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Wo die blauen Kerle wohnen

Von Florian Keller. Aktualisiert am 16.12.2009 4 Kommentare

Der teuerste Film, den es bisher gab, und ein technischer Triumph: Zwölf Jahre nach dem Welterfolg mit «Titanic» träumt James Cameron in seinem neuen Epos «Avatar» von der Rückkehr ins Paradies.

Das blaue Wunder der Liebe: Jake in der Avatar-Hülle (Sam Worthington) und Neytiri (Zoë Saldana).

20th Century Fox

Sieht aus wie «Apocalypse Now»: Der Angriff der amerikanischen Aliens gegen die Ureinwohner von Pandora.

Sieht aus wie «Apocalypse Now»: Der Angriff der amerikanischen Aliens gegen die Ureinwohner von Pandora. (Bild: 20th Century Fox)

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Der Film

Avatar (USA 2009). 164 Minuten. Regie und Drehbuch: James Cameron. Mit Sam Worthington, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribisi u. a.

Er hätte es wissen müssen. Aber sein Triumph war so umfassend an jenem 23. März 1998, dass James Cameron nach den elf Oscars für «Titanic» jede Selbstbeherrschung ablegte und diesen verhängnisvollen Satz aus seinem Film in den Saal brüllte: «I'm the king of the world!» Er hätte wissen müssen, dass man solche Worte nicht leichtfertig ausspricht, schliesslich hatte er sie seinem Helden eigenhändig in den Mund gelegt. Der Held, das war Leonardo DiCaprio, und der sank am Ende des Films als tiefgefrorene Leiche auf den Grund des Ozeans und ward nicht mehr gesehen.

Lange machte es den Anschein, als habe James Cameron mit jenem Satz bei den Oscars auch sein eigenes Schicksal besiegelt. Die Geister der Titanic liessen ihn noch Jahre später nicht los, der monumentale Welterfolg, den er mit dem monumentalen Schiffbruch feierte, schien wie ein Fluch auf ihm zu lasten. Was bleibt einem Grossingenieur des Kinos noch übrig, wenn er schon König der Welt ist? Cameron hat zwölf Jahre für die Antwort gebraucht: Der König expandiert ins All, auf einen fremden Planeten in einer nicht ganz so fernen Zukunft. Und weil der Ehrgeiz eines James Cameron keine Schranken kennt, soll sein neuer Film namens «Avatar» nicht weniger als eine neue Zeitrechnung des Kinos einläuten.

Willkommen im Technopark

Wenn Hollywood von der ästhetischen Revolution träumt, ist natürlich immer die Technik gemeint. Nun ist aber gerade der Regisseur von «Terminator» mehr als ein notorischer Technokrat. Zwar fährt James Cameron in «Avatar» abermals ein beeindruckendes Heer von Maschinen aller Art auf, und die Verschmelzung von realen Welten und digitalen Effekten treibt er hier so weit wie kein Regisseur vor ihm. Aber Cameron war immer auch ein grosser Erzähler, der noch jedem seiner hochgerüsteten Spektakel einen emotionalen Kern eingepflanzt hat. «Avatar» beginnt zwar wie ein Bubentraum im futuristischen Technopark, doch die geheime Parole des Films geht in die entgegengesetzte Richtung: Zurück zur Natur!

Im Herzen ist «Avatar» eine ökologische New-Age-Saga, die in 3-D von der Rückkehr ins Paradies träumt. Der paradiesische Planet heisst Pandora, und aus dem All betrachtet, kommt uns die blaue Kugel sehr vertraut vor – jede Ähnlichkeit mit einem real existierenden Planeten ist alles andere als zufällig. Dabei lässt Cameron nie den geringsten Zweifel aufkommen, wer für ihn die Ausserirdischen sind. Nicht die gertenschlanken blauen Fabelwesen sind es, die als Ureinwohner auf diesem Planeten leben und aussehen wie die mimisch beschränkten Ausgeburten eines gescheiterten Genversuchs. Hier auf Pandora sind wir Menschen die bösen Aliens – namentlich die weissen Amerikaner, die es nur auf den wertvollen Rohstoff mit dem etwas albernen Namen Unobtanium abgesehen haben.

