Kultur

Heiter im Angesicht des Alters

Eine Komödie über das Altern – geht das? «Giulias Verschwinden», geschrieben von Bestsellerautor Martin Suter, funktioniert tatsächlich. Als Ensemblestück mit brillanten Dialogen.

1/9 print_still1.jpg

   

Wo bleibt sie bloss? Giulia (Corinna Harfouch) hat ihre engsten Freunde zum 50. Geburtstag ins Restaurant eingeladen. Doch die Gästeschar wartet und wartet. Der Grund: Giulia hat im Bus und später im Kleidergeschäft erschreckt festgestellt, dass sie für ihre Umwelt unsichtbar geworden ist: Keine Blicke, keine Komplimente, kein Spiegelbild mehr. Gibt es etwas Schlimmeres für eine Frau?

Variationen der Verehrung

Fort ist jede Feiertagsstimmung. Und käme nicht plötzlich ein älterer Kavalier (Bruno Ganz) wie ein Deus ex Machina daher, um Giulia eine Sonnenbrille zu kaufen, sie ins Restaurant einzuladen und mit eloquenten Variationen der Verehrung zu umgarnen («Es gibt keinen Anlass, wo Sie nicht zu spät kommen dürften»), Giulias Geburtstag würde zur betrüblichen Angelegenheit. Und der Film ebenso.

Heiter und befreiend

Doch das Gegenteil ist der Fall: «Giulias Verschwinden» wirkt so befreiend, weil der Film das Thema Altern ernst nimmt und auf heitere Weise umkreist. Wer solches schafft, muss ein Meister seines Faches sein. Und Bestsellerautor Martin Suter («Lila, Lila») ist so ein Meister. Das Drehbuch hatte er in den Neunzigerjahren für seinen Freund und Stammregisseur Daniel Schmid («Beresina») geschrieben. Doch Schmid starb, das Drehbuch blieb liegen, und es dauerte lange, bis Produzent Marcel Hoehn («Die Schweizermacher») den Stoff Regisseur Christoph Schaub anbot.

Herzen der Grossstadt

Eine naheliegende Wahl: Schaub hatte zuletzt «Happy New Year» (2008) gedreht, einen Episodenfilm, der ebenfalls nachts spielt und von einsamen Herzen in der Grossstadt erzählt, die vor einem «Stichdatum» zittern. Das ist quasi eine Blaupause von «Giulias Verschwinden», mit dem Unterschied, dass die Kopie – der ungleich biederere Film «Happy New Year» – zuerst in die Kinos kam.

Ganz anders «Giulias Verschwinden»: Selten sah man am diesjährigen Filmfestival Locarno strahlendere Gesichter. Selten entpuppten sich Vergänglichkeiten erfrischender als in diesem filmischen Jungbrunnen.

Mit Worten und Torten

Angelegt ist «Giulias Verschwinden» als Ensemblestück für verschiedene Altersstufen: Da ist die erwähnte Tischrunde (u.a. mit Stefan Kurt, Sunnyi Melles), die als trinkfester griechischer Chor vor Botticellis «Geburt der Venus» über Vergesslichkeiten, Käseunverträglichkeiten und sonstige Gebrechen im Alter frotzelt. Da ist eine Altersheim-Insassin, die ihren 80.Geburtstag mit Worten und Torten torpediert und ihre allzu verständnisvolle Tochter brüskiert («Helen ist 49. Und seit zwanzig Jahren benimmt sie sich wie 80.»). Und da sind zwei Backfische, die zum 18.Geburtstag ihres Schwarms ein Paar goldene Turnschuhe klauen – dieselben Turnschuhe übrigens, die ein älteres Mitglied der Tischrunde als jugendliches Trendaccessoire trägt.

Leicht und luftig

Hin und her geht das, zwischen Spiegeln und Bildern. Doch was in einem herkömmlichen Schweizer Film als konzentrierte Schwermut daherkäme, bleibt in «Giulias Verschwinden» leicht und luftig – dank stimmigen Charakteren, traumwandlerisch beiläufigem Spiel (Harfouch, Ganz) und Suters Dialogen. Letztere sind mal originell («Vögeln ist wie Altersturnen. Man muss aufpassen, dass man keinen Krampf bekommt»), mal luzide («Wir sind eine dezimale Spezies. Wir lassen uns von Nullen beeindrucken, nicht von Zahlen.»), mal nachdenklich («Jeder Geburtstag ist ein Triumph. Über alle, die jung gestorben sind.»). Aber immer so, dass man mehr davon möchte. Und auch mehr davon bekommt. Denn je länger im Restaurant getrunken wird, desto intensiver schwirren und schwanken die Gedanken über die eigene Vergänglichkeit. Fast wie im richtigen Leben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.10.2009, 15:52 Uhr

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

26. Januar 2012- 01. Februar 2012

1.1Intouchables64'262
2.neuThe Descendants18'860
3.2The Girl With The Dragon Tattoo16'439
4.44Jack And Jill16'133
5.32Man On A Ledge13'482
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

23.Januar 2012 - 29.Januar 2012

1.1Aleph, Paulo Coelho
2.2Jacob beschließt zu lieben, Catalin D. Florescu
3.3Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
4. NEUSündige Gier, Sandra Brown
5.4Rütlischwur, Michael Theurillat
Mehr