Heisse Hetzjagd durch den Vatikan
Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 07.05.2009
Fiebrige Suche: Findet Tom Hanks (Mitte) die Antimateriebombe? Oder einen entführten Kardinal?
Das Cern und die Antimaterie
Was ist Antimaterie? Und kann man daraus eine Bombe bauen? Cern-Mitarbeiter Hanspeter Beck von der Uni Bern weiss es. Wenns in «Illuminati – Angels & Demons» blitzt und zischt im Teilchenbeschleuniger, reagiert man bei Cern in Genf mit einem Schmunzeln. Wohlwollendem Schmunzeln. «Antimaterie kann man weder sehen noch hören», sagt Physiker Hanspeter Beck von der Universität Bern, der bei Cern an einem Grossprojekt beteiligt ist. Zudem sei Antimaterie keine Energiequelle, wie im Film mehrfach behauptet wird. «Es braucht mehr Energie, um Antimaterie herzustellen, als diese letztlich wieder abgeben kann.»
Ansonsten ist man im Kernforschungszentrum jedoch rundum zufrieden mit der eigenen Darstellung im Film. Und münzt das clever in Publizität in eigener Sache um. So wird in den nächsten Tagen eine speziell auf den «Illuminati»-Film zugeschnittene Ausstellung im Cern-Besucherzentrum eröffnet. Und in Bern und Zürich werden dem Publikum an so genannten «Lecture Nights» wissenschaftliche Zusammenhänge nähergebracht.
Teamwork, ganz praktisch
Kernforschende Einzelkämpfer im Elfenbeinturm? Nicht bei Cern. Hier steht der Teamgedanke im Vordergrund. Und das Verständnis, dass ein Hollywood-Filmregisseur wie Ron Howard sein Augenmerk naturgemäss auf Dinge legt, die «riesig und sexy» sind. Auch wenn das im Detail nicht ganz stimmt. So entsteht zwar im 27 Kilometer umfassenden Teilchenbeschleuniger tatsächlich Antimaterie. Aber «gesammelt» werden (wie im Film zu sehen ist) kann sie dort nicht. Das ist nur im sogenannten Antiproton Decelerator möglich, der Antiprotonen verlangsamt und schliesslich mit Antielektronen zusammenbringt. So entstehen Antiwasserstoffatome, die künftig auch gesammelt werden sollen.
Die Bombe, theoretisch
Bleibt die Frage: Lässt sich mit solcher Antimaterie eine gefährliche Bombe bauen, wie im Buch und im Film suggeriert wird? «Im Prinzip ja», sagt Hanspeter Beck. Und schmunzelt. «Allerdings müssten wir dafür 200 Millionen Jahre Zeit haben, um die benötigte Menge zusammenzukriegen.»
Ausstellung zum Film «Illuminati – Angels & Demons» im Cern, Genf. Ab 16 Mai. «Lecture Night» zum Thema «Cern und Antimaterie» an der Uni Bern: voraussichtlich zwischen 18. und 23.Mai.>
Zuspätkommen liegt bei diesem Film nicht drin. Schon in den ersten Minuten fliegen Lichtblitze aus dem Teilchenbeschleuniger am Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf. Ein Physiker jubelt: «Abbiamo l’antimateria» («Wir haben die Antimaterie»). Wenig später liegt er mit herausgerissenem Auge in seinem eigenen Blut.
Höllisches Auftaktfurioso
«Illuminati – Angels & Demons» lässt ein höllisches Auftaktfurioso vom Stapel. Und das Beste: Mit dem Cern ist die Schweiz endlich wieder mal Schauplatz in einem grossen Hollywoodfilm. Jedenfalls auf der Leinwand. Dreharbeiten fanden in Genf keine statt. Einzelaufnahmen für digitale Bildkompositionen mussten genügen. Egal. Wir sind das Cern. Wenn auch nur für ein paar Minuten.
Die Bestsellerverfilmung «Illuminati – Angels & Demons» von Ron Howard legt von Beginn weg ein mörderisches Tempo vor, handelt die ersten 170 Seiten aus Dan Browns Megaseller in knapp fünf Minuten ab. Trotzdem fehlt dem Film – im Gegensatz zum Vorgänger «The Da Vinci Code» – nichts. Im Zentrum der «Illuminati»-Adaption steht die Vatikanstadt. Und auch da wird erst mal gestorben. Als der amerikanische Symbologe Robert Langdon (Tom Hanks) in die Heilige Stadt eingeflogen wird, ist der Papst tot, vier favorisierte Nachfolger werden stündlich umgebracht und gebrandmarkt. Und irgendwo tickt, frisch aus dem Cern gestohlen, eine Antimateriebombe.
Bloss gut, dass Langdon zusammen mit der Tochter des ermordeten Cern-Physikers (Ayelet Zurer) blitzschnell herausfindet, wo die Racheakte des angeblichen Geheimbundes der Illuminaten stattfinden sollen – auf vier «Altären der Wissenschaft», die quer über Rom verteilt sind.
Viel Buchballast gestrichen
Doch die Zeit drängt. Das Konklave (Papstwahl) in der Peterskirche hat bereits begonnen, der Gefahrenpegel steigt, die Illuminaten sind überall und nirgends. Den Drehbuchautoren Akiva Goldsman («The Da Vinci Code») und David Koepp («Spider-Man») gelingt dabei das Kunststück, zentrale Passagen des Buches radikal umzuformen, wichtige Figuren und Konflikte zu streichen und die peinliche Flugstunde Langdons am Romanende ebenfalls über Bord zu kippen. Trotzdem bleibt nebst der konstanten Grundspannung die Essenz des Buches erhalten.
Topstars top besetzt
«Illuminati – Angels&Demons» funktioniert als grosser Showdown zwischen Wissenschaft und Religion. Tom Hanks, der in «Da Vinci Code» mit öligem Langhaar tranig daherschwafelte, platzt hier fast vor Tatkraft, Schalk und Emotionen. Und auch die Co-Stars sind exzellent besetzt: Ewan McGregor gibt den salbungsvollen Camerlengo (Papst-Stellvertreter), Armin Müller-Stahl einen umsichtigen Kardinal. Und ja, die Schweiz hat im Vatikan auch eine Nebenrolle – allerdings nur sprachlicher Natur. Ein Schweizergardist ist einmal kurz in einwandfreiem Dialekt zu hören. Allerdings mit typisch amerikanischem Fehler: Eine «Batterie» wird bei «Illuminati – Angels&Demons» versehentlich zur «Batterei». Das ist dann aber schon der grösste Makel.
760 Millionen Dollar spielte der Vorgänger «The Da Vinci Code» weltweit ein, 620000 Zuschauer sahen sich den Film in der Schweiz an. Diese Zahlen dürfte «Illuminati» nicht ganz erreichen, zumal dem Film der werbewirksame Protest aus dem Vatikan bislang versagt blieb. Trotzdem: Im direkten Vergleich mit dem kreuzbrav erzählten «Da Vinci Code» ist «Illuminati» geradezu überirdisch gute Unterhaltung.
Der Film läuft ab Mittwoch, 13. Mai, im Kino.> (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.05.2009, 10:01 Uhr
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