«Wir haben ein Testosteron-Defizit»

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 28.10.2009

Für «The Informant!» legte Hollywood-Star Matt Damon 15 Kilo zu. Im Interview erklärt er, wie sich die Gewichtszunahme auf sein Schauspiel auswirkte und wie er Karriere und Familie unter einen Hut bringt.

Kein Problem mit Übergewicht: Matt Damon.

Kein Problem mit Übergewicht: Matt Damon. (Bild: Keystone)

Mister Damon, 2007 wurden Sie zum «Sexiest Man Alive» gekürt. Für «The Informant!» tragen Sie nun ein Toupet, einen Schnauzbart und haben 15 Kilo Übergewicht. Kam Ihnen die eigene Eitelkeit nie in den Weg?
Matt Damon: Nein. Manchmal stolzierte ich sogar vor meiner Frau herum und liess den Bauch raushängen. Sie nahms mit Humor. Was mich mehr überraschte: Bei den Dreharbeiten in Illinois meinten einige Zaungäste: Sie sehen im richtigen Leben viel besser aus. Und ich: ach, wirklich?

War die Gewichtszunahme eine Vorgabe von Regisseur Steven Soderbergh?
Indirekt. Er wollte eine schwammige Figur, jemanden ohne feste Kanten, bei dem man nie weiss, ob er die Wahrheit sagt.

Wie hat die Gewichtszunahme Ihr Schauspiel beeinflusst?
Es geht für einen Darsteller immer um die Art des Bewegens. Schon mit fünf Pfund mehr fühlen sich Kleider am Körper ganz anders an. Für den Actionfilm «The Bourne Identity» hatte Regisseur Doug Liman verlangt, dass ich boxen lerne, um mich zielgerichteter zu bewegen. Es geht beim Film um kleinste Botschaften, die der Körper aussendet. Sie machen den Unterschied, ob dir das Publikum die Rolle abnimmt oder nicht.

Half da auch die falsche Nase?
Nein, das ist ein Running Gag von Regisseur Steven Soderbergh. Er hatte mir schon für «Ocean’s Eleven» so ein Riesending verpasst – als Ehrerbietung für Regisseur Terry Gilliam.

Ehrerbietung?
In Gilliams «Brothers Grimm» sollte ich eine grosse Kunstnase tragen. Doch Produzent Harvey Weinstein tobte: «Wir zahlen dir nicht so viel Geld, damit man dich auf dem Filmplakat nicht erkennt!» Ich durfte nur eine kleine Nase tragen. Darauf wollte Soderbergh zeigen, dass ein Filmhit auch möglich ist, wenn ich eine grosse Nase trage.

«The Informant!» ist Ihr fünfter Film mit Soderbergh. Was funktioniert mit ihm so gut?
Soderbergh ist einer der wenigen Regisseure, die Ihren Film schon vor dem Schnitt fertig im Kopf haben. Das habe ich sonst nur bei Clint Eastwood und Steven Spielberg erlebt. Soderberghs Credo lautet: So viel Zeit wie möglich fürs Drehbuch, so wenig Zeit wie möglich für den Dreh. Wir haben bei «The Informant!» acht Drehbuchseiten pro Tag geschafft, der Film war in 30 Tagen im Kasten. Das geht sonst nur bei TV-Serien.

Weshalb ist der von Ihnen verkörperte Biochemiker Mark Whitacre eine so skurrile Figur?
Die Buchvorlage von Kurt Eichenwald ist todernst. Doch Soderbergh bestand darauf, für diese Geschichte um einen Whistleblower, der seine Firma aushorcht, einen anderen Ton anzuschlagen. Er wollte keinen zweiten «The Insider» machen.

Mal agiert Whitacre clever, dann wieder dumm. Was stimmt?
Er ist vor allem unberechenbar. Etwa wenn er dem Gärtner seine FBI-Abhörgeräte zeigt oder wenn er kurz vor einer jahrelang vorbereiteten Razzia in seiner Firma alle Freunde «vorwarnt». Das FBI hätte erkennen müssen, dass da etwas nicht stimmt. Erschreckend ist: Es gibt auch in der Realität viele intelligente Leute mit gutem Herzen, denen ein gesunder Menschenverstand fehlt.

«The Informant!» ist für Ihre Verhältnisse ein ruhiger Film. Haben Sie als 39-Jähriger mit Ihrer Actionkarriere abgeschlossen?
Nein, ich schaue nach vorn. Es wird voraussichtlich einen vierten «Bourne»-Film geben. Aber schauen Sie sich Clint Eastwood an: Der machte mit 39 seinen ersten Film. Jetzt ist er 79 und noch voller Energie und Enthusiasmus. Wenn es in meiner Macht steht, möchte ich in diese Fussstapfen treten.

Hollywoodstars sind auch für Eskapaden berühmt. Sie nicht. Hatten Sie nie das Bedürfnis, über die Stränge zu schlagen?
Tja, man hat mich eben nie erwischt (lacht). Im Ernst: Ich habe mich jahrelang extrem in die Arbeit gestürzt, da ich stets Angst hatte, eines Tages ohne Job dazustehen. Erst als meine erste Tochter 2006 zur Welt kam, habe ich zurückgeschraubt.

Sie sind mit Luciana Barroso verheiratet, haben zwei Töchter und eine Stieftochter. Wie bringen Sie Familie und Arbeit in Einklang?
Es ist eine Frage der Balance. Zu Beginn meiner Karriere arbeitete ich 18 Stunden täglich und schlief jeden Sonntag durch. Das geht jetzt nicht mehr.

Nehmen Sie bei der Rollenauswahl Rücksicht auf die Familie?
Ja. Vor ein paar Jahren war es noch möglich, mit der ganzen Familie nach Rom zu reisen, um «Ocean’s Twelve» zu drehen. Jetzt ist meine Stieftochter 11. Da sollte man sie nicht ständig aus der Schule nehmen.

Sie sind in Ihrer Familie der einzige Mann. Wie fühlt sich das an?
Oh, wir haben definitiv ein Testosterondefizit (lacht). Aber das macht das Ganze zu einer recht ausgeglichenen Angelegenheit. Wenn ich Aufregung will, besuche ich meinen Bruder. Der hat zwei Söhne, die mir, wenn ich auftauche, sofort eins in die Eier hauen – Jungs halt.

Würden Sie gerne noch mehr Kinder haben?
Ja, wir denken ernsthaft darüber nach. Allerdings ist unser Leben mit drei Kindern bereits sehr ausgefüllt. Und da sie alle unterschiedlichen Alters sind, muss man immer aufpassen, dass sie sich nicht langweilen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.10.2009, 15:15 Uhr

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