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Gross! Grösser! Grössenwahn?

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 16.12.2009

«Titanic» ist der erfolgreichste Film aller Zeiten. Sein Schöpfer James Cameron will jetzt dieses Meisterwerk mit der Fantasyschwarte «Avatar» noch übertreffen. Wer ist dieser Filmverrückte?

1/8 Als Avatar auf einem fremden Planeten: Jake (Sam Worthington) trifft auf die junge und schöne Ureinwohnerin Neytiri (Zoe Saldana), die ihn sofort fasziniert.
©2009 20th Century Fox

   

Natursehnsucht mittels Künstlichkeit

Ausgerechnet der gelähmte Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) soll auf dem fernen Planeten Pandora eine Militäraktion zur Ausbeutung von Bodenschätzen zum Erfolg führen. Unter Aufsicht der Wissenschaftlerin Grace Augustine (Sigourney Weaver) steuert Jake mit Gedankenkraft einen blauhäutigen Avatar – eine Kreuzung aus Mensch und Ureinwohner.

Nicht nur für Jake ist diese Wiedergeburt mit Beinen eine umwerfende Erfahrung. Auch als Zuschauer staunt man über ein filmisches Ganzkörpererlebnis: In «Avatar» gleiten Schauspieler – zu Computerfiguren umgerechnet – in selten gesehener Perfektion durch blütensatte 3D-Wunderwelten. Der Clou: Je stärker die Natursehnsucht geweckt wird, desto mehr Künstlichkeit steckt dahinter.

Auch an Filmgeschichte wird in «Avatar» nicht gespart: Jake ist eine Art blütengeschmückter «Matrix»-Auserwählter, der sich zwischen schöner Traumwelt und schäbiger Wirklichkeit entscheiden muss. In «Dances with Wolves»-Manier mutiert er von der Kriegsgurgel zum Romantiker und findet seine «Pocahontas», die hier gelbäugig ist und Neytiri (Zoe Saldana) heisst. Der anschliessende Flug der blauen Turteltauben auf einem Drachen erinnert an die romantische Bugszene von «Titanic», während rundherum eine «Starship Troopers»-würdige Schlacht zwischen guten Aliens und bösen Menschen entbrennt.

Trotz Geballer, Ballast und Pathos: Wer einmal reinfindet in diese ökologische Besserungsmär, kann sich der urtümlichen Wucht kaum entziehen. Oft ist es, als würden einem selbst emotionale Schnittstellen spriessen, wie sie die Eingeborenen zum Zeichen der Naturverbundenheit in ihren verkabelungsfähigen Haarzöpfen tragen.

Der «King of the World» ist zurück. Nachdem «Titanic» weltweit sagenhafte 1,8 Milliarden Dollar eingespielt hatte, liess sich James Cameron zwölf Jahre Zeit für einen Spielfilmnachfolger. In Popbegriffen ist das fast so lange, wie Guns N’ Roses an ihrem «Chinese Democracy»-Album herumlaborierten.

Im Unterschied zum exzessiv lebenswandelnden Musikexzentriker Axl Rose kam sich Filmexzentriker Cameron jedoch nie selbst in die Quere: «Nach ‹Titanic› tauchte ich ab», sagt der 55-jährige Kanadier bei der «Avatar»-Premiere in Berlin. Das ist wörtlich gemeint: Der Regisseur unternahm sechs Tiefseeexpeditionen, die er in Dokfilmen festhielt. «Ich erlebte real, was mir Hollywood mit Science-Fiction-Filmen nicht geben konnte.» Zudem tüftelte Cameron, der bereits 1995 eine erste «Avatar»-Fassung schrieb, an den technischen Voraussetzungen für seinen Film. Erst mit Spezialkameras und der «Performance Capture»-Technik, die Schauspieler zu Computerfiguren umrechnet, klappte es. «Ich wollte das Publikum in eine Welt führen, die es noch nie gesehen hat.»

