Geprägt, gejagt, geachtet
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Nachdenklich und fast ein wenig einsam sass Roman Polanski am Dienstagabend im Foyer des Gstaader Kinos. Der bekannte Regisseur schien sich zu sammeln, bevor er den geladenen Gästen einen tiefen Einblick in sein turbulentes Leben gewährte. Zusammen mit seinem guten Freund, dem Produzenten Andrew Braunsberg, präsentierte der Weltstar sein neustes Werk – den Film «Roman Polanski: A Film Memoir». Entstanden ist er während des siebenmonatigen Hausarrests in Gstaad im Winter 2009/2010.
Vor der Aufführung richtete er sich an das zahlreich erschienenen Publikum mit den Worten: «Ich danke allen Leuten von Gstaad für ihren Support während der 40 Jahre, in denen ich hier Zeit verbringe.» Auch während seines Hausarrestes habe er sich willkommen gefühlt und habe die vielen Briefe und Besuche geschätzt.
Ein Schulterklopfen in Gstaad
Den Film über seine Geschichte werde er sich nicht ansehen: «Es ist zu schwierig für mich, die Leute und Gegebenheiten zu sehen.» Zu gross wären die schmerzhaften Erinnerungen an seine turbulente Vergangenheit.
Was erst schwer verständlich scheint, wird im Verlauf des Films nachvollziehbar: Im autobiografischen Film kehrt Roman Polanski sein Innerstes gegen aussen. Nach einem eher ironischen Einstieg in die Meldung über seine Verhaftung vor dem Filmfestival in Zürich sieht man den Regisseur zusammen mit Andrew Braunsberg in seinem Gstaader Chalet sitzen. Die beiden scheinen sich wohl zu fühlen; Andrew Braunsberg fasst dies in Worte: «In Gstaad hat dich immer ein freundliches Schulterklopfen erwartet. Die Leute kennen und mögen dich und du sie auch.»
Bei einer Tasse Kaffee unterhalten sich die beiden Freunde dann über Roman Polanskis Leben. Das Gesagte wird mit Filmsequenzen, Bildern und Fotografien untermalt und veranschaulicht.
Von Unglück und Papiertüten
Mit drei Jahren zog Polanski mit seinen Eltern und seiner Schwester von Paris nach Krakau. «Das war ein grosser Fehler», kurz vor dem Krieg aus Frankreich wegzuziehen, erzählt Roman Polanski im Film: Der Einmarsch der Deutschen, der Vater als Zwangsarbeiter und der Kampf der Mutter um die letzten Gurkenbüchsen – bewegt schildert der heute 78-jährige Regisseur seine frühe Kindheit. Mit klaren Worten und grossem Erinnerungsvermögen an Details erzählt er von Jugendfreunden, die erschossen oder vom Militär in Konzentrationslager verschleppt wurden; von einer Frau, die vor seinen Augen getötet wurde; und von der Schule, in welcher er vor allem lernte, Papiertüten zu formen.
Dieses Können demonstriert er sogleich vor laufender Kamera. «Damit lernte ich wenigstens etwas Nützliches», meint er ironisch. Dann wird er ernst und erzählt von einem der schlimmsten Momente in seinem Leben: «Eigentlich wollten sie meine Schwester holen, doch die war gerade nicht da. Da haben sie halt meine schwangere Mutter mitgenommen.» Mit belegter Stimme und Tränen in den Augen erinnert er sich. Erst lange Zeit später erfuhr er, dass sie im Konzentrationslager gestorben war. Seine Schwester hingegen hat Auschwitz überlebt und lebt heute mit ihrer Familie in Paris. Sein Vater fand den Weg zu seinem Sohn wieder, lernte eine neue Frau kennen und heiratete diese.
Der Pfadfinder wird zum Star
Schlecht in der Schule, ohne Familie und von viel Leid geprägt, erfüllte sich Roman Polanski den Traum, bei den Pfadfindern mitzumachen. Hier entdeckte er sein Talent: Seine Sketches am Lagerfeuer waren beliebt. Ein solcher Sketch brachte ihn auch zum ersten Theaterengagement: «Durch eine Radiosendung konnten Kinder die Radiostation besuchen», erzählt er. Dort angekommen, führte er der Sendeleiterin einen seiner Monologe vor. Er muss sie sehr beeindruckt haben – weil sie per Zufall auch Theaterchefin war, bot sie ihm seine erste Hauptrolle an.
Daraufhin folgten kleinere Rollen. Der fehlende soziale Hintergrund führte jedoch dazu, dass er an keiner Schauspielschule angenommen wurde. «Ich war frustriert und deprimiert», so Roman Polanski. Ein glücklicher Zufall führte ihn dann doch noch an die Filmhochschule, wo er seine Leidenschaft für die Regie entdeckte. Nach ersten Misserfolgen und schlechter Kritik kam seine Karriere ins Rollen: «Der Tanz der Vampire», «Rosmaries Baby» oder «der Pianist» sind nur drei seiner erfolgreichen Filme.
Ein schwieriges Privatleben
Auch im Privatleben erlebte er Höhen und Tiefen. Als seine zweite Frau Sharon Tate ermordet wurde, brach für ihn eine Welt zusammen: «Das war bei all den schlimmen Dingen, die ich erleben musste, die grösste Tragödie. Darüber kam ich nie hinweg», so Roman Polanski. Was die Medien aus dem Unglück gemacht hätten, verurteile er zutiefst. Ebenso geht er mit den Journalisten hart ins Gericht, die über seine Verhaftung wegen sexueller Handlung mit Minderjährigen berichteten. Sie hätten ihn gejagt und zu oft Unwahres berichtet.
«Ich war geständig, sass die Strafe ab und wurde entlassen.» Er habe sich entschuldigt, sein Verhalten sei falsch gewesen; es tue ihm leid. Dennoch musste Roman Polanski aus den USA fliehen. Er baute sich ein neues Leben in Paris auf. Hier lernte er seine neue Frau Emmanuelle Seigner kennen, mit welcher er noch heute glücklich verheiratet ist und zwei Kinder hat. Sie unterstützte ihn auch nach seiner Verhaftung und während seines Hausarrestes in Gstaad, wo er wiederum von Medien belagert wurde.
Der Film beeindruckte
Sein Leben sei ein stetes Auf und Ab gewesen. Ob er jedoch glücklicher gewesen wäre, wenn sein Leben gradlinig verlaufen wäre, darin sei er sich nicht sicher. «Ich bin Optimist; für mich ist das Glas immer halb voll», sagt Roman Polanski im Film. Er habe viel ertragen müssen, was jedoch jeweils durch schöne Momente kompensiert worden sei. Nun umgebe er sich meist mit Freunden, wie an diesem Abend in Gstaad.
Die Reaktionen über die Filmvorführung waren positiv, die Kinobesucher schienen beeindruckt und fast ein bisschen erschlagen: «Das war schwere Kost», sagte ein Besucher, und ein anderer ergänzte: «Es war ein Wechselbad der Gefühle.» Der Gemeindepräsident von Saanen, Aldo Kropf, sagte zum Film: «Die Geschichte von Roman Polanski ist eindrücklich, erstaunlich und zugleich faszinierend.» Man habe einiges über den Regisseur gewusst, doch sei durch den Film ein anderes Bild entstanden.
«Die Geschichte rund um den Hausarrest von Roman Polanski hat in Gstaad sowohl die Bevölkerung wie auswärtige Gäste und Freunde von ihm sehr bewegt», sagt Hans-Ueli Tschanz, der massgeblich an der Organisation der Filmvorführung beteiligt war. «Man hat vieles durch die Medien gewusst, jedoch nichts Persönliches über Roman Polanski», so Hans-Ueli Tschanz. Der Regisseur sei sehr medienscheu. Durch den Film erhalte man nun ein Bild von ihm, das seinem wahren Charakter entspreche. «Damit wird die bewegende Geschichte abgerundet und findet einen Abschluss», ist Tschanz überzeugt. Luzia Kunz> (Berner Oberländer)
Erstellt: 23.02.2012, 10:09 Uhr
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