Die letzte Enthüllung

Im sechsfach oscarnominierten Drama «Spotlight» gehts um die Aufdeckung eines Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. Das ist happig – und ein Requiem auf den Enthüllungsjournalismus à la Hollywood.

Starkes Schauspielerensemble: Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Brian d’Arcy James, Michael Keaton und John Slattery im Film «Spotlight».

Starkes Schauspielerensemble: Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Brian d’Arcy James, Michael Keaton und John Slattery im Film «Spotlight». Bild: Kerry Hayes/zvg

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Es gibt Filme zum Lachen oder zum Fürchten. Es gibt Filme zum Mitfiebern, Mitleiden oder Miträtseln. Und dann gibt es Filme, die einen mit einem Kloss im ­Magen zurücklassen. «Spotlight» von Tom McCarthy ist so ein Film. Wenn man nach 128 Minuten aus dem Kino kommt, ist man erst einmal fassungslos.

Der Hintergrund: 2002 publizierte der «Boston Globe» knapp 600 Zeitungsartikel über katho­lische Priester, die während Jahrzehnten Minderjährige missbrauchten und dabei stets von Kirchenoberhäuptern geschützt wurden. Federführend für die Artikelserie über Schändlichkeiten und Vertuschungsmanöver im Namen Gottes war ein Rechercheteam namens Spotlight, das während Monaten Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen zusammenfügte, bis das schaurige Puzzle passte.

Zeitreise in die Siebzigerjahre

Klingt vertraut? Tatsächlich mutet «Spotlight» von Tom McCarthy oft wie eine Zeitreise in die Siebzigerjahre an, als Filme über Enthüllungsjournalisten wie «All the President’s Men» (über den Watergate-Skandal) ihre Hochblüte hatten. Der Unterschied: Regisseur Tom McCarthy und Co-Drehbuchautor Josh Singer peitschen «Spotlight» nicht zum Thriller hoch. Stattdessen zeigen sie den zähen Alltag von Journalisten, die aufgrund der Dimensionen, die sie entdecken, bestürzt sind.

Man könnte sagen: Die Stärke von «Spotlight» ist sein Geflecht aus Hinweisen, Vermutungen und steten Neubeurteilungen einer Lage, die auf Augenhöhe mit dem Zuschauer ausgebreitet wird. Die Stadt Boston schrumpft dabei von der Metropole zum Dorf, wo jeder jeden kennt. Man war im selben Sportteam und steht nun in Bars oder an Empfängen rum, wo man sich nicht wehtun möchte. Wer neu dazustösst wie der Chefredaktor des «Boston Globe», muss dagegen als Erstes zur Audienz beim Erzbischof antraben. Der Grund: Es war immer schon so.

Ohnmacht der Opfer

«Spotlight» ist ein Film über das, was nicht ist. Und über das, was nicht gut ist. Glaubensfragen stehen dabei weniger im Fokus als die Aufdeckung maroder Strukturen. Der Vertreter einer Opferorganisation bringt dies auf den Punkt, wenn er bezüglich Ohnmacht der Geschändeten meint: «Wie sagt man Nein zu Gott?»

Dass Boston ein durch und durch katholisches Pflaster ist, zeigt sich sogar bei den «Spotlight»-Journalisten, die sich erst auf ihre eigene religiöse Alltagspraxis abklopfen, bevor sie loslegen. Die Dinge ins Rollen bringen schliesslich zwei Aussenseiter: Der engagierte Chefredaktor des «Boston Globe» ist ein Jude aus Florida (Liev Schreiber), der wichtigste Informant ein armenischer Anwalt (Stanley Tucci).

Requiem auf eine Ära

Schreiber und Tucci führen in «Spotlight» ein starkes Schauspielerensemble um Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams und Brian d’Arcy James an. Wer ihnen zusieht, bekommt ein Gespür dafür, wie mühsam und frustrierend Journalismus sein kann.

Dass «Spotlight» jetzt für sechs Oscars nominiert ist (siehe Box), hat aber noch zwei weitere Gründe: Zum einen ist der Film eine Reminiszenz an jene Zeit, als Hollywood heisse Medienstorys verfilmte. Zum andern ist «Spotlight» ein Requiem auf einen Journalismus, der sich noch monatelange Recherchen leisten konnte. Beides dürfte es in dieser Form wohl nie mehr geben.

«Spotlight»: Der Film läuft ab 25.?Februar im Kino. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 23.02.2016, 08:59 Uhr)

Die 88. Oscar-Show

Zwei Academy Awards sind so gut wie vergeben: Leonardo DiCaprio dürfte als Rächer in «The Revenant» seinen ersten Oscar als Hauptdarsteller abholen, Brie Larson ist als Hauptdarstellerin im Entführungsdrama «Room» (Schweizer Kinostart: 17.?3.) ebenfalls haushohe Favoritin.
Spannung verspricht das Rennen um den besten Film: Neben «Spotlight» stehen die Finanz­satire «The Big Short» von Adam McKay und das Rachedrama «The Revenant» von Alejandro G.?Inarritu hoch im Kurs. Blockbuster wie «The Martian» und «Mad Max: Fury Road» dürften erneut das Nachsehen haben.
Nichts zu melden haben bei den 88.?Oscars die Afroamerikaner, die in keiner der Hauptkategorien nominiert sind. Ein Afroamerikaner steht trotzdem auf der Bühne: Chris Rock. Der Komödiant muss die Show moderieren.zas
88. Academy Awards: 28.?Februar. TV: «Der Oscar-Countdown» ab 23.05 Uhr, Verleihung ab 2.30 Uhr auf Pro?7.

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