Der Budgetsprenger

Das sind hohe Ansprüche. Aber sie passen zum Ruf, der Cameron vorauseilt: Er sei ein Perfektionist, ein Suchender mit Hang zur Feldherrenattitüde. Also doch ein kanadisches Pendant zu Axl Rose? Nein. Cameron ist noch bombastischer, noch budgetsprengender. Zur Erinnerung: Mit «Terminator 2» (1991), wo ein Bösewicht dank «Morphing»-Technik durch Türen und Wände dringt, durchbrach Cameron als erster die Schallmauer von 100 Millionen Dollar. Bei «Titanic» (1997) schwappte das Budget erstmals über 200 Millionen Dollar. Jetzt, mit «Avatar», soll die 300 Millionen-Dollar-Marke geknackt worden sein.

Der Zorn des Meisters

Ein Mann wie Cameron redet jedoch nicht über Geld. Er redet darüber, wie er traditionelle Wahrnehmungen verändern, wie er familiäre mit exotischen Stoffen verschmelzen will. Wer an seinen Worten zweifelt, kriegt sofort den Zorn des Meisters zu spüren: «What the fuck are you talking about?», bellt Cameron einen Journalisten an, der ihm unterstellt, bei «Avatar» bekannte Motive zu verwenden. Da greift er durch, der Feldherr, der schon viele seiner Schauspielerinnen an die Grenzen des Erträglichen getrieben haben soll. Kate Winslet jedenfalls schwor nach traumatischen Erlebnissen in den «Titanic»-Wassertanks, nie mehr mit Cameron zu arbeiten.

Wie aber gingen die «Avatar»-Stars mit den Ausfälligkeiten ihres Regisseurs um? Hauptdarsteller Sam Worthington sagt: «Cameron verlangt immer 100 Prozent. Ich gebe immer 100 Prozent.» Dabei lacht der 33-jährige Australier, der aussieht wie Ewan McGregor, dem man eins übergezogen hat. Ist es diese rabaukige Unbeschwertheit, die ihn unverwundbar macht? Oder seine spielerische Unerschrockenheit? Fast wäre Worthington James Bond geworden («Ich war unter den letzten drei Kandidaten.»). Jetzt hebt seine Karriere mit grossen Actionkisten wie «Terminator Salvation» oder «Clash of the Titans» ab.

Und wie ertrug Co-Darstellerin Sigourney Weaver die Launen ihres Regisseurs? Die 60-jährige Amerikanerin, die bereits bei «Aliens» (1986) mit Cameron gedreht hatte, blieb cool. Und nutzte dessen Exzentrik: «Ich baute Camerons nervöse Energie, sein Fingerschnippen, sein ewig forderndes ‹Wo ist es, wo ist es?› in meine Figur ein.» Das wiederum beeindruckte Cameron so sehr, dass Weaver in «Avatar» darf, was in einer Weltraumstation sonst nicht mal Bösewichte dürften – an einer Zigarette ziehen.

«Frauen sind interessanter»

Dank Sigourney Weaver ist Camerons Palette an resoluten Frauenfiguren (man denke etwa an Sarah Connor in den «Terminator»-Filmen) um ein Exemplar reicher geworden. «Was ich nicht begreife», sagt der Regisseur, «ist, weshalb Hollywood nicht mehr auf Frauen setzt.» Diesbezüglich ist Cameron eine Ausnahme. Aussergewöhnlich ist auch, dass ein Hollywood-Regisseur wie Cameron alle Drehbücher selbst schreibt. Ganz zu schweigen davon, dass ähnlich teure Werke nur gedreht werden, wenn sie auf Bestsellern («Harry Potter»), etablierten Marken («James Bond») oder Superheldencomics («Spider-Man») basieren. «Avatar» aber ist ein Originalstoff – auch das eine grosse Ausnahme.

Wie hält es ein Exzentriker wie Cameron mit der Nervosität? «Ich habe mich auch schon gefragt, ob wir mit unserer Werbekampagne tatsächlich alle Zielgruppen erreicht haben. Vor allem die Frauen.» Ausgerechnet. Jeder andere Regisseur hätte mit dieser Aussage gerade kommerziellen Selbstmord begangen. Aber nicht James Cameron. Er spielt in einer anderen Liga. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.12.2009, 09:55 Uhr

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