Kevin allein im Auto
Von Simon Schmid & Linus Schöpfer. Aktualisiert am 23.01.2012 33 Kommentare
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Linus Schöpfer: «Drive» ist ein fantastisch-verlockendes Tummelfeld für Interpreten, wie die vielen Rezensionen zeigen: Von Film Noir ist die Rede, von Grindhouse, von Tarantino, von Steve McQueen, von den Grimmschen Märchen sogar. Und hier gleich eine weitere Deutung nachgeschoben: Versinnbildlicht der Film nicht auch die dominierende soziale Atmosphäre der USA zu Beginn der 10er-Jahre – diese abstumpfende Melange aus unvermindert exzessivem Materialismus einerseits und neuartigen ökonomischen Zumutungen andererseits?
Simon Schmid: Exzessiv ist an «Drive» vor allem die Stilarbeit: Achtziger-Jahre-Synthesizer untermalen sublimierte Verfolgungsjagden, blutige Gewaltszenen werden durch zeitlupenartige Nahaufnahmen kontrastiert. Aber materialistische Fragen...?
Schöpfer: Durchaus: Im Film wimmelt es von Pimps und Gangstern, die zombiehaft dem ominösen Geldkoffer zustreben. Dass der Driver, der so ärmlich lebt wie ein McDonalds-Angestellter in Detroit, ebendiesen Koffer schliesslich doch stehen lässt, ist eine weitere Facette dieser faszinierenden Figur.
Schmid: Auf dem Spiel steht nicht nur das Geld. Es geht ums Selbstverständnis der USA: Kann der moralisch überlegene, mit Talent und Mut gesegnete Akteur die Konflikte der Welt noch immer im Alleingang lösen? Die Hauptfigur in «Drive» entpuppt sich jedenfalls als ziemlich naiver Strassencowboy.
Schöpfer: Ryan Gosling als lonesome Barack Obama also?
Schmid: Nein, am Steuer dieses aufgemotzten 73er-Chevrolet sitzt kein Barack Obama. Dieser Driver im Samtjäckchen ist eher eine Art Forrest Gump – einer, der gern ein Clint Eastwood wäre. Mit der Attitüde eines Marlboro-Cowboys und der Ausstrahlung eines «Kevin allein im Auto» braust er durch die Gegend: Zum weltmännisch-smarten Barack Obama ist dies die pure Antithese.
Schöpfer: Driver Obama natürlich nur im übertragenen Sinn ..., aber Forrest Gump ist tatsächlich ein viel besserer Vergleich, denn während des Films beschleicht einen ja das Gefühl: Dieser Driver ist irgendwie auch ein wenig dumm. Aber das ist wiederum Bestandteil seiner merkwürdigen Aura – welcher Filmheld ist schon solcherart naiv-dümmlich, und dennoch definitiv cool? Robert De Niro spielte mitunter solche Typen, man denke an «Taxi Driver» oder «Raging Bull».
Schmid: Wahnhafte Gestalten, wenn auch mit Beschützerinstikt. Hat «Drive» eigentlich etwas über Frauen zu sagen?
Schöpfer: Der Schwachpunkt des Films schlechthin. Man muss nicht Alice Schwarzer heissen, um die Hure-Heilige-Dichotomie des Films plump zu finden. Aber vielleicht kann das Gesamtkunstwerk «Drive» nur mit dieser Konstellation funktionieren ...
Schmid: Stark sind in diesem Film wirklich nur die Autos. Durch- und getrieben sind die Männer, derweil die Frauen nur Zustimmung äussern oder Missfallen bekunden dürfen. Funktionieren tut dieses Rollenmuster allemal – jedoch hätte eine etwas aktivere Carey Mulligan dem «Gesamtkunstwerk» nicht geschadet. Schon in «Wall Street 2» blieb ihr neben den Wall-Street-Machos bloss die Rolle des besorgten Weibleins.
Schöpfer: Man stelle sich vor, sie hätte den Driver angeraunzt – was nur zu verständlich gewesen wäre –: «Jetzt reiss Dich mal zusammen, Mann!» Die Lakonie der Hauptfigur ist ja eine hochkünstliche, sorgsam gepflegte – der Driver wird nicht konfrontiert oder befragt; er muss nicht reden. Eine aktivere Mulligan hätte diese inszenierte Schweigsamkeit verpfuscht. So aber kreiert Refn eine ikonische Filmfigur – der Driver gesellt sich zu Eastwood alias William Munny («Unforgiven») und zum «Clockwork Orange»-Alex.
Schmid: Wobei das britische Uhrwerk durch das amerikanische Räderwerk ersetzt wird und die sinnentleerte Systemgewalt zur Gewaltorgie des Glücksritters mutiert. Ist «Drive» Kult, gerade weil sich Amerika seit Eastwoods Zeiten wenig verändert hat?
Schöpfer: Eben nicht. Bei Eastwood wars noch Pose, jetzt ist es bittere Determination.
Schmid: Mein Fazit: Der Drive(r) hat Rhythmus und ist bezaubernd konfus. Aber das wars dann auch.
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(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.01.2012, 13:32 Uhr
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33 Kommentare
Ein Genialer Film mit noch genialeren Einstellungen und einer kaum zu übertreffenden Spannung und da kommen 2 Kritiker die sich darüber aufregen, dass keine starken Frauen vorhanden sind und der Hauptdarsteller dumm wirkt.... Vielleicht schaut ihr euch nächstes Mal einfach einen Film der von starken Frauen handelt an. Antworten
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