Hat Kate Winslet ihren Oscar verdient?
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 05.03.2009
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Film
«The Reader» von Stephen Daldry mit Kate Winslet und Ralph Fiennes läuft ab dem 5.3. in Schweizer Kinos.
Kate Winslet in «The Reader»
Verharmlost «The Reader» Nazi-Gräueltaten? Oder handelt der Film gar nicht vom Holocaust, sondern von der Generation, die in seinem Schatten aufwuchs? Es trifft wohl beides zu – wie schon bei der Romanvorlage aus dem Jahr 1995. Wirklich aufregend an der Schlink-Verfilmung ist sowieso etwas anderes: Kate Winslet.
Winslet spielt die 40-jährige Hanna Schmitz, die im Nachkriegsdeutschland mit dem Teenager Michael eine Affäre beginnt. Die Tram-Kontrolleurin besteht darauf, dass ihr Michael vor jedem Liebesakt vorliest. Eines Tages ist Hanna spurlos verschwunden. Jahre später taucht sie wieder auf – als Angeklagte in einem Nazi-Prozess, bei dem Michael als Jura-Student zugegen ist. Hanna wird zu lebenslänglich verurteilt, was sie hätte abwenden können, wenn sie ihr Geheimnis preisgegeben hätte: Sie kann nicht lesen und schreiben. Zuletzt sehen wir eine grauhaarige Hanna, wie sie sich in ihrer Zelle Lesen und Schreiben beibringt.
Winslets schauspielerische Leistung ist nicht die äusserliche Wandlung Schmitz' (solche Effekthaschereien überlässt sie Brad Pitt als «Benjamin Button»). Grossartig ist, wie sie eine Innenansicht von jemandem zeigt, der, wie Hanna, eigentlich gar nichts von sich preisgeben will. Winslet macht so aus einem Rätsel einen Menschen. Das schauspielerische Mittel, das sie dafür einsetzt, passt perfekt zur Figur der Hanna Schmitz: Schweigende Blicke, mit einer Aussagekraft, die Dialoge überflüssig macht.
Zu gut für Holocaust-Drama
Dass Winslet mit ihren Augen mehr zu sagen vermag, als andere Schauspielerinnen mit der Zunge ist – neben der besorgt gerunzelten Stirn – ihr Markenzeichen geworden. In «The Reader» (sowie in «Revolutionary Road», wo sie noch besser ist) bringt sie diese Kunst zur Vollendung. In den Blicken, die sie ihrem jungen Liebhaber zuwirft, spiegeln sich abwechselnd Lust, Selbsthass und Lebensmüdigkeit. Zum Zeitpunkt des Gerichtsprozesses weichen diese stillen Botschaften einem fast unerträglichem Starren. In ihm zeigt sich das Unverständnis der KZ-Aufseherin, die Täterin und Opfer zugleich ist.
Kommt Winslet ein Wort über die Lippen, ist es häufig «Kid». So nennt Hanna Schmitz ihren jungen Liebhaber. Indem die Schauspielerin das Wort gleichzeitig zärtlich und brüsk ausspricht, gelingt ihr das Kunststück, die Zerrissenheit ihrer Filmfigur mit drei Buchstaben zu vermitteln. Störend in Winslets sonst makelloser Leistung ist höchstens der deutsche Akzent (alle «Reader»-Schauspieler, auch die Deutschen, sprechen deutsch gefärbtes Englisch). Eine Konzession an Hollywood, die in ihrer Ärgerlichkeit nur noch von dem ästhetisierten Auschwitz und dem süsslichen Soundtrack übertroffen wird.
Aber eben. Der Film sei hier nicht näher besprochen. Bloss dies: Zum Glück hat Winslet ihren Oscar endlich im Trockenen. Dann muss sie in Zukunft in keinen dubiosen Holocaust-Dramen mehr mitspielen. Dafür ist sie eindeutig zu gut. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.03.2009, 15:25 Uhr
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