Kann Hollywood diesen Krieg gewinnen?

Von Florian Keller. Aktualisiert am 17.03.2010 2 Kommentare

Nach den sechs Oscars für «The Hurt Locker» kommt mit «Green Zone» der nächste Film über amerikanische Soldaten im Irak. Das Actionkino soll den Bann des kommerziellen Misserfolgs brechen, der bisher alle Filme über den Irak-Krieg verfolgt.

«Green Zone» ist frenetisch und plakativ politisch. Matt Damon (rechts) spielt einen Soldaten, der im Irak nach Massenvernichtungswaffen sucht.

«Green Zone» ist frenetisch und plakativ politisch. Matt Damon (rechts) spielt einen Soldaten, der im Irak nach Massenvernichtungswaffen sucht.
Bild: PD

Ein Kriegsfilm kommt in die Kaserne: Ein Trupp junger US-Soldaten sitzt in einem Ausbildungscamp im Kino; der Film, den sie gezeigt bekommen, ist Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now». Ihre Augen leuchten, und als Robert Duvall in der berühmtesten Szene des Films zu den Fanfaren von Wagners Walkürenritt einen Luftangriff startet, bei dem seine Männer ein vietnamesisches Bauerndorf auslöschen, johlen die Soldaten im Kino begeistert wie eine Horde von Hooligans. Der grosse Antikriegsfilm von 1979 erfüllt hier einen Zweck, für den er nie vorgesehen war: 1990, eine Generation nach Vietnam, dient er den Soldaten als Motivationsspritze für den Einmarsch in den Irak und die Operation Wüstensturm.

Die Episode stammt aus dem Film «Jarhead» von Sam Mendes, und sie zeigt das Dilemma, das zwangsläufig in jedem Kriegsfilm lauert. Das Kino kann nach allen Regeln der Kunst einen Krieg verurteilen; aber kein Film gegen den Krieg kommt ohne Bilder aus, die von der Faszination erzählen, die der Krieg ausübt. Die Szene aus «Jarhead» ist darum so bestechend, weil Regisseur Mendes hier das Genre, dem auch sein Film angehört, grundsätzlich infrage stellt: Kann das Kino überhaupt Bilder gegen den Krieg liefern, wenn sich diese Bilder in ein Aufputschmittel für die Truppen verwandeln, sobald der Film in einer Kaserne gezeigt wird?

Der Krieg als Droge

Als vor einer Woche die Oscars vergeben wurden, schienen solche Fragen niemanden mehr zu kümmern. «The Hurt Locker», das mit sechs Oscars ausgezeichnete Bombendrama von Kathryn Bigelow, ist kein Film, der die Bildwelt des Kriegs hinterfragt oder gar die politische Legitimation des Konflikts durchleuchten will, von dem er erzählt. Bigelow will unter die Haut gehen, sie will die hormonellen Schübe in der Todeszone unmittelbar spürbar machen und vor allem dem Suchtverhalten auf den Grund gehen, das junge Männer immer wieder zurück in den Kampf treibt, um ihr Leben aufs Spiel zu setzen. «Der Krieg ist eine Droge», zitiert der Film gleich zu Beginn den Journalisten Chris Hedges, und in den folgenden zwei Stunden lässt «The Hurt Locker» keine Gelegenheit aus, um uns dieses Motto regelrecht einzubläuen.

Der Krieg im Irak geistert nun seit einigen Jahren durch das amerikanische Kino. Und mit jedem neuen Film, der den Krieg erzählerisch zu fassen versucht, wächst die Hoffnung auf ein Meisterwerk, das für das amerikanische Fiasko im Irak eine ähnlich gültige Form finden würde wie es Filme wie «Apocalypse Now» oder «The Deer Hunter» für die Generation des Vietnamkriegs geleistet hatten. Da könnte man den Triumph, den «The Hurt Locker» bei den Oscars feierte, auch ganz pragmatisch deuten: Hollywood mochte einfach nicht mehr länger warten auf diesen grossen, definitiven Film über den Krieg im Irak – und hat eben «The Hurt Locker» mit der geballten Macht von sechs Oscars zum Statthalter ernannt.

«Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen»

Es ist kein Zufall, dass von allen amerikanischen Spielfilmen, die in den letzten Jahren auf so unterschiedliche Weise den Krieg im Irak aufgegriffen haben, ausgerechnet «The Hurt Locker» von der Kritik fast ausnahmslos bejubelt und bei den Oscars geadelt wurde. Das ist ein Film, der jenseits politischer Fronten steht. Bigelow zeigt den Krieg als Arbeit, und manchmal kommt es einem vor, als habe sie das futuristische Manifest verfilmt: «Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.» Das könnte auch als Motto für «The Hurt Locker» stehen.

Der Irak ist hier nur noch der gefährliche, staubige Schauplatz für eine Studie jener amerikanischen Draufgänger, die sich im Feindesland furchtlos ans Entschärfen einer Bombe machen, aber überfordert sind, wenn sie daheim vor dem Regal mit verschiedenen Cornflakes-Sorten stehen. Traumatischer als der Krieg ist die amerikanische Konsumwelt daheim – das ist die einzige politische Pointe in diesem Film. Bigelow hat keine These zum Krieg, sie hat keine Botschaft und ergreift Partei nur für diese Soldaten, die ihrem lebensgefährlichen Handwerk nachgehen. Das Berufsethos bleibt unangetastet.

Ganz anders nun der britische Regisseur Paul Greengrass («The Bourne Ultimatum»). Gegen den Authentizitätsanspruch eines Films wie «The Hurt Locker» bringt er die spekulative Fiktion in Stellung. Sein neuer Film «Green Zone» ist ein Reisser mit einer Botschaft – laut, frenetisch und plakativ politisch. Es geht um Machtkämpfe zwischen einem alten Fuchs vom Pentagon und einem Abgesandten der US-Regierung, der unverkennbar Paul Bremer nachempfunden ist, dem Chef der Übergangsverwaltung in Bagdad. Am Ende triumphiert eine typische Hollywood-Heldenfantasie: Ein guter amerikanischer Soldat bringt im Alleingang die unbequeme Wahrheit über den Krieg ans Licht.

Für die Multiplexe hochgerüstet

Wie «The Hurt Locker» stammen auch die ruppigen, ausgebleichten Bilder in «Green Zone» vom britischen Kameramann Barry Ackroyd. Und wie bei «The Hurt Locker» geht auch hier das Drehbuch auf die Arbeit eines Journalisten zurück. Im Fall von «Green Zone» ist das der US-Reporter Rajiv Chandrasekaran, der in seinem preisgekrönten Sachbuch «Imperial Life in the Emerald City» das Versagen der von Washington eingesetzten Übergangsverwaltung im Irak schildert. Den Dokumentarfilm zum Thema gibt es schon, er heisst «No End in Sight». Nun hat der Drehbuchautor Brian Helgeland («L.A. Confidential») die Reportage aus Bagdad zum Thriller für die Multiplexe hochgerüstet; und Greengrass hat dieses Szenario der Unübersichtlichkeit in seinem typisch frenetischen Puls umgesetzt.

Vom trockenen Ton des Buchs bleibt nichts übrig, denn die Mission ist klar: Greengrass will mit den Mitteln des Actionkinos den Bann des kommerziellen Misserfolgs brechen, der sämtliche Filme über den Irak-Krieg verfolgt. Dazu sucht er den Brückenschlag zwischen seinen smarten Bourne-Blockbustern und dem politischen Kino, mit dem er sich mit «Bloody Sunday» einst einen Namen gemacht hatte. Als Einstiegshilfe nimmt er Matt Damon, seinen Helden aus den Bourne-Filmen, gleich mit in die Besatzungszone. Damon spielt einen Soldaten, der im Irak nach Massenvernichtungswaffen sucht. Und es ist gewiss kein Spoiler, wenn wir hier verraten, dass er jedes Mal mit leeren Händen zurückkommt.

Lieber Alice im Wunderland als Soldaten im Morgenland

Im Kino gibt es dafür einen Namen: MacGuffin. Nach Hitchcock ist ein MacGuffin ein Ding, das als Auslöser für den Plot dient und die Handlung vorantreibt, aber an sich völlig bedeutungslos bleibt. Der Philosoph Slavoj Ziek hat vor sieben Jahren darauf hingewiesen, dass die Bush-Regierung den Einmarsch im Irak nach demselben Prinzip vorbereitet hatte: Die Drohkulisse mit irakischen Massenvernichtungswaffen funktionierte als perfekter MacGuffin, um den Kriegsplot in Gang zu setzen. Vielleicht einer der Gründe, weshalb das amerikanische Kino bislang so hilflos auf diesen Krieg reagiert hat: Es musste sich in der Industrie der Fiktionen von Washington übertrumpfen lassen.

Das war auch die Zeit, als ein wütender Michael Moore bei den Oscars seine Worte in den Saal schleuderte: «Wir leben in einer Zeit, in der wir einen Mann haben, der uns aus erfundenen Gründen in den Krieg schickt.» Sieben Jahre hat es gedauert, bis Hollywood diese «erfundenen Gründe» zum Thema eines Films gemacht hat. «Green Zone» ist der erste Spielfilm, der an den MacGuffin dieses Kriegs erinnert. Ersten Publikumszahlen zufolge geht die Rechnung nicht auf: In den US-Kinos will das Publikum lieber «Alice im Wunderland» sehen als Soldaten im Morgenland.

Bleibt die Frage: Mit welchem Film wird sich die nächste Generation amerikanischer Soldaten für ihre Kriege aufputschen? Immer noch mit «Apocalypse Now» oder mit «The Hurt Locker»? Man möchte es lieber nicht so genau wissen.

«Green Zone» läuft in Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, ABC und Arena. «The Hurt Locker» läuft weiterhin in Zürich im Kino Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 06:51 Uhr

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2 Kommentare

Thomas Müller

17.03.2010, 08:05 Uhr
Melden

Doch, es gibt einen Antikriegsfilm, der ohne (bzw. fast ohne) die Kriegsheroisierung auskommt: Dalton Trumbo: Johnny Got His Gun! Antworten


Roberto Martinez

17.03.2010, 12:32 Uhr
Melden

"Coming Home" von Hal Ashby kommt gänzlich ohne Kriegsbilder aus. Antworten



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