Der Blick zurück ist mehr als Nostalgie
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Ebenfalls im Rennen für den Oscar: «Hugo» von Martin Scorsese.Video
Hoch im Kurs für den Oscar: Der Stummfilm «The Artist».Artikel zum Thema
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Es kommt einem vor wie ein böser Gag, ausgedacht von einem Drehbuchautor mit einem Flair für die tragischen Ironien der Geschichte. Am 18. Januar dieses Jahres meldete eine neue Studie, dass inzwischen mehr als die Hälfte aller Leinwände in Europa auf digitale Projektion umgerüstet sind. Die unfreiwillige Pointe dazu erreichte uns nur einen Tag später aus Rochester, New York: Am 19. Januar musste das traditionsreiche Film- und Fotounternehmen Eastman Kodak Konkurs anmelden, weil es die digitale Gegenwart verschlafen hatte.
Und wie zum Hohn kam gleichzeitig «The Artist» in die Kinos, diese hinreissend anachronistische Liebeserklärung ans klassische Hollywood, als die Lichtspielträume noch auf Zelluloid durch die Projektoren ratterten. Da trafen Ereignisse zusammen, die von den Opfern des Medienwandels erzählen: hier der Stummfilm, der sich in nostalgischer Wonne vor den Stars verneigt, die einst am Tonfilm zerbrachen; da der Bankrott von Kodak, der symbolisch das Ende der Filmrolle in der digitalen Ära besiegelt.
In der Geschichte schwelgen
Das Schicksal von Kodak liefert so den wirtschaftshistorischen Begleitakkord zur akuten Nostalgie, mit der das Kino gerade auf seine Anfänge zurückblickt. Das gilt für «The Artist» wie für Martin Scorsese, der in seinem neuen Film «Hugo» noch tiefer in der Frühgeschichte des Kinos schwelgt. Aber mehr noch als beim Stummfilm wird bei Scorsese deutlich: Es greift zu kurz, bloss von einem Nostalgiezug durch das Kino der Gründerväter zu sprechen. Die Retroschiene zeugt hier auch vom Geschichtsbewusstsein einer Kunstform, die sich gegen neue Medien behaupten muss. Im grossen digitalen Umbruch vergewissert sich das Kino seiner eigenen Anfänge.
«Hugo», die Verfilmung des Jugendbuchs «Die Entdeckung des Hugo Cabret», ist ein Märchen über einen Waisenjungen, der hinter den Kulissen der Gare Montparnasse in Paris haust. Wir sind im Jahr 1931, und der kleine Hugo träumt davon, einen kaputten Automaten, den sein Vater ihm hinterlassen hat, wieder zum Laufen zu bringen. Über Umwege entdeckt er dabei das Geheimnis um einen griesgrämigen Alten (Ben Kingsley), der im Bahnhof Spielsachen feilbietet: Der Herr ist Georges Méliès (1861–1938), der lange vergessene Pionier des fantastischen Films.
Die Passion des Cineasten
Es ist ein seltsam steriler Film, angesiedelt in einem unwirklichen, wie in Bernstein eingefassten Bilderbuch-Paris. Die psychologische Mechanik um den einsamen Jungen klappert so aufdringlich, dass es wehtut. Aber dann gibt es diese langen Exkurse zu den Ursprüngen des Kinos, die Scorsese mit der ansteckenden Passion des Cineasten zu eigentlichen historischen Themenparks arrangiert. Ganz egal, dass der Regisseur seine Story dabei völlig aus den Augen verliert: Wenn uns Ben Kingsley als Monsieur Méliès durch sein Kabinett der Spezialeffekte führt, kommt endlich Leidenschaft in diesen Film.
Ja, «Hugo» mag ein überkandidelter Kinderfilm sein, aber es ist ohne Zweifel auch der teuerste und aufwendigste Crashkurs zur Frühgeschichte des Films, der je für die grosse Leinwand gedreht wurde. Scorsese, diese wandelnde Enzyklopädie des Films, steht ohnehin nicht im Verdacht, ein naiver Nostalgiker zu sein. Als Gründer und Präsident der World Cinema Foundation leistet er unschätzbare Dienste für die Erhaltung und Restaurierung des filmischen Erbes in aller Welt.
Sein Blick zurück ist nicht wehmütig, sondern leidenschaftlich historisch. Die gute alte Zeit ist bei ihm vor allem ein Versprechen für die Zukunft: Wenn der 69-jährige Regisseur nun in der Vergangenheit schwelgt, träumt er nicht nur von einer versunkenen Ära des Films, sondern von allem, was das Kino in Zukunft noch zu leisten vermag.
Rückblick auf die Vergangenheit des Kinos
Das sieht man schon daran, dass er die Epoche nicht irgendwie «stilecht» mit dem filmischen Repertoire von damals zu rekonstruieren versucht. Scorsese hat «Hugo» digital in 3-D gedreht. Ganz anders als Michel Hazanavicius in «The Artist» nutzt er alle technischen Möglichkeiten der Gegenwart, um nochmals den «Wahrnehmungsschock» (Walter Benjamin) spürbar zu machen, den das Kino der Pioniere erzeugte. So setzt er Méliès, diesem ersten Trickkünstler des Kinos, ein Denkmal, das mit allen digitalen Tricks ausgerüstet ist. Er würdigt den Pionier des «Kinos der Attraktionen» mit den Attraktionen, die das Kino hundert Jahre später zu bieten hat.
Scorsese kommt einem dabei ein bisschen vor wie Walter Benjamins «Engel der Geschichte», der auf die Vergangenheit des Kinos zurückblickt, während er vom Sturm des digitalen Fortschritts in die Zukunft mitgerissen wird. Méliès dagegen – auch daran erinnert Scorseses Film – hatte bald einmal das Nachsehen. Und die Umstände seines Niedergangs ab 1912 klingen wieder so, als habe ein Drehbuchautor nach einer besonders ironischen Wendung gesucht: Méliès, Sohn eines Schuhfabrikanten, musste mit ansehen, wie ein Grossteil seiner Filme zwangsversteigert und eingeschmolzen wurde – und als Rohmaterial für Schuhabsätze endete.
Abschied vom Zelluloid
Eine vergleichbare Szene für das Ende einer Epoche findet sich in «The Artist», als der ausrangierte Stummfilmstar in seiner Verzweiflung sein privates Filmarchiv anzündet. Diese Feuerbestattung seiner Vergangenheit wirkt wie doppelt belichtet: Das kleine Inferno fasst einerseits den Untergang des Stummfilms in ein loderndes Bild – und wirft zugleich seine Schatten voraus in unsere digitale Gegenwart. Die brennenden Filmrollen vor Augen, denkt man unweigerlich an heute, wo das Kino sich unter Schmerzen vom Zelluloid verabschiedet.
Im Konkurs von Eastman Kodak hat dieser Abschied sein symbolträchtigstes Opfer gefunden (mit der Berner Schwarz Film AG, zuletzt im Besitz der Egli Film, hat im letzten Herbst auch in der Schweiz ein traditionsreiches Labor seine Tore geschlossen). Die bittere Ironie bei Kodak: Der einstige Marktführer hatte die neue Technologie, die ihm nun den Todesstoss versetzt hat, einst selbst entwickelt. Eine der ersten digitalen Kameras war 1975 noch in den Labors von Kodak entworfen worden.
Doch seit den Anfängen unter dem Fotopionier George Eastman war Kodak nicht auf die Hardware ausgerichtet, sondern auf den Verkauf von Verbrauchsmaterial. Und weil die Firma von diesem Geschäftsmodell nicht abrücken wollte, verfolgte man damals den digitalen Weg nicht weiter. In der Kunst kann die Rückbesinnung auf die Anfänge durchaus produktiv sein – für einen Technologiekonzern ist sie fatal.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.02.2012, 15:18 Uhr
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