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Die Schwester als Ersatzteillager

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 25.08.2009

Darf man einen Menschen quälen, um den Tod eines anderen hinauszuzögern? Nein, sagt ein 11-jähriges Mädchen im Film «My Sister’s Keeper» von Nick Cassavetes.

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Regisseur Nick Cassavetes behandelt in seinem neusten Kinofilm «My Sister’s Keeper» erneut ein äusserst kontroverses Thema.
Bild: Warner Bros.

   

Aus dem Reagenzglas

Was sind «Rettungsgeschwister»?

Rettungsgeschwister sind Kinder, die im Reagenzglas gezeugt werden. Mittels Präimplantationsdiagnostik werden sie auf passendes Erbmaterial untersucht und ausgewählt, um einem kranken Geschwister zu helfen. Zu diesem Zweck werden Stammzellen aus dem Nabelschnurblut des Rettungsgeschwisters entnommen oder Knochenmarktransplantationen durchgeführt.

In der Schweiz hat 2006 der Fall «Elodie» Aufsehen erregt: Das dritte Kind einer Westschweizer Familie wurde 2005 mittels künstlicher Befruchtung in Brüssel gezeugt. Elodie sollte ihrem todkranken Bruder Noah helfen, der an einer schweren Immunkrankheit litt. Die Knochenmarktransplantation fand im Januar 2006 im Zürcher Kinderspital statt. Heute ist Noah geheilt: Sein Immunsystem hat sich aus den Stammzellen von Elodie von selbst wieder aufgebaut.

Bis jetzt ist das Testen und Auswählen von Embryonen nach einer künstlichen Befruchtung in der Schweiz verboten. Doch inzwischen denkt der Bundesrat bei der Fortpflanzungsmedizin um, seit 2007 ist eine Gesetzesrevision im Gang. Die Vernehmlassung fand im Frühling 2009 statt, der Bericht dazu soll gegen Ende Jahr vorliegen. zas

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Sie könnten ganz normale Geschwister sein. Doch Anna (Abigail Breslin, «Little Miss Sunshine») wurde von ihren Eltern nur aus einem Grund gezeugt: Sie soll ihrer an Leukämie erkrankten Schwester Kate (Sofia Vassilieva) als lebendiges Ersatzteillager dienen. Von frühester Kindheit an wurden Anna in schmerzhaften Prozeduren Stammzellen und Knochenmark entnommen. Jetzt, mit 11 Jahren, soll sie ihrer Schwester eine Niere spenden. Doch Anna will nicht mehr und schaltet einen Anwalt ein.

Keine Zukunftsmusik

«My Sister’s Keeper» klingt auf Anhieb mehr nach Sciencefiction als nach Melodram. Doch der Film von Nick Cassavetes – basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Jodi Picoult – ist keine Zukunftsmusik. Tatsächlich wurde das erste «Rettungsbaby» der Welt bereits 2000 in den USA gezeugt: Adam wurde als Embryo ausgewählt, da er die richtigen genetischen Voraussetzungen hatte, um seine kranke Schwester zu heilen.

Nun sind ethische Grundsatzdiskussionen und das Aufbegehren eines Designerbabys nicht gerade das, was man in einem klassischen Melodram erwartet. Umso mutiger, wie Regisseur Nick Cassavetes («Alpha Dog») und sein Co-Autor Jeremy Leven («Don Juan DeMarco») mit dem Stoff umgehen.

Opfer und Tadel

Bereits im Vorspann wird die Familienproblematik auf den Punkt gebracht: Während sich Mutter Sara (Cameron Diaz) für die kranke Kate aufopfert und die widerspenstige Anna tadelt, versucht Vater Brian (Jason Patric) zu vermitteln. Einzig Bruder Jesse (Evan Ellingson) fühlt sich vernachlässigt. Bleibt die Frage: Was kann da während 100 Minuten noch kommen? Der Clou: Cassavetes und Leven lassen die verzwickte Lage in Anlehnung an Karl Valentin («Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen») zunächst von jeder Figur einzeln kommentieren.

Danach schwenkt das Melodram auf eine juristische Ebene um: Anna bringt den Staranwalt Campbell Alexander (Alec Baldwin) dazu, ihr Anliegen für ein Trinkgeld zu vertreten. Als Gegenspielerin tritt dabei ausgerechnet Annas Mutter auf, die vor zehn Jahren ihre Anwaltskarriere aufgab, um für ihre kranke Tochter zu sorgen. Kommt hinzu, dass sich mit dem Fall eine Richterin (Joan Cusack) befasst, die vor kurzem selbst eine Tochter verloren hat. Da sind wir wieder ganz im Melodram.

Optimistisch, ernüchternd

Regisseur Nick Cassavetes, der schon bei «The Notebook» alle Register der Rührung zog, hält sich auch hier nicht zurück. Entsprechend leicht sind die Schwächen des Films auszumachen: Tränendrückermusik, ein zerdehnter Schluss und schlecht ausgeleuchtete Nebenfiguren stören die Balance. Trotzdem bleibt «My Sister’s Keeper» bemerkenswert. Selten wurde ein Film über das Sterben so optimistisch erzählt, selten war der amerikanische Traum so ernüchternd: Sara, einst eine siegesgewohnte Anwältin, lernte nie, dass man im Leben auch verlieren kann. Cameron Diaz, sonst die Ulknudel vom Dienst, spielt diese Frau, die ihre Tochter wie eine Trophäe verteidigt und damit die Familie aufs Spiel setzt, sehr zurückhaltend. Als sich Kate im Spital in einen gleichaltrigen Leukämie-Patienten verliebt, sitzt sie als Beobachterin einfach da. Und strahlt. Es ist die beste Szene des Films.

Köstlich auch, wie Alec Baldwin und Joan Cusack als Anwalt und Richterin ihre Rollen ironisieren. Das bringt Leichtigkeit in einen Film, dessen Schlusspointe noch einmal das schwere Grundthema aufnimmt: Wer bestimmt, wann das Leben eines Menschen wichtiger ist als das eines andern? (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.08.2009, 10:46 Uhr

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