Die Entrostung eines Klassikers
Das Original: Leonard Nimoy spielte Spock schon 1966. (Bild: Keystone)
Frisches und humorvolles Erbe
Im neuen «Star Trek»-Film überzeugen sowohl die Story wie auch die Schauspieler, die als Kadetten ins All aufbrechen. »Star Trek» war in seiner 43-jährigen Geschichte insgesamt zu erfolgreich, um in den Studio-Archiven zu verstauben. Doch die Enterprise musste vor einem Relaunch in die Werkstatt und samt Crew tüchtig überholt werden. Das Raumschiff war nämlich auf Grund gelaufen und endgültig zum Sci-Fi-Klischee verkommen.
Als Top-Mechaniker wurde Regisseur J.J. Abrams angeheuert, der nach den TV-Hits «Felicity», «Alias», «Lost», «Fringe» und dem dritten Teil der «Mission Impossible»-Reihe derzeit als nächster Steven Spielberg gehandelt wird.
Neues Publikum ansprechen
Abrams engagierte ein Autoren-Team von Trekkies und Anti-Trekkies, um mit einem neuen Approach abgewanderte Fans zurückzuholen und gleichzeitig ein neues Publikum anzusprechen: «Viele Leute meinen, ‹Star Trek› sei nichts für sie. Die wollen wir ins Kino holen», so der designierte Verjüngungskünstler. «In Frankreich besteht zum Beispiel das Problem, dass die TV-Serie von kanadischen Sprechern synchronisiert wurde und bei den Franzosen deshalb nie gut ankam. Das ist selbst nach 40 Jahren noch eine Hürde.»
Optimales Timing
Das Timing, alte Hindernisse zu überwinden, könnte nicht besser sein: «Star Trek» spricht mit seiner hoffnungsvollen Zukunftsbotschaft durch das Zusammenwirken von verschiedenen Kulturen im Obama-Zeitalter ein grosses Publikum an. Die «Yes we can!»-Attitüde ist Uhura (Zoe Saldana), Sulu (John Cho), Scotty (Simon Pegg) & Co. geradezu ins Gesicht geschrieben. Dazu kommen die solide Story, genug Humor und die liebevolle Verbeugung vor dem Kult-Erbe: Eröffnet wird die neue Saga mit einer atemberaubenden Action-Szene, in der James T. Kirk geboren wird, während sein Vater im All den Heldentod stirbt.
Parallele Momentaufnahmen von der Kindheit von Kirk und dem halb Mensch, halb Vulkanier Spock animieren bewusst zum Schmunzeln. Die beiden treffen schliesslich erstmals in der Starfleet Academy aufeinander, wo ein Notstand die Kadetten – das Schauspieler-Ensemble wird überzeugend angeführt von Chris Pine als Kirk und Zachary Quinto als Spock – zum Jungfernflug der Enterprise zusammenwürfelt. Und alsbald heissts: «Boldly go, where no man has gone before…»
»Es ist ein grosser Film mit einem grossen Herz», sagt Leonard Nimoy, der sich 1966 erstmals Spocks Vulkanier-Ohren ankleben liess, über den neuen «Star Trek»-Film. Dieses Qualitätssiegel war Regisseur J.J. Abrams besonders wichtig: «Es war uns klar: Es musste uns jemand vom Original den Segen geben, sonst hätten die Trekkies den Film abgelehnt, ohne ihn überhaupt anzusehen.»
Der mittlerweile 78-jährige Nimoy hat im Film nicht nur einen Cameo-Auftritt, sondern er hatte auch beim Casting des jungen Spocks seine Hand im Spiel.
Intelligenz und Innenleben
«Zachary Quinto sieht mir nicht nur ähnlich, sondern er vermittelt auch eine Intelligenz und ein Innenleben als Schauspieler. Das ist für Spock sehr passend.» Und die Ironie des Schicksals: Sowohl Nimoys wie Quintos Vater waren Herren-Friseure – was allerdings das Abrasieren der Augenbrauen für Zachary Quinto, bisher hauptsächlich als Bösewicht Sylar aus der TV-Serie «Heroes» bekannt, nicht einfacher machte: «Ich trug privat die ganze Zeit grosse Hornbrillen, damit es nicht so auffiel», lacht er heute.
Spock zu entrosten und ihm einen komplexen Hintergrund zu geben, war für den 31-Jährigen nicht schwierig: «Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war – ich wollte mich darauf vernünftig und erwachsen verhalten, aber irgendwie auch ein Kind bleiben. Dieses Hin und Her prägte mich fürs Leben. Spock hat einen ähnlichen inneren Kampf mit seiner Identität als halb Mensch, halb Vulkanier. Er gehört nirgends ganz dazu.»
Dass er als Schauspieler wie Nimoy schubladisiert werden könnte, glaubt Quinto weniger: «Sciencefiction hat heute nicht mehr das Stigma wie damals», meint er. «Ausserdem ist das Gedächtnis heute viel kürzer – das Publikum vergisst schneller, wer was gespielt hat.»
Spock, der Fotograf
Spock mag Leonard Nimoys Schauspiel-Karriere ausgebremst haben. Bitter wurde er deshalb nicht und entwickelte sich stattdessen als Regisseur, Kunstsammler und Fotograf weiter.
Vor zwei Jahren versetzte er mit Nackt-Fotos korpulenter Frauen seine Fans ins Staunen: «Die Idee kam, nachdem ich erstmals ein Plus-Size-Model fotografierte und ihr Bild immer die meiste Aufmerksamkeit erhielt», so Nimoy, der nächstes Jahr Fotos über verborgene Identitäten ausstellen wird. «In Amerika wiegt das durchschnittliche Model 25% weniger als die durchschnittliche Frau. So sagt man ihnen dauernd, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, was ich sehr tragisch finde. Deshalb wollte ich die Schönheit dieser Frauen präsentieren.»
Kumpel nicht mehr dabei
Während sich Nimoy und Quinto weiterhin privat austauschen, hatte Chris Pine (Kirk) erst diese Woche das Vergnügen, seinen Vorgänger William Shatner bei dessen jährlicher Benefiz-Veranstaltung persönlich kennenzulernen. Shatner hatte sich auf Youtube beklagt, übergangen worden zu sein. «Shatner ist ein Showman, wirklich sauer war er nie», behauptet J.J. Abrams. «Wir haben versucht ihn einzubauen, obwohl Kirk in ‹Star Trek Generations› starb. Aber das passte einfach nicht und nur an einer Cameo-Rolle war er ohnehin nicht interessiert.»
Leonard Nimoy, nach wie vor gut befreundet mit Shatner, bedauert, dass sein alter Kumpel nicht mit von der Partie ist: «Angeblich wollte man ihn integrieren, aber er sagt, er hätte keinen Part offeriert bekommen. Weiter habe ich nicht nachgefragt. Das ist seine Privatsache.» Und Chris Pine hatte seinen eigenen Kummer: Nach seinem ersten, verpatzten Vorsprechen erhielt er zwar eine zweite Chance – und die Rolle. Doch inzwischen hatte er auch eine Zusage für einen Film mit George Clooney bekommen.
«Ich war gleichzeitig im Hoch und im Tief», erinnert sich der 28-Jährige. «Am Schluss fragte ich mich, welche verpasste Chance ich in fünf Jahren wohl mehr bereuen würde. Und an diesem Punkt meiner aufblühenden Karriere ist das ‹Star Trek›.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.05.2009, 07:53 Uhr
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