Kultur
Von sexy Vampiren und «Twilight-Müttern»
Wieder mal was zwischen die Zähne: Cam Gigandet als Schreckensvampir James. Mit seiner Vorliebe für Menschenblut fällt er in «Twilight» aus dem Rahmen. (Bild: zvg)
Los Angeles an einem Mittwochnachmittag. Jenni kommt aus dem Beverly-Center-Kinokomplex, wo sie die Vorstellung von «Twilight» besucht hat. Die 36-jährige Sekretärin und Mutter hat ihre Mittagspause für den Kinobesuch geopfert. Von Opfer kann jedoch keine Rede sein. Jenni ist ein Fan der Buchserie und hat den Film schon vier Mal gesehen. «Die Liebesgeschichte zwischen Bella und Edward erinnert mich an meine eigene Teenagerzeit», schwärmt sie. «Eine Zeit der überschwänglichen Gefühle, in der die Liebe noch mit Leben und Tod zu tun hatte. Ausserdem, Vampire sind sexy.»
Ob Nosferatu oder Graf Dracula: Untote Blutsauger beflügeln die Fantasie. Der Biss des Vampirs in die erogene Nackenzone ist für die Opfer beängstigend und erregend zugleich. Schliesslich kann er sowohl Tod als auch ewiges Leben bedeuten. Zumindest im Kino. In den 50er- und 60er-Jahren machten eine Reihe von Dracula-Filmen Christopher Lee zum filmischen Gesicht des transsilvanischen Grafen. Die 70er-Jahre machten sich mit Filmen wie Roman Polanskis «Tanz der Vampire» oder dem tolpatschigen George Hamilton in «Liebe auf den ersten Biss» über Vampire gerne lustig.
Als 1979 Werner Herzog mit seinem Remake des Stummfilmklassikers «Nosferatu» den Grossvater aller Vampire wieder auferstehen liess, wurde der Biss in den Nacken cool. Eine Bande Jugendlicher mit Sonnenbrillen, angeführt von Kiefer Sutherland, trieben in «Bad Boys» ihr Unwesen. Und in «Interview with a Vampire» wurde Lestat von Tom Cruise als sexuell ambivalenter Blutsauger dargestellt, der nicht nur Frauen, sondern auch Brad Pitt verführte.
Die Liebesgeschichte in «Twilight» zwischen dem Vampir Edward (Robert Pattinson) und der Schülerin Bella (Kristen Stewart) erschien Stephenie Meyer, einer Mormonin, Hausfrau und Mutter dreier Söhne, im Traum. «Es war der klarste und lebensechteste Traum, den ich je hatte», erinnert sich die US-Autorin. «Ich sah das als eine Art Zeichen, dass ich diese Geschichte niederschreiben sollte.» «Twilight» war Meyers erstes Buch und wurde über Nacht zum Bestseller.
Trotzdem oder gerade weil sich die Autorin überhaupt nicht für Vampire interessiert, halten sich die Untoten in ihren Büchern nicht an die gängigen Konventionen: Die Cullens sind keine Bad Boys. Sie arbeiten als Ärzte wie Carlisle Cullen (Peter Facinelli) und gehen brav zur Schule wie Edward. Sie brauchen keinen Schlaf, und sie schmelzen nicht, wenn Tageslicht sie erfasst. Sie haben keine Reisszähne und ernähren sich von Tier- und nicht Menschenblut.
In den USA haben der Film und Meyers vier Bücher eine riesige, vorwiegend weibliche Fangemeinde, die sich mit Edward- und Bella-T-Shirts, «I ? Boys Who Sparkle»-Stickers oder einem passenden Schal- und Handschuhset mit dem Cullen-Wappen ausstaffieren. Zum Valentinstag kann der Goth-Junge seiner Freundin für 48 Dollar das «Twilight»-Parfüm schenken.
Erstaunlicherweise sind es jedoch nicht nur die Teenage-Girls, die ihr «Twilight»-Fantum stolz zur Schau tragen. Bei ihrem Kinobesuch trägt Jenni ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Team Edward», das sie, zurückgekehrt an ihren Arbeitsplatz, unter einer roten Bluse versteckt. Die reiferen Fans der verbotenen Romanze zwischen Edward und Bella nennen sich «Twilight-Mütter», und die sind gut organisiert. Sie halten eigene Events ab und tauschen sich auf diversen Webseiten aus.
Robert Pattinson spielt den gut aussehenden 108-jährigen Vampir Edward Cullen, der als Teenager gebissen wurde und deshalb die letzten neunzig Jahre in der Highschool verbracht hat. Edward lebt zwar als Vegetarier, seine Gelüste nach Menschenblut werden aber erweckt, als Bella Swan, eine neue Schülerin, in der Chemiestunde neben ihn gesetzt wird. Fortan kämpft er mit seinen zwiespältigen Gefühlen und sendet seiner Angebeteten verwirrende Signale. «Edward ist ein Gentlemen, sehr fürsorglich», erklärt Autorin Meyer die Anziehungskraft des Vampirs. «Gleichzeitig ist er mysteriös und völlig unnahbar. Das macht ihn so unwiderstehlich.»
Bei Paramount Pictures werden sich einige Bosse heute wohl die Haare raufen. Das Studio besass die Filmrechte an Stephenie Meyers Büchern, gab diese aber 2006 frei, weil sie nicht an das kommerzielle Potenzial der «Twilight»-Serie glaubten. Summit Entertainment war weitsichtiger und machte das Schnäppchen. Realisiert für weniger als 40 Millionen Dollar, hat der Film bisher weltweit über 280 Millionen Dollar eingespielt. «Ich sah das Potenzial des Films sofort», meint Regisseurin Catherine Hardwicke («Thirteen», «The Nativity Story»). «Aber die Männer in Hollywood machen noch immer Filme für Boys, trotz der Erfolge von ‹Sex and the City› und ‹Mama Mia!›.»
Für die Regisseurin hat die «Twilight»-Geschichte allerdings kein Happy End. Gestärkt durch den Erfolg, ging Hardwicke Ende letzten Jahres in die Verhandlungen für den nächsten Film in der Serie, «New Moon». Der Film verlangt nach aufwändigen Digitaleffekten für die Werwölfe, die darin eine Hauptrolle spielen. Als Hardwicke deshalb um ein fetteres Budget bat, sah sich Summit Entertainment prompt nach einem anderen Regisseur um. Chris Weitz («The Golden Compass») wird nun die Aufgabe übernehmen. Im Herbst soll «New Moon» in die Kinos kommen. Bleibt zu hoffen, dass die Vampirhysterie noch so lange anhält.
Der Film läuft ab heute im Kino. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.02.2009, 13:06 Uhr