Pocahontas auf Pandora

Der Mann, der diesen verwunschenen Planeten erkunden darf, ist ein junger Soldat im Rollstuhl (Sam Worthington). Auf Pandora wird sein Bewusstsein sozusagen umgetopft in den künstlichen Körper eines Ureinwohners. Während nun die sterbliche Hülle des Soldaten gelähmt im Tiefschlaf liegt, streift er in seinem blauen Avatar durch den Dschungel. Im Auftrag der Ausbeuter soll er sich bei den Eingeborenen einschleusen – und verliebt sich dabei in eine edle Wilde (Zoë Saldana), die ihn erst vor den Raubtieren rettet und dann in ihre Kultur einführt. Sie könnte Pocahontas heissen, doch ihr Name ist Neytiri.

Auf Pandora entwirft Cameron einen alternativen Gründungsmythos für ein neues Amerika, das im Einklang mit der Natur lebt und die Wildnis bändigt, statt sie auszubeuten. Dabei katapultiert er nicht nur den Pocahontas-Mythos in die Zukunft, sondern er will seiner Litanei der Naturverbundenheit auch einen Kommentar zum amerikanischen Krieg gegen den Terror einbauen; doch der Flirt mit der politischen Gegenwart erschöpft sich in platten Zitaten der Kriegsrhetorik unter Bush.

Als Weltenschöpfer von eigenen Gnaden übertrifft Cameron mit «Avatar» alles, was er bisher ins Kino gewuchtet hat – als Erzähler produziert er hier gröbsten Ethnokitsch. Die grenzüberschreitende Liebe streckt sich vergeblich nach den Dimensionen von «Titanic», und den schlaueren Film über Ausserirdische, die unter der Unmenschlichkeit der Menschen leiden, haben wir in diesem Jahr auch schon gesehen. Er heisst «District 9» und kam ohne die seifige Adventsmusik von Camerons Hauskomponisten James Horner aus.

Fantastische Flora

Optisch und technisch ist «Avatar» ein Triumph, vor dem man sich verneigen muss, und langweilig ist der Film keine Sekunde. Das liegt aber weniger an Camerons Erzählkunst als an den sinnlichen Reizen, die er auf Pandora versprüht. Diese ausserirdische Wildnis ist von einer Pracht, wie man sie im Kino noch nie gesehen hat. Die Flora, die sich James Cameron erträumt, ist fantastischer Kitsch: Den Dschungel lässt er spriessen wie einen fluoreszierenden Zaubergarten, die Wilden beten einen leuchtenden Seelenbaum an, und wenns romantisch wird, segeln winzige Quallentierchen schwerelos durch die Luft. In den schönsten Momenten von «Avatar» kommt man sich vor, als würde man auf LSD durch die Masoala-Halle spazieren.

Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Abaton, Arena, Corso und Metropol. Lesen Sie morgen zu «Avatar» auch den «züritipp». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2009, 08:09 Uhr

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4 Kommentare

Hansjürg Meier

16.12.2009, 08:14 Uhr
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Wie man auf dieser Erde mit Seinesgleichen umspringt, wissen wir nicht erst seit den Völkermorden an Indianern, Armeniern und Juden oder der Versklavung der schwarzen (nicht blauen) Bevölkerung. Und wie ist es da erst mit anderen Arten, dem sinnlosen Abschlachten der Bisons, der Delphine, die Liste liesse sich beliebig verlängern. Der Film ist nichts als die teuerste Beruhigung des Gewissens. Antworten


Kai Meier

16.12.2009, 10:01 Uhr
Melden

Hätte nicht gedacht, dass sich Hollywood abermals an Stumpfsinnigkeit übertreffen kann. Alleine schon wenn ich das Wort 'Avatar' höre, bekomm ich die Krätze. Antworten



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