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Zeitreisen eines Aussenseiters

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 28.01.2009

Episch, emotional und trickreich verpackt: In «The Curious Case of Benjamin Button» altert ein Mann rückwärts. Der Film offenbart neue Gesichter von Brad Pitt und Regisseur David Fincher.

Um 1960: Mit seiner grossen Liebe vereint: Anfang vierzig erlebt Benjamin  einen kurzen Moment des Glücks mit Daisy.

zvg

Chronik einer Selbstzerstörung

Selbstdarsteller, Säufer, brillanter Schriftsteller: Francis Scott Fitzgerald (1896–1940), dessen Kurzgeschichte als Vorlage für den Film diente, hat ein berauschendes Leben am Abgrund geführt.

Mit nur 23 Jahren wurde F. Scott Fitzgerald zum gefeierten Schriftsteller. Mit 30 war er ein hoffnungsloser Säufer. Mit gerade mal 44 starb er an einem Herzinfarkt – von der Öffentlichkeit fast vergessen und im tiefen Glauben, ein Versager zu sein.

Dabei liess sich 1918 alles so traumhaft an: Der bis dahin erfolglos schreibende Dandy begegnete Zelda Sayre. Sie war von seinem grenzenlosen Selbstbewusstsein hingerissen, er von ihrer exzentrischen Art. Doch bevor er die steinreiche Südstaaten-Schönheit heiraten konnte, musste der Sohn eines Seifenverkäufers erst jemand werden. Für einen Ruhmbesessenen wie Fitzgerald nur eine Frage der Zeit. Als ihn 1920 sein erster Roman «Diesseits vom Paradies» über Nacht zum Star machte, konnte die beiden nichts mehr aufhalten. Zelda sorgte mit dramatischen, zur Not auch freizügigen Auftritten auf Partys regelmässig für Skandale, Scott gab medienwirksam den talentierten Beau. Zusammen inszenierten sie sich als das Glamourpaar schlechthin.

Amerikanischer Traum

Doch die masslose Selbstdarstellung forderte ihren Tribut. Die psychisch labile Zelda fühlte sich von Scott bald in den Schatten gedrängt und als Muse literarisch ausgebeutet. Mit nur 32 Jahren wurde sie von Scott in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie starb. Scott wiederum kippte bald bis zu drei Flaschen Gin täglich, als Autor machte er jedoch brillante Fortschritte. 1925 erschien «Der grosse Gatsby», sein berühmtester autobiografisch geprägter Roman über das Scheitern des American Dream. Von den Kritikern hoch gelobt, blieb das Buch jedoch ein kommerzieller Misserfolg. Sein nächster Roman, «Zärtlich ist die Nacht», war dann ein kompletter Flop. Finanziell und körperlich ruiniert, verdingte sich Fitzgerald in seinen letzten Jahren erfolglos als Drehbuchautor in Hollywood.

Moderner Klassiker

Der ausschweifende Lebensstil zwang ihn aber schon früh, massentaugliche Kurzgeschichten für Zeitungen zu produzieren. So ist auch «Der seltsame Fall des Benjamin Button» entstanden, 1921 im «Colliers Magazine» publiziert. Für den Film hat Drehbuchautor Eric Roth allerdings nur Fitzgeralds geniales Motiv des Rückwärtsalterns aufgegriffen. Zu Recht, denn die Kurzgeschichte erreicht die Emotionalität des Films nur teilweise – ganz im Gegensatz zu Fitzgeralds Romanen, die heute als moderne Klassiker gelten. Lucie Machac

Fitzgeralds Kurzgeschichte erscheint als Buch und Hörbuch bei Diogenes.


Wann ist es wirklich Brad Pitt auf der Leinwand? Dass man sich diese Frage stellen muss, sagt schon viel über die Qualität dieses Aussenseiter-Epos aus. In «The Curious Case of Benjamin Button» ist nichts, wie es scheint, am wenigsten die Hauptfigur. Sieben Darsteller waren nötig, um die Lebensspanne dieser rückwärts alternden Fantasiegestalt auszumessen. Doch wo fängt der eine Button an, wo hört der andere auf? Und überhaupt: Was soll das ganze Verkehrtherum?

Die Geschichte beginnt 1918 in New Orleans: Ein runzliger Zwerg mit verknöcherten Gelenken wird von seinem Vater vor einem Altersheim ausgesetzt. Eine schwarze Pflegerin nimmt ihn auf. Rassenfragen? Nicht hier. Dafür wächst aus dem arthritischen Krüppel mit den Jahren ein blühender Bursche heran, der im Nachbarsmädchen Daisy die Liebe seines Lebens erkennt.

Bei sich selbst bedient

Eigentümlich mutet auch die Entstehungsgeschichte dieser 166-minütigen Transformation an. Von Mark Twain stammt das Zitat, dass man wohl glücklicher wäre, erst im Alter die Jugend zu erfahren. Davon liess sich F. Scott Fitzgerald (siehe unten) zu seiner Kurzgeschichte inspirieren. Nun hat sich Drehbuchautor Eric Roth weniger bei Fitzgerald als vielmehr bei einem liegen gebliebenen Skript von Robin Swicord und – bei sich selbst bedient.

«Benjamin Button» gleicht dem ebenfalls von Roth verfassten «Forrest Gump» (1994) wie ein Knopf dem anderen. Beide Sonderlinge erkunden die Welt vor historischem Hintergrund, ihre Ansichten unterscheiden sich minim. «Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiss nie, was man bekommt», meint der rastlose Trottel Gump. Und der zurückhaltende Button, ein Anhänger der neuen Nüchternheit, sagt: «Man weiss nie, wie es kommt.»

Besonders berührend im aktuellen Film sind die Szenen, in denen sich Benjamin und Daisy (Cate Blanchett) der Flüchtigkeit ihres Glücks bewusst werden. Nur kurz können sie ihre Liebe auskosten, bevor sie altersmässig wieder auseinanderstreben. Im Kino des perfektionistischen Gewaltforschers Fincher bedeuteten solche Emotionen Neuland. Genau wie die comicartigen Bildanekdoten eines Mannes, der sieben Mal vom Blitz getroffen wurde.

Effekte auf der Höhe der Zeit

Störend wirkt dagegen die Rahmenhandlung. Dass eine alte Frau ihre Tochter aus Benjamins Tagebuch vorlesen lässt, während der Hurrikan Katrina bevorsteht, ist eine Ausschweifung unter vielen und trägt kaum zur Handlung bei. Schade, denn Look, Ausstattung und Computertechnik sind auf der Höhe der Zeit, die digital nachbearbeiteten Vergangenheitstableaus von erschlagender Qualität. Während man bei Forrest Gump darüber staunte, wie er John F. Kennedy die Hand schüttelt, ist es nun ein sich stetig verjüngender Brad Pitt, der Fluch und Segen des Alterungsprozesses veranschaulicht. Dass beide Filme je 13 Oscar-Nominationen holten, verwundert wenig. Doch die Prognose sei gewagt: Sechs Statuen wie «Forrest Gump» wird «Benjamin Button» nicht abräumen.

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.01.2009, 13:52 Uhr

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