor, man könnte das Publikum aufwecken. Antworten
Meiner Meinung nach hat Musik -egal welcher Stilrichtung - sehr viel mit Emotionen zu tun. Wer sich emotional angesprochen fühlt soll dies äussern dürfen und zwar auch spontan. Ein faireres Feedback gegenüber den Künstlern ist wohl kaum möglich. Wer sich daran stört, dem steht es frei, zuhause in "keimfreier" Atmosphäre seine Musiksammlung durchlaufen zu lassen. Antworten
Big Brother lässt tausendmal grüssen. Orwell hat schon vor einigen Jahrzehnten vorausgesehen dass wir immer und überall überwacht werden können. Vor ein paar Tagen las ich von der Raucherpolizei. Hätte noch ein paar Vorschläge : Kindersitzüberprüfungspolizei, Pet-Entsorgerpolizei, Sparlampenüberwachungspolizei, Wasserverbrauchpolizei und last but not least, Polizei um fettes Essen zu überwachen. Antworten
Ich habe meine Jugend in Wien verbracht. Meine ersten Besuche im Burgtheater waren irritierend: Es wurde NICHT geklatscht. Auch am Ende des Stückes nicht! Grund: Die Burgschauspieler seien DERART sensationelle Schauspieler - "Tradition" aus Kaiser's Zeiten - dass sie keinen Applaus bräuchten... Dies hat sich zum Glück geändert. Maulende Kinder - letzthin in Basel! - stören viel mehr als Applaus. Antworten
In der Sache mag man sich streiten können. Aber mich ärgern solche Argumente (Zitat): " Wer keine Ahnung von Musik habe, komme ohnehin nicht an die Konzerte, nur drei Prozent der Bevölkerung gehörten zu den regelmässigen Konzertbesuchern. " Wenn man sich schon von der ganzen Bevölkerung üppig subventionieren lässt, ist solch elitäres Gehabe der "Bettlergilde" unangebracht! Antworten
Mut zur Stille! Das ist kein Snobbismus, sondern Respekt vor den Kuenstlern und Ehrfurcht vor der Kunst. Warum soll ein Kulturbanause seiner kindlichen Begeisterung jederzeit lautstark Ausdruck geben koennen? Ein Konzert ist kein Allotriabetrieb mit Johlen und Pfeiffen und Feuerzeugschwingen. Sonst empfehle ich anstelle der Konzert- eine Konsumationsbestuhlung mit Rauch- und Tanzerlaubnis. Antworten
Das Nicht-Klatschen ist für mich eine Frage des Respekts für die Konzentration der Musiker, des Dirigenten und den Aufbau des Stückes. Das ist einfach nur sinnvoll und angemessen. Wieso wird ein Mindestmass an Verhaltensregeln gleich mit Snobismus gleichgesetzt? Ist es jetzt schon snobistisch, dass man in der Tonhalle kein Popcorn essen darf? Antworten
Aus Sicht eines Ausübenden gilt eher: Wir freuen uns generell über die gezeigte Freude des Publikums am Dargebotenen. Ein guter Sänger/Instrumentalist zeigt durch die selber gehaltene Spannung am Schluss eines Satzes ob er das nächste Stück nahtlos anhängen will oder ob ein Applaus möglich wäre. Ein Publikum, das auf diese Körpersprache achtet macht nichts falsch - Konventionen hin oder her. Antworten
Wer nicht zur "besseren Gesellschaft" zählt, darf nicht spontan applaudieren. "Unkultivierte" Menschen, wie Christoph Blocher haben einmal spontan applaudiert. Wir schlossen uns spontan an (nicht aus politischen Gründen, sondern weil er den Mut hatte, uns zu motivieren). Immerhin sind die meisten Konzerte bis zu 90 Prozent aus Staats-Steuern bezahlt, und für Leistungen darf man applaudieren. Antworten
Als regelmässiger Konzertbesucher hat es mich auch schon in den Händen gejuckt, wenn nach einem brilliant gespielten Satz eigentlich ein Applaus angesagt gewesen wäre. Grundsätzlich aber stört der Applaus zwischen den Sätzen. Er unterbricht den Fluss der Musik und der der Musiker. Viel schlimmer als ein "deplazierter" Applaus empfinde ich aber das Plaudern, oder das Rascheln eines Dääfelipapiers. Antworten
Klatschen ist Anerkennung an die Künstler, sie sollte aber nicht die Darbietung stören. Wenn die Künstler wünschen, dass zwischen den Sätzen nicht geklatscht wird, um das Gesamtwerk nicht zu stören sollte sich das Publikum daran halten. Kommt das Applausregime aus Kunstkritikkreisen geht es wohl um Snobismus. Die Antwort müssen die Dirigenten geben. Als Laie bin ich nicht der Erste der klatscht. Antworten
Die grösste Frechheit an dem Ganzen ist doch die Aussage, dass "wer keine Ahnung von Musik hat, kommt ohnehin nicht an Konzerte". Was im Umkehrschluss heisst, dass nur die Klassikhörer musikbewandert sind und alles andere ja eigentlich gar keine Musik ist. Ich habe Ahnung von Musik, aber diese Art von Konzerten ist mir zu elitär. "Falschklatscher" - wenn man sowas schon liest... Antworten
Viele Probleme scheints ja zur Zeit nicht auf der Welt zu geben, wenn solche artikel erscheinen können... -Applaus zwischen den Sätzen zerstört die Spannung und den Bogen des Stücks, stört den Künstler in seiner konzentration und würde jedes klassische Konzert unnötig extrem in die Länge ziehen. Notfalls aufs Programm schauen oder beim Verbeugen der Künstler klatschen.... au mann... Antworten
Warum denn immer nur schwarz/weiss? Sicherlich ist es sehr schade, wenn die musikalische Spannung am Ende eines langsamen Satzes durch ein plötzliches "Bravo" jäh zerstört wird, aber warum sollte eine spontane Begeisterung nicht auch ihren Platz haben dürfen? Der oben beschriebene snobistische "Anti-Musikalismus" jedenfalls gehört abgeschafft! Antworten
Die Stille sei unangenehm, lies man im Artikel. Keine andere Musikgattung kennt die Stille als einen Teil der Musik! Deshalb soll die Stille nicht unterbrochen werden, weil sie den Menschen zu sich selbst zurückbringt. Diese Stille auszuhalten, ist jedoch der heutigen Menschheit abhanden gekommen. Es wäre es wert, den Wert der Stille schätzen zu lernen! Ergreifen Sie die Chance in einem Konzert! Antworten







urs schenker
Als Chormitglied ist es z.T. ungemein störend, wenn jemand an unpassender Stelle klatscht. Die Stimmung geht schlagartig verloren. Der Aufbau dauert dann meistens lange, wenn überhaupt möglich. Das schönste, was ich erlebt habe, ist die Stille, dann wurden die Kirchentüren geöffnet und die Glocken begannen zu läuten. Ein solche Stimmung kann durch das applaudieren völlig zerstört werden. Antworten