Kultur
Gottes «Drache» in der Bronx
Eisenhart unter der Haube: Meryl Streep als Schwester Aloysius in der Kinoadaption von John Patrick Shanleys preisgekröntem Broadway-Stück «Doubt». (Bild: Andrew Schwartz/zvg)
Kammerspiel um Wahrheit und Glauben
In «Doubt» von John Patrick Shanley wird eine vermeintliche Gewissheit Schritt für Schritt demontiert. Ein nachhaltiges Kinoerlebnis.
«Einzigartig» möchten in Hollywood alle sein. Meryl Streep ist es. Fünfzehn Mal wurde die 59-Jährige für einen Oscar nominiert – öfter als jeder andere Schauspieler. In komischen Rollen vermag sie ebenso zu überzeugen wie in ernsten. Sie kann flippig und überdreht sein wie zuletzt im Abba-Musical «Mamma Mia!» oder zugeknöpft und verbiestert wie jetzt in John Patrick Shanleys «Doubt». Mit beiden Rollen wurde Streep in diesem Jahr für den Golden Globe nominiert. Für «Doubt» erhielt sie zudem eine Oscarnominierung, und der amerikanische Schauspielerverband (SAG) wählte sie zur Schauspielerin des Jahres.
In der Kinoadaption von Shanleys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Broadway-Stück verkörpert sie die konservative, autoritäre Schwester Aloysius, die 1964 in einer katholischen Privatschule in der Bronx ein eisenhartes Regime führt. Ihr Gegenspieler, der liberale und weltoffene Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman), nennt sie nur scheinbar scherzhaft einen «Drachen». Flynn repräsentiert die Modernisierungsbestrebungen in der katholischen Kirche der 1960er-Jahre. Er ist ein kumpelhafter, lebensfroher Typ. Liebevoll kümmert er sich um den einzigen schwarzen Schüler, Donald Miller. Für die Obernonne ein Ärgernis. Während die Priester ausgelassen tafeln, sorgt sie bei ihren Mitschwestern dafür, dass jeder Teller brav geleert wird. Statt Wein gibt es Milch. Shanley greift bei seiner Inszenierung mehrfach auf derart plakative Szenen zurück. Überhaupt merkt man dem kammerspielartigen Film seine Theaterherkunft an. Auch Streep neigt mitunter zum Übertreiben.
Doch die scheinbare Gewissheit, die eine solche Schwarzweissmalerei evoziert, bricht in sich zusammen, als die junge Schwester James (Amy Adams) eines Tages beobachtet, wie Donald verstört und aufgewühlt aus Flynns Zimmer kommt. Ein Verdacht entsteht, der alles bisher Gesehene in Zweifel zieht. Das macht «Doubt» zwar zu keinem «einzigartigen», aber einem besonderen, nachhaltigen Kinoerlebnis. Stefan VolkDer Film läuft ab morgen im Kino.
Meryl Streep, Sie werden allgemein für die beste lebende Schauspielerin gehalten. Schmeichelt Ihnen das?
Meryl Streep: Das ist etwas, was mir nur bewusst wird, wenn ich mich mit Journalisten hinsetze. Zu Hause mit meiner Familie habe ich dieses Gefühl nie (lacht).
Und Ihre Kollegen? Bekommen die in Ihrer Gegenwart nicht Minderwertigkeitskomplexe?
Jüngere Schauspieler sind oft nervös, wenn sie mich treffen. Ältere Kaliber kennen normalerweise jemanden, der schon einmal mit mir gearbeitet hat und der zum Glück meinte, ich sei ganz normal. Und wenn ich mal mit meinem Text nicht weiter weiss, wird sogar den Jungen klar, dass auch Meryl Streep ihren Text vergisst.
In Ihrem neuen Film «Doubt» spielen Sie eine Oberin. Wollten Sie als Kind Nonne werden?
Ich bin nicht katholisch, aber ich hatte viele Freunde, die diese Berufung verspürt haben und ins Kloster gehen wollten. Das fand ich faszinierend, selbst hatte dieses Bedürfnis aber nie.
Ist die Schauspielerei Ihre Berufung?
Ich weiss nicht, ist sie das? Es ist sicher etwas, was mich enorm anzieht.
Haben Sie Ihre Wahl je angezweifelt?
O ja, natürlich. Die Schauspielerei ist ein enorm ungewisser Beruf. Ich war oft ohne Arbeit. Für die Aussenwelt mag es so ausgesehen haben, als hätte ich ständig gearbeitet. Aber so war es nicht. Alle vier Monate, wenn ein Film zu Ende gedreht ist, weiss ich nicht, was ich als Nächstes machen werde. Es ist wie ein riesiges schwarzes Loch, das sich vor mir öffnet. Um nicht hineinzufallen, lese ich viel und versuche, das nächste Projekt zu finden, das meine ganze Energie verdient. Aber manchmal finde ich nichts.
Das kann man sich kaum vorstellen.
Glauben Sie mir, es ist ein sehr unsicheres Geschäft. Vor allem wenn man Familie hat. Aber ich denke, das gehört zu diesem Beruf. Die Unsicherheit nimmt dem Schauspieler jegliche Stabilität, und dieser Zustand ermöglicht ihm, eine andere Person zu werden. Man lebt immer in der Schwebe.
Schauspielerinnen haben in Hollywood oft Schwierigkeiten, wenn sie älter werden. Für Sie scheint es jedoch mit zunehmendem Alter leichter zu werden, gute Rollen zu bekommen.
Erst in letzter Zeit. In 18 Monaten habe ich sechs Filme gedreht. Das habe ich vorher noch nie geschafft. Noch nicht einmal, als ich jung war und noch Energie hatte. Das hat meine Ausdauer ganz schön auf die Probe gestellt, aber ich habe diese wunderbaren Rollen einfach nicht ablehnen können.
«Mamma Mia!» war einer der grössten Kassenschlager des letzten Jahres. Eine Bezeichnung, die nicht immer mit Ihren Filmen assoziiert wird. Werden Sie nach dem Erfolg von «Mamma Mia!» in Hollywood anders wahrgenommen?
Es hat die Sicht der Studiobosse verändert, die mit dem finanziellen Teil des Filmbusiness zu tun haben. Die sagen jetzt: Lasst uns den Film zum gleichen Zeitpunkt wie «Mamma Mia!» in die Kinos bringen. Also mitten in der Blockbustersaison, als wäre ich Will Smith (lacht).
Sie sind nicht nur eine von Hollywoods begehrtesten Schauspielerinnen, Sie sind auch Ehefrau und Mutter von vier Kindern. Wie meistern Sie den Spagat zwischen Familie und Karriere?
Ich sehe meine Karriere nicht losgelöst von meinem Familienleben. Mein Mann ist auch ein Künstler und hat darum mehr Verständnis für meine Situation. Aber leicht ist es trotzdem nicht. Während der Dreharbeiten zu meinem letzten Film «Julie&Julia» zum Beispiel hatte meine Tochter eine Notfall-Blinddarmoperation. Und dann hat sie irgendeinen Drittweltparasiten aufgelesen, wurde extrem krank, war daraufhin eine Woche lang im Spital und musste dort mit Morphium behandelt werden. Das Schwierigste an meinem Leben ist, dass ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann.
Die Oscarverleihung steht kurz bevor, und Sie halten den Rekord für die meisten Nominationen. Ist es heute noch genauso aufregend wie beim ersten Mal?
Ich wünschte, ich könnte die Aufregung spüren. Aber leider fühlt es sich immer so an, als würde es jemand anderem passieren. Die Oscarzeremonie macht mich nervös, und ich schwitze jeweils schon bei der Entscheidung, was ich anziehen soll. Aber das ist es nicht, was die Oscars wirklich bedeuten. Die Floskel, dass die Nomination und nicht der Gewinn das Wichtige sei, ist wirklich wahr. Die Nomination kommt nur von den Schauspielern, die einen Stimmzettel kriegen. Für den eigentlichen Oscar können auch alle andern stimmen. Aber irgendwie scheint es bedeutender zu sein, wenn man von seinen Kolleginnen und Kollegen ausgewählt wird. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.02.2009, 11:17 Uhr



