Kultur

Menschenfeind mit Mumm

Ein rassistischer Kriegsveteran stellt sich in «Gran Torino» seinen Dämonen. Altmeister Clint Eastwood zeigt einmal mehr, wie man aus einem schweren Stoff packende Unterhaltung macht.

Clint Eastwood: In seinem Alterswerk «Gran Torino» spielt er einen kranken Griesgram mit gutem Herzen.

zvg

Dieser Film schmeckt erst mal nach Gallensaft: Dem griesgrämigen Pensionär Walt (Clint Eastwood) ist die Frau gestorben, da drängt ihn ein junger Priester bereits zur Beichte, und die Nachkommen spuren fürs Altersheim vor. Doch der Koreakrieg-Veteran hält seine Stellung, auch wenn die Nachbarschaft inzwischen hauptsächlich aus Asiaten besteht. Ausgerechnet! Umso vehementer tut Walt seine Verachtung kund. Missmutig schlürft er Dosenbier auf der Veranda, lässt die US-Flagge wehen, spuckt aus, presst die Lippen zusammen und knurrt jede dieser «Sumpfratten» an, die ihm in die Quere kommt. Betritt jemand gar das bisschen Rasen vor seinem Haus, greift der pedantische Patriot zum Schiesseisen.

Vom Hass zur Nächstenliebe

«Die Figur schien mir wie auf den Leib geschrieben», sagt Filmveteran Clint Eastwood (78), «obwohl das gar nicht der Fall ist.» Ein seltsames Statement? Keineswegs. Der stramme Republikaner Eastwood weiss um sein Bild in der Öffentlichkeit, das er mit Law-and-Order-Rollen in den Siebzigerjahren selbst geprägt hat. Nicht zufällig schimmert in «Gran Torino» jener unzimperliche Inspektor Callahan aus den «Dirty Harry»-Filmen durch. Eine perfekte Täuschung. Denn: Die Drehbuchnovizen Nick Schenk und Dave Johansson haben anderes im Sinn. Aus einer Geschichte um Hass und Vorurteile entwickeln sie eine überraschende Fabel über die Nächstenliebe. Mit dem kleinen Makel, dass die Flucherei der Hauptfigur später stark relativiert wird.

Raus aus der Gewaltspirale

Walt, einst in der örtlichen Ford-Fabrik tätig, besitzt als einzigen Luxus einen 1972er Gran Torino. Diesen Prachtwagen versucht der schüchterne Nachbarsjunge Thao zu stehlen – freilich nicht aus freien Stücken, sondern weil er von einer Gang dazu genötigt wird. Der mit allen Wassern gewaschene Walt erfasst die Sachlage blitzschnell, setzt den halbstarken Asiaten nach und greift dem hilflosen Thao unter die Arme. Doch sein Rachefeldzug wirkt kontraproduktiv. Die Gangster schlagen zurück. Und Walt muss, will er seinem Schützling die Zukunft nicht verbauen, einen Ausweg aus der Gewaltspirale finden.

«Gran Torino» ist – einmal mehr – grosses Eastwood-Kino. Die Kehrtwende des vermeintlichen Rächers kommt buchstäblich entwaffnend. Und die Beschränktheit der schauspielerischen Mittel Eastwoods fällt kaum auf, da sie dem sparsamen Tonfall dieser fast beiläufigen Inszenierung entspricht. Möglichkeiten für Melodramatisches gäbe es zwar zuhauf. Wenn Walt dem vorsorglich in den Keller gesperrten Thao vom Kriegshorror berichtet oder wenn er, bereits todkrank, ein letztes Mal seinen Sohn anruft, würden viele im Pathos schwelgen. Doch Regisseur Eastwood verrät den Darsteller Eastwood nicht. Und diese Konsequenz ist das eigentlich Berührende an diesem Film.

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.03.2009, 14:14 Uhr

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