Die Sache mit dem Polizeipferd

Regisseur Mike Leigh erzählte am Zurich Film Festival gut gelaunt von der Entstehung seiner Filme.

Mike Leigh gab Auskunft über seine traurigen und komischen Filme. Foto: Doris Fanconi

Mike Leigh gab Auskunft über seine traurigen und komischen Filme. Foto: Doris Fanconi

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Mike Leigh hat eine so einzigartige Arbeitsweise, dass ihn alle immer danach fragen. Am Samstag bei seiner ZFF Master Class im Filmpodium erklärt der 72-jährige Regisseur von «Mr. Turner» deshalb, er wolle über anderes reden. Doch Leighs Methode ist nun mal interessant und sei hier darum kurz umrissen: Er wählt Schauspieler aus und entwickelt mit diesen in monatelangen Improvisationen Figuren. Dann werden sie aufeinander losgelassen, aus der gemeinsamen Improvisation entstehen Situationen, und wenn sich die Handlung des Films so herauskristallisiert hat, werden Szenen festgelegt und erst am Ende gefilmt.

Der Filmjournalist Peter Cowie gehörte zu den wenigen, die Leighs Debütfilm «Bleak Moments» (1971) mochten, und so ist er ein sehr guter Gesprächspartner für den Regisseur. Als Kind sei er gern ins Kino gegangen, erzählt dieser, aber damals schon habe er sich gefragt: «Warum gibt es eigentlich keine Filme mit richtigen Leuten?» Im Manchester der Fünfzigerjahre gab es keine nicht englischsprachigen Filme zu sehen, vom italienischen Neorealismus, in dessen Filmen oft Laien, also richtige Menschen, mitspielten, erfuhr Leigh erst, als er nach London zog, um Theater zu studieren.

Und natürlich kommt man im Gespräch dann eben doch auf die leighsche Methode zu sprechen, um die sich so viele Legenden ranken. Besonders interessiert die Frage, wie lange ein Schauspieler in einer Figur drin bleibe. Dazu erzählt Leigh eine Geschichte von den Vorarbeiten zu «High Hopes» (1988): In dieser Improvisation spielte ein Schauspieler einen Fremden, der einen ­Londoner nach einer Adresse fragen sollte. Damit der Ortsansässige gezwungen war, seinen Stadtplan zu holen, hatte Leigh eine Adresse erfunden. Noch während die beiden Männer auf dem Stadtplan vergeblich nach der Adresse suchten, «erschien plötzlich ein Riesenpferd mit einem Polizisten obendrauf auf der Bildfläche. Die Schauspieler wussten nicht, dass der Polizist echt war, fragten ihn nach der Adresse, worauf der sein Walkie-Talkie zückte», und Leigh sah alle schon wegen Verunglimpfung der Staatsgewalt im Gefängnis landen: «Ich rannte aus meinem Versteck hervor, rief: ‹Kommt aus der Figur raus!›, was die beiden Schauspieler anstandslos taten, nicht aber der Polizist und das Pferd.»

Mit solchen Geschichten bringt Leigh, der mal wie ein mürrischer, mal wie ein fröhlicher, etwas angegammelter Teddybär wirkt, das grosse und erfreulich junge Publikum zum Lachen. Gern hört man, dass er nach «Mr. Turner» (2014) erneut an einem historischen Film arbeitet: Es soll darin um eine Demonstration 1819 in Manchester gehen, an welcher zahlreiche Menschen friedlich für mehr Wahlrechte demonstrierten, aber von der hysterischen Staatsgewalt zusammengeschossen wurden. Dann könne man sich ja nächstes Jahr auf den Film freuen, meint der Interviewer. «Nein», antwortet der Regisseur, «wir sind zwar schon seit letztem Jahr am Recherchieren, aber ­drehen können werden wir erst 2017.»

Sein berühmtestes Werk ist noch immer «Secrets & Lies», für das er 1996 in Cannes die Goldene Palme erhielt. Es ist die Geschichte einer adoptierten Schwarzen, die sich auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter macht und erfährt, dass diese eine weisse Spiessbürgerin ist. Immer wieder wird der Regisseur gefragt, ob seine Filme nun tieftraurig oder saukomisch seien. Beides, meint er, und je nachdem, wie viel Sinn für Humor jemand habe, empfinde man eine Szene als tragisch oder eben komisch. «Es gibt aber natürlich auch Leute, die haben überhaupt keinen Sinn für Humor», stellt Mike Leigh fest, «die werden dann Filmkritiker.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2015, 18:38 Uhr

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