Kultur

Hippie-Hymnen fürs Radio auf hoher See

Hat man Töne? «The Boat That Rocked» sticht als schmissige Geschichte über ein englisches Piratenradio in See. Doch Richard Curtis schwelgt so lange im Sixties-Feeling, bis sein Film auf Grund läuft.

Rockender Radiobesitzer: Quentin (Bill Nighy) lässt es in «The Boat That Rocked» ordentlich krachen.

Rockender Radiobesitzer: Quentin (Bill Nighy) lässt es in «The Boat That Rocked» ordentlich krachen. (Bild: zvg)

Das waren noch jugendfeindliche Zeiten: 1966 stehen die Beatles, die Rolling Stones und die Kinks an der Spitze der englischen Charts. Doch im staatlichen Radio werden ihre Songs ignoriert. Die BBC sendet pro Tag maximal eine Dreiviertelstunde «zeitgenössische Musik». Kein Wunder, dass die Popkultur anderswo ihre Blüten trieb – auf hoher See.

In «The Boat That Rocked» biegt Richard Curtis die leicht verfremdete Geschichte des ersten englischen Piratensenders Radio Coraline zur Sixties-Lehrstunde mit Hippiechic um. Im Film heisst das Anschauungsobjekt Radio Rock, das Unterrichtsmaterial besteht aus Kajütensex, Drugs und Kisten voll Rock’n’Roll. Regelmässig geht auch ein Schiff voller Groupies an Bord. Der Mädchenverschleiss wirkt für heutige Verhältnisse aber eher befremdend.

Radio-DJs werden Stars

Mit Piratensendern, die ausserhalb der britischen Hoheitsgewässer segelten, hatten Radio-DJs in den Sixties die Insel mit rockigen Herzensangelegenheiten beschallt. Die Fans zahlten es ihnen mit kulthafter Verehrung zurück. Moderatoren wie John Peel (Radio Big L) oder Johnnie Walker (Radio Coraline) stiegen selbst zu Popgrössen auf. Bald hatte auch das übrige Europa die Radiopiraterie kopiert. Nur in der Schweiz dauerte es, wie üblich, etwas länger. Erst 1979 begann Roger Schawinskis Radio 24 vom italienischen Pizzo Groppera zu senden. Unvergessen bleiben der Aufruhr und die Demonstrationen, als der Bund Schawinskis Popsender zu stoppen versuchte.

Nun hat sich der gebürtige Neuseeländer Richard Curtis, weder Historiker noch Radioexperte, des viel versprechenden «Robin Hood»-Stoffes angenommen. Der 52-Jährige gilt als ungekrönter König der romantischen Komödie und des Slapsticks. Er schrieb die Drehbücher zu «Four Weddings and a Funeral», «Bridget Jones», «Notting Hill» und entwickelte mit Rowan Atkinson die Figur des Mr. Bean. Sein Regiedebüt gab Curtis 2003 mit «Love, Actually».

Gut sechzig Songs hat Curtis für sein Herzensprojekt ausgewählt, ohne sich strikt ans Jahr 1966 zu halten. So lässt sichs auch zu David Bowies «Let’s Dance» (1983) trefflich schunkeln. Punkto Lebensgefühl ist die schwimmende DJ-Kommune damit auf Kurs, auch dank spielfreudiger Saftwurzeln wie Philip Seymour Hoffman («Doubt», «Capote»), Bill Nighy («Pirates of the Caribbean») oder Rhys Ifans («Notting Hill»).

Gefangen in der Coolness

Nur: Da liegt auch das Problem des Films. Je länger die Schiffsparty dauert, desto mehr verwässert der Inhalt. Die Geschichte um einen von der Schule geschmissenen Jüngling (Tom Sturridge), der ausgerechnet auf dem Schiff seines Göttis Vernunft annehmen soll, kommt nie richtig in die Gänge. Umso heftiger feuern die DJs mit Songs und Worthülsen um sich, bis man sich in einem Coolnessmarathon wähnt. Jeder ist jederzeit so überdreht, dass ruhigere Subplots wie eine Vater-Sohn-Geschichte und eine unglückliche Heirat vergebens auf günstigen Wind warten.

Auch der staatliche Feind bleibt berechenbar: Der hyperkonservative Minister (Kenneth Branagh), der seinen Untergebenen (Jack Davenport) nach Gesetzeslücken spähen lässt, um den Störsender abzustellen, ist ein Running Gag ohne Gag. Echte Gegenspieler sehen anders aus. Und als dem Schiff doch noch akutes Ungemach droht, ist jede Glaubwürdigkeit längst auf Grund gelaufen. Da hilft alles Rumkaspern nichts. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2009, 10:23 Uhr

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