Im Kokon der Gleichgültigkeit

Romantisch, tragisch, traumhaft gut: Das Spielfilmdebüt «A Single Man» von Modedesigner Tom Ford ist von erlesener Melancholie.

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Zuerst ist da vor allem Braun und Grau. Später wird einem vor lauter Technicolor-Buntheit fast schwindlig. Ja, die Farben sind ein entscheidendes Stilmittel in «A Single Man». Was Wunder, wir befinden uns im Spielfilmdebüt des ehemaligen «Gucci»-Designers Tom Ford. Unschwer zu erkennen: Der modische Anstrich widerspiegelt den emotionalen Zustand eines Mannes, der sich in einem gesellschaftlichen Kokon von erschütternder Gleichgültigkeit verfangen hat.

Die Geschichte spielt in Kalifornien 1962: George Falconer (Colin Firth), ein aus England eingewanderter Literaturdozent, geht einem scheinbar geregelten Leben nach. Doch die Fassade trügt. Vor acht Monaten kam sein langjähriger Liebhaber Jim (Matthew Goode) bei einem Autounfall ums Leben. An der Beerdigung war George unerwünscht. Was bleibt, sind Leere, Verzweiflung und plötzlich ein Plan, den der 52-Jährige klaren Auges verfolgt.

Mit geschärften Sinnen

«A Single Man», basierend auf dem gleichnamigen Buch von Christopher Isherwood, ist nach Art eines klassischen Stationendramas gebaut: Wir folgen George, der mit geschärften Sinnen für die Schönheiten dieser Welt letzte Vorbereitungen für seinen unangekündigten Abgang trifft. Von Weinerlichkeit ist da nichts zu spüren. Im Gegenteil. Mit stoischer Miene leert George Schreibtisch und Banksafe, verfasst Abschiedsbriefe, bedenkt seine Haushälterin mit ein paar hundert Dollar und trinkt ein letztes Glas Gin mit seiner langjährigen Freundin und Ex-Geliebten Charley (Julianne Moore), die ihre Einsamkeit mit Alkohol, Make-up und exzentrischem Selbstmitleid übertüncht.

Mit eleganter Beiläufigkeit

Der Film selbst hat mit geschmäcklerischem Geplänkel nichts am Hut. Stattdessen kommt er mit eleganter Beiläufigkeit auf existenzielle Themen zu sprechen. Das Faszinierende dabei: Je mehr George seine Gefühle und Neigungen verwischt, desto stärker drückt die Isolation durch.

Solche Radikalität und Entschlossenheit hätte man Stardesigner Tom Ford nicht zugetraut. Doch mit Co-Drehbuchautor David Scearce hat er zudem auch den Zeitgeist der Sechzigerjahre getroffen: Als George ein letztes Mal vor seine Klasse tritt, um über den Schriftsteller Aldous Huxley («Brave New World») zu sprechen, streift er das Thema Angst. Später, im Gespräch mit einem Studenten, konstatiert er, wie erbärmlich es sei, dass die amerikanische Mittelschicht vor einem sowjetischen Atomschlag zittere. Er selbst würde sich vor allem um Einbussen der Lebensqualität sorgen. So ist «A Single Man» weniger nostalgische Rückschau als vielmehr präzise Momentaufnahme einer Gesellschaft, die Abweichler ausgrenzt. Trotzdem: George hätte Perspektiven. An seinem letzten Tag begegnet er mehreren begehrenswerten Männern, eine Zukunft scheint denkbar. Einmal räkelt sich ein Latino-Beau mit James Dean-Frisur bei Sonnenuntergang derart lasziv vor einem überdimensionalen Werbeplakat, dass man meint, Pedro Almodovar und Alfred Hitchcock hätten sich zu einem filmischen Tête-à-tête getroffen. Doch das Ende naht – und es kommt anders als man denkt in diesem wunderbar romantischen Film über die Einsamkeit.

Dass «A Single Man» so gut funktioniert, ist auch Hauptdarsteller Colin Firth zu verdanken. Der 49-jährige Brite, der in Filmen wie «Mamma Mia!» oder «Bridget Jones» stets eine Spur zu unterkühlt wirkt, lässt hier unter der Maske der Wohlanständigkeit eine schier unerträgliche Trauer durchschimmern. Der verdiente Lohn:?Eine Oscarnomination. Und dank Firth ist «A Single Man» schon jetzt einer der ergreifendsten Filme des Jahres. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2010, 13:16 Uhr

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