Kultur
Heiter im Angesicht des Alters
Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 18.10.2009
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Wo bleibt sie bloss? Giulia (Corinna Harfouch) hat ihre engsten Freunde zum 50. Geburtstag ins Restaurant eingeladen. Doch die Gästeschar wartet und wartet. Der Grund: Giulia hat im Bus und später im Kleidergeschäft erschreckt festgestellt, dass sie für ihre Umwelt unsichtbar geworden ist: Keine Blicke, keine Komplimente, kein Spiegelbild mehr. Gibt es etwas Schlimmeres für eine Frau?
Variationen der Verehrung
Fort ist jede Feiertagsstimmung. Und käme nicht plötzlich ein älterer Kavalier (Bruno Ganz) wie ein Deus ex Machina daher, um Giulia eine Sonnenbrille zu kaufen, sie ins Restaurant einzuladen und mit eloquenten Variationen der Verehrung zu umgarnen («Es gibt keinen Anlass, wo Sie nicht zu spät kommen dürften»), Giulias Geburtstag würde zur betrüblichen Angelegenheit. Und der Film ebenso.
Heiter und befreiend
Doch das Gegenteil ist der Fall: «Giulias Verschwinden» wirkt so befreiend, weil der Film das Thema Altern ernst nimmt und auf heitere Weise umkreist. Wer solches schafft, muss ein Meister seines Faches sein. Und Bestsellerautor Martin Suter («Lila, Lila») ist so ein Meister. Das Drehbuch hatte er in den Neunzigerjahren für seinen Freund und Stammregisseur Daniel Schmid («Beresina») geschrieben. Doch Schmid starb, das Drehbuch blieb liegen, und es dauerte lange, bis Produzent Marcel Hoehn («Die Schweizermacher») den Stoff Regisseur Christoph Schaub anbot.
Herzen der Grossstadt
Eine naheliegende Wahl: Schaub hatte zuletzt «Happy New Year» (2008) gedreht, einen Episodenfilm, der ebenfalls nachts spielt und von einsamen Herzen in der Grossstadt erzählt, die vor einem «Stichdatum» zittern. Das ist quasi eine Blaupause von «Giulias Verschwinden», mit dem Unterschied, dass die Kopie – der ungleich biederere Film «Happy New Year» – zuerst in die Kinos kam.
Ganz anders «Giulias Verschwinden»: Selten sah man am diesjährigen Filmfestival Locarno strahlendere Gesichter. Selten entpuppten sich Vergänglichkeiten erfrischender als in diesem filmischen Jungbrunnen.
Mit Worten und Torten
Angelegt ist «Giulias Verschwinden» als Ensemblestück für verschiedene Altersstufen: Da ist die erwähnte Tischrunde (u.a. mit Stefan Kurt, Sunnyi Melles), die als trinkfester griechischer Chor vor Botticellis «Geburt der Venus» über Vergesslichkeiten, Käseunverträglichkeiten und sonstige Gebrechen im Alter frotzelt. Da ist eine Altersheim-Insassin, die ihren 80.Geburtstag mit Worten und Torten torpediert und ihre allzu verständnisvolle Tochter brüskiert («Helen ist 49. Und seit zwanzig Jahren benimmt sie sich wie 80.»). Und da sind zwei Backfische, die zum 18.Geburtstag ihres Schwarms ein Paar goldene Turnschuhe klauen – dieselben Turnschuhe übrigens, die ein älteres Mitglied der Tischrunde als jugendliches Trendaccessoire trägt.
Leicht und luftig
Hin und her geht das, zwischen Spiegeln und Bildern. Doch was in einem herkömmlichen Schweizer Film als konzentrierte Schwermut daherkäme, bleibt in «Giulias Verschwinden» leicht und luftig – dank stimmigen Charakteren, traumwandlerisch beiläufigem Spiel (Harfouch, Ganz) und Suters Dialogen. Letztere sind mal originell («Vögeln ist wie Altersturnen. Man muss aufpassen, dass man keinen Krampf bekommt»), mal luzide («Wir sind eine dezimale Spezies. Wir lassen uns von Nullen beeindrucken, nicht von Zahlen.»), mal nachdenklich («Jeder Geburtstag ist ein Triumph. Über alle, die jung gestorben sind.»). Aber immer so, dass man mehr davon möchte. Und auch mehr davon bekommt. Denn je länger im Restaurant getrunken wird, desto intensiver schwirren und schwanken die Gedanken über die eigene Vergänglichkeit. Fast wie im richtigen Leben. (Berner Zeitung)
Erstellt: 18.10.2009, 15:52 Uhr





