«Slumdog Millionaire»: Der alleswissende Einfaltspinsel

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 21.01.2009

Regisseur Danny Boyle kürt in «Slumdog Millionaire» einen naiven indischen Strassenjungen zum Glückspilz – und zieht sich so am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Ihre Antwort, bitte:  «Wer wird Millionär»-Kandidat Jamal 
(Dev Patel) und Quizmaster Prem Kumar (Anil Kapoor).

zvg

Man muss diesen Film nicht mögen. «Slumdog Millionaire» ist, nüchtern betrachtet, ein geschmäcklerisches Werk, vollgestopft mit Kunstgriffen, Übertreibungen und erstaunlichen Lücken. Tatsache ist aber auch: Danny Boyles Film über einen Callcenter-Dienstboten, der in einer indischen «Wer wird Millionär»-Show vor dem totalen Triumph steht, hat vier Golden Globes abgeräumt und gilt als heisser Oscarkandidat. Wie das?

Eine neuzeitliche Odyssee

Nun, Boyle geht den Stoff ausgesprochen clever an: Der englische Regisseur, der seit «Trainspotting» mit abnehmendem Erfolg auf diversen Genrewellen surfte («The Beach», «28 Days Later», «Millions», «Sunshine»), stilisiert «Slumdog Millionaire» zur neuzeitlichen Odyssee. Und er verdichtet die auf dem Ro-man von Vikas Swarup («Rupien! Rupien!») basierende Geschichte zur filmischen Fantasie über Geld, Glück, Liebe und Schicksal.

Drehbuchautor Simon Beaufoy («The Full Monty») nutzt dabei den lockenden Mammon vor allem als Erzählmotor. Und so geschieht es, dass der naive Jamal (Dev Patel), der alle Fragen ausser der einfachsten weiss, in einer Quizpause aufs Polizeirevier verfrachtet und gefoltert wird. Doch der Dienst habende Beamte hat ein Einsehen, hört ihm zu, und ab da entpuppt sich Jamals Lebens- und Leidensgeschichte als reinster «Oliver Twist».

Musketiere aus dem Slum

Wir erfahren, wie Jamals Mutter von religiösen Fanatikern umgebracht wurde, wie Jamal in die Hände skrupelloser Kinderhändler fiel, wie sein Bruder Salim Gefallen an der Gewalt fand, und wie Satikah, seine grosse Liebe, ihm immer wieder entglitt. Mehr Dickens geht gar nicht. Kommt hinzu, dass «Slumdog Millionaire» nicht nur Abenteuerfilm, sondern auch Märchen, Lovestory, Komödie, Gangster- und Entwicklungsfilm in einem ist. Eine weitere Literaturzugabe gibts, indem sich Jamal, Salim und Satikah als «Musketiere» (Alexandre Dumas) begreifen. Und fürs Auge wird dieser uramerikanische Traum vom Aufstieg eines Slumkids zur fabelhaften Übertreibung in Gelb-Orange in der Millionenmetropole Mumbai umgedeutet. Wow! Praller gehts nicht. Oder doch? Natürlich ist auch Bollywood angemessen vertreten: Der indische Filmstar Anil Kapoor gibt den hinterhältigen «Millionär»-Quizmaster, der keinen Emporkömmling neben sich duldet. Und der Filmabspann gerät zum überbordenden Tanzfinale.

Überwältigung pur

Nun ist Überwältigung als Filmstrategie nicht per se verwerflich. Doch es bleiben Fragen. Weshalb Jamal (fast) alles weiss, wird nicht schlüssig geklärt. Und auch die Identifizierung mit diesem schicksalsgläubigen Einfaltspinsel («Wenn mich jemand fragt, gebe ich Antwort») fällt oft schwer. Ob das Bombardement des Bedeutungsschwangeren auch die Oscar-Academy überzeugt? Nun, wenn «Slumdog Millionaire» den Sieg davontragen sollte, wäre das nicht überraschend. Glückspilze aus der Gosse wie Jamal und geschickte Stehaufmännchen wie Danny Boyle sind in Hollywood beliebt – ganz gleich, ob der Film gut ist oder nicht.

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.01.2009, 11:40 Uhr

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