Kultur

Proletenhumor mit Anspruch

Sacha Baron Cohen stolpert mit seinen Figuren «Ali G», «Borat» und aktuell «Brüno» rücksichtslos über den schmalen Grat von Satire und Schund.

Sacha Baron Cohen in «Brüno»

Sacha Baron Cohen in «Brüno»
Bild: Keystone

Warum sich Paula Abdul auf einen Mexikaner setzte

Als «Brüno» ruft Sacha Baron Cohen in seinem neuen Film mit derbem Humor erschreckend reale Reaktionen hervor. Erst ein chauvinistischer Reporter aus Kasachstan, dann eine ruhmsüchtige Modetucke aus Österreich. Mit «Brüno» begibt sich wieder eine Cohen-Figur auf Forschungsreise durch Amerika. Und wieder ist nicht sie es, über die sich Regisseur Larry Charles und Cohen in erster Linie lustig machen. Auch wenn etliche Gags auf Kosten Brünos gehen, der in den USA sein Glück versucht, nachdem er in Wien als Moderator von «Funkyzeit mit Brüno» gefeuert wurde. Am Ende ist er sogar bereit, sich von einem Prediger zur Heterosexualität bekehren zu lassen, um es im Showbiz zu schaffen. Ein eher Mitleid erregendes Schicksal, dem Cohen einige tragikomische und viele derbkomische Seiten abgewinnt.

Wichtiger aber als der fiktive Brüno sind die realen Reaktionen, die er provoziert. So lässt er etwa Paula Abdul aus der «American- Idol»-Jury bei einem Interview über ihr Wohltätigkeitsengagement auf einem «lebenden Stuhl» Platz nehmen, sprich auf dem Rücken eines Mexikaners. An anderer Stelle initiiert er ein Kleinkindercasting und ringt den Eltern die grausamsten Zugeständnisse ab. Eine Mutter erklärt sich damit einverstanden, ihr Kind auf eine Hungerdiät zu setzen und ihm Fett absaugen zu lassen, damit es die Rolle erhält.

Angesichts der manipulativen Macht des Kinos ist bei solchen Szenen allerdings Vorsicht geboten. Vor einer einschüchternden Kamera kann mit entsprechend forschem Auftreten und ein paar schnellen Schnitten nahezu jeder ins falsche Licht gerückt werden. Lauterer Journalismus sieht anders aus. Oft entpuppt sich die Provokation ausserdem als komödiantischer Selbstzweck; irgendwo zwischen Schadenfreude und Fremdschämen.

Es gibt aber auch die anderen Augenblicke, in denen es Charles und Cohen tatsächlich gelingt, der heuchlerischen US-Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Grossartig ist die Szene, in der sich die Zuschauer eines Wrestling-Events in einen wütenden Mob verwandeln, als sich die beiden Kontrahenten im Ring unvermittelt küssen. Nicht nur für das Publikum in Arkansas, sondern wohl auch für manch «Erkan-und-Stefan» geprägten «Brüno»-Zuschauer keine leichte Kost. Wenn dann im Kinosaal am Ende aber eher über die pöbelnden Heteros als über die schwulen Wrestler gelacht würde, wäre ja schon einiges gewonnen.

Als Sacha Baron Cohen Mitte der 90er-Jahre in Grossbritannien zum ersten Mal im Fernsehen auftrat, tat er dies nicht als «Borat» oder «Ali G», sondern in der Rolle des schwulen österreichischen Modejournalisten «Brüno». Nach einem Geschichtsstudium in Cambridge hatte Cohen ein Jahr lang selbst als Model gejobbt. Und dabei Erfahrungen gesammelt, die in die Figur des tuntig-selbstgefälligen «Brüno» einflossen. «Kult» wurde der mittlerweile 37-jährige Komödiant im britischen Fernsehen dann in der Maske des Möchtegernrappers «Ali G» mit seiner «Da Ali G Show», aus der 2002 unter der Regie von Mark Mylod der mässig amüsante Spielfilm «Ali G Indahouse» hervorging. Konnte der fiktive Plot um das brave Mittelklassesöhnchen aus einem Londoner Vorort, das sich auf dumpf-peinliche Weise wie ein Gangsterrapper benahm, in der Originalfassung noch mit einigem Wortwitz aufwarten, sank der Streifen in der deutschen Synchronfassung auf triviales Erkan-und-Stefan-Niveau herab.

Trashiges Dokumentarkino

Die Erwartungen an Cohens zweiten grossen Kinoauftritt mit der ebenfalls aus seiner TV-Show bekannten Kunstfigur des kasachischen Fernsehreporters Borat Sagdiyev waren entsprechend gering. Cohen übertraf sie bei weitem. Mehr noch, gemeinsam mit Regisseur Larry Charles setzte er mit der kruden Komödie, die provokantes Guerilla-Dokumentarkino in eine albern-trashige Handlung einbettete, neue Massstäbe im Unterhaltungsfilm. Er sprengte den Rahmen von dokumentarischem oder fiktionalem Erzählen, indem er einen frei erfundenen Charakter – den antisemitischen, sexistischen und homophoben Borat – auf die reale Welt losliess. Dadurch, dass der angebliche Reporter auf seiner Kulturreise durch die Vereinigten Staaten «ganz normale» US-Bürger mit seinen antisemitischen Einstellungen konfrontierte, offenbarte der jüdische Schauspieler unterschwellige Ressentiments.

Doch nicht nur die Übergänge zwischen Realität und Fiktion, auch die Grenzen zwischen entlarven und blossstellen sind bei Cohen und Charles, der auch bei «Brüno» Regie führte, fliessend. Bei ihnen regiert das Prinzip «Skandal», dem sich schon die Pariser Surrealisten in den 20er-Jahren als avantgardistisch-sozialkritischer Strategie verschrieben hatten. Das Ziel ist es, so früh wie möglich Anstoss zu erregen, um ins Gespräch zu kommen. 91-mal soll die Polizei während der Dreharbeiten zu «Borat» ausgerückt sein.

Eigenwillige Chimäre

Dahinter verbirgt sich jedoch mehr, als bloss ein raffiniertes Marketingkonzept. Cohen, der sein Studium der Geschichtswissenschaften mit einer Arbeit über US-Bürgerrechtsbewegungen abschloss, entwickelte mit «Borat» eine eigenwillige postmodern-surrealistische Chimäre aus schlüpfrig-proletenhaftem Humor und politisch-emanzipatorischem Anspruch, der es auch darum geht, etwas in Gang zu bringen – seien es Lachmuskeln oder soziokulturelle Veränderungen –, und die sich wenig darum schert, wie sie das zu Stande bringt. Wie zuletzt in «Borat» stolpert Sacha Baron Cohen nun auch als «Brüno» wieder rücksichtslos über den schmalen Grat von Satire und Schund und landet dabei gar nicht mal selten auf der richtigen Seite.

Hatte Cohen im Gewand des «Ali G» noch vorrangig in Grossbritannien Erfolg, heimste er mit seinem ungehobelten Improvisationskino als «Borat» weltweit Preise ein. Für das Drehbuch erhielt er eine Oscarnominierung, als Darsteller einen «Golden Globe». Die kasachische Regierung und das Ezaf, das sich gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma wendet, zeigten sich weniger begeistert und warfen Cohen eine rassistische Darstellungsweise vor. Hier zeigt sich das Dilemma, in dem Cohen mit seiner provokativ-ironischen Comedy steckt: Er läuft immer Gefahr, zu ernst genommen zu werden oder aber nicht ernst genug.

Der Film läuft ab heute im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.07.2009, 10:30 Uhr

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