Spiel mir das Lied vom Leben
Die Schöne und das Biest: Die Tochter des Grossgrundbesitzers (unten) und der junge Indianer Osvaldo auf dem Filmplakat. (Bild: )
Wald, soweit die Vogelperspektive reicht. Dazu Violinen, Celli, Bläser: Concerto grosso, italienische Barockmusik. Dann, das Flugzeug fliegt eine Kurve, rote Erde, brach und leer. Zwischen Wald und gerodeter Weite die Linie, die über Leben und Tod entscheidet, eine Narbe bis zum Horizont. Schnitt.
Das Publikum ist jetzt auf Breitleinwandkino eingestimmt und sitzt mit vier Touristen im Boot, das auf dem Strom dahintreibt wie einst Klaus Kinski als «Aguirre». Mit Feldstechern halten sie Ausschau nach den Vögeln Amazoniens. Mit Menschen haben sie nicht gerechnet. Doch Eingeborene, die bewaffnet wie steinzeitliche Jäger am Ufer stehen, sind auch ein Foto wert. Die Digitalkameras surren, Pfeile sirren heran. Schnell lässt der Bootsmann den Motor an und verschwindet mit den Gringos. Die Eingeborenen tauchen im Dickicht unter, wischen das Make-up weg, streifen sich lumpige T-Shirts über. Am Waldrand wird abgerechnet: Nur ein paar schäbige Münzen gibt es für diesen Auftritt, aber wenig ist mehr als das Nichts, das die Guarani-Indianer ansonsten besitzen.
Zwei Welten
Zwölf Prozent der Fläche Brasiliens sind als indianisches Stammland deklariert, null Prozent im Besitz der 460000 Indigenen. So leben auch die Kaiowa-Guarani, mit denen der italienisch-chilenische Regisseur Marco Bechis «Birdwatchers» drehte, in einem umzäunten Reservat. Seine Darsteller spielen sich selbst, die Handlung des Films zeigt die aktuelle Realiät im brasilianischen Bundesstaat Matto Grosso do Sul.
Der halbwüchsige Osvaldo (Abrisio da Silva Pedro), angehender Schamane, verlässt mit einer kleinen Gruppe das Reservat, um das Land der Ahnen wieder in Besitz zu nehmen. Auf Konfrontationskurs mit dem Grossgrundbesitzer der gerodeten Waldgebiete erweisen sich die Indianer als hartnäckig und unterliegen doch – den Flugzeugen etwa, die ihr improvisiertes Zeltlager mit Pestiziden besprühen. Am Fluss, beim Anrufen der Geister, trifft Nadio die Tochter des Grossgrundbesitzers; sie flirtet mit dem «edlen Wilden». Doch der heimtückische Mord an Nadio (Ambrosio Vilhalva), dem Anführer von Osvaldos Gruppe, macht eine weitere Annäherung unmöglich.
Beredtes Schweigen
«Unglaublich, wie schnell sie lernten», schreibt Regisseur Marco Bechis in den Produktionsnotizen über die Arbeit mit den Laiendarstellern. Was lernten sie? Schweigen. «Gewöhnt an mündliche Überlieferung, sprachen sie auf dem Set stets so viel wie möglich» – so kam Bechis die Idee, ihnen Sergio Leones Edelwestern «Spiel mir das Lied vom Tod» zu zeigen. Nun sprechen in «Birdwatchers» vor allem die Gesichter. Und unweigerlich erinnern die so grimmig verschlossenen wie ausdrucksstarken Züge Nadios an Charles Bronson.
Ungewollt zynisch mutet hingegen die Parallele der Lynchszenen an. Während die Opfer bei Leone aufgeknüpft werden, hängen sich die Indianer bei Bechis – und auch in der Realität – selber auf. Nur Osvaldo, mit dem Strick um den Hals im Kampf gegen die Geister des Waldes, entscheidet sich schliesslich für das Leben.Tina UhlmannDer Film läuft ab heute im Kino. (mau/bz)
Erstellt: 30.04.2009, 13:15 Uhr
